„Selbst Einstein hatte nur ’ne 4 in Mathe und war später mal total genial“

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Die erste Schulwoche im neuen Jahr hat begonnen, und einigen graut es sicherlich schon vor diesem einen Fach: Mathe. Die einen lieben es, den anderen dreht sich vor jeder Mathestunde der Magen fünfmal um. Wir haben mit Mathelehrern aus der Region gesprochen: Gibt es wirklich nur die Superbrains und Nullchecker? Was fasziniert an dem Fach? Und kann jeder Mathe verstehen?

Wer früher Schloss Einstein guckte, weiß, dass sogar Einstein eine Vier in Mathe hatte. Und dennoch einer der bekanntesten Wissenschaftler unserer Zeit geworden ist. Trotzdem graute es mir jeden Tag vor den Mathestunden, und dieses Grauen zieht sich über meine schulische Karriere bis heute hinaus: Bevor ich angefangen habe diesen Artikel zu schreiben, hatte ich mindestens drei Albträume – mit dem immer gleichen Szenario: der Abend vor einer wichtigen Matheklausur, die über meine ganze Zukunft entscheiden sollte. Und ich, ich hatte natürlich nicht gelernt. Für mich fatal, denn ich gehöre zu den Menschen, für die Mathe der reinste Horror ist. Die Tatsache, dass ich seit fast fünf Jahren mein Abitur in der Tasche habe, verstand mein Gehirn in diesem Moment nicht. Dabei war und ist Mathe ziemlich wichtig, auch im Alltag.

Die ersten Nachweise von Zählverfahren reichen fast 50 000 Jahre zurück. Denken wir an die Pyramiden – ohne die exakten Berechnungen der Form wäre der Bau nicht möglich gewesen. Auch aus der babylonischen Mathematik aus der Zeit von 1800 vor bis 100 nach Christus liegen etwa 400 Tontafeln vor, die zwar ein unterschiedliches Zahlensystem zu den Ägyptern aufzeigen, jedoch auch die gleichen vier Grundrechenarten: Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division.

Trotz der Wichtigkeit zog sich der Hass auf Mathe durch meine schulische Karriere – sodass ich irgendwann den Anschluss verlor. „Ein häufiges Problem ist, dass die Themen in Mathematik in einem starken Maße aufeinander aufbauen“, sagt Doro- thea Heller von der Hünfelder Wigbert- schule – und meine ehemalige Matheleh- rerin in der elften Klasse. Spiralcurriculum nennt man dies. „Lücken in einem Teilge- biet machen sich somit in den folgenden Schuljahren bemerkbar.“ Bruchrechnung sei beispielsweise ein Themenbereich, in dem oft solche Lücken entstehen. Und das fange schon in der sechsten Klasse an und ziehe sich bis zum Abitur durch verschiedenen Anwendungen.

„Das kann ich sowieso nicht“

Meine Lücke fing anscheinend schon in der dritten Klasse an, denn ab da ging es stetig bergab beziehungsweiße bergauf mit den Noten. Wie viele hatte ich das Gefühl, dass es jene gab, für die Mathe das einfachste Fach der Welt war, und dass es die andere Seite gibt meine Leidensgenossen: die Nullchecker.

„Wie in jedem Fach gibt es auch in der Mathematik das komplette Spektrum an Schülerleistungen“, sagt Mathelehrer Albrecht Töpfer von der Fuldaer Richard- Müller-Schule (RiMS). „Allerdings tendiert man dazu, das durchschnittliche Mittelfeld, das die große Mehrheit der Lernenden ausmacht, nicht wahrzunehmen.“ Der Notenspiegel in meiner Schulzeit zeigte, dass es ein Mittelfeld gibt. Aber entweder wurde über die Eins des Klassengenies diskutiert oder darüber, warum ich trotz intensiven Lernens gerade so noch eine Vier bekommen hatte. Verständlich, dass sich meine Euphorie für das Fach in Grenzen hielt.

Ein wichtiger Punkt sei zudem die Einstellung des Schülers. Das betont auch Dorothea Heller: „Oft höre ich beispielsweise Sätze wie ‚Das kann ich sowieso nicht‘ oder ‚Das ist zu schwer‘, bevor sich der Schüler überhaupt mit der Aufgabe beschäftigt.“ Kommt mir bekannt vor. Nach dem zweiten Ver- such hatte ich meist auch keine Lust mehr, mich durch Intervalle, X und Y – und später auch noch Z zu kämpfen.

Anscheinend bin ich damit nicht alleine: Die jüngste Studie des IQB- Bildungstrend der Kultusminister- konferenz zeigt, dass ein Viertel der Neuntklässler in Deutschland die Mindestanforderung in Mathe nicht erfüllten – in Hessen sind es gar 28,8 Prozent. Gymnasien schneiden in der Studie dabei bundesweit am schlechtesten ab: In fast allen Fächern ging dort die Leistung zurück.

Ob das nur an der Einstellung liegt? „Der Lernaufwand in Mathematik ist mit dem der anderen Fächer zu ver- gleichen. In der Sekundarstufe eins lässt sich beobachten, dass sich Fleiß und Gewissenhaftigkeit auszahlen. Da schneiden die Mädchen besser ab als die Jungs, die in dem Alter oftmals keinen Bock auf Schule haben“, sagt Dr. Leonhard Hering von der Wigbert- schule. „Kein Bock“, das bedeutet meist auch schlechtere Noten. Ist ja ganz klar: Schüler, vor allem in der Pubertät, opfern nur ungern ihre kostbare Freizeit für ein Fach, das ihnen schwerfällt. „Dabei ist Mathematik im Prinzip wie eine Sprache. Auch hier müssen Anwendungen und ein paar wenige ‚Vokabeln‘ gelernt werden“, sagt Albrecht Töpfer. „Es gibt beispielsweise nur fünf Potenz- gesetze. Da ist es aufwändiger, die Deklinationsregeln im Französischen zu lernen.“

Der Lehrer macht’s aus

Aber auch Fleiß und Tränen zahlen sich nicht immer aus: Dass es bei mir nicht wirklich fruchten wollte, habe ich dann irgendwann gerne mal auf meine Lehrer geschoben. Tatsächlich hat mir das Fach bei einigen Lehrern mehr Spaß gemacht als bei anderen. „Schüler merken, wenn du selbst Spaß an dem Fach hast. Ich liebe beispielsweise die Mathematik und habe Freude am Unterricht. Das kann sich auch auf die Klasse und Schüler übertragen“, sagt Leonhard Hering.

Es gibt sie nämlich: Jene Lehrer, die sich – auch wenn es bestimmt anstrengend ist – mit einzelnen Schülern und deren Problemen auseinandersetzten. Und es gibt jene, denen es schlichtweg egal ist, ob irgendjemand aus der Klasse das The- ma versteht oder eben nicht. Hauptsache der Lehrplan wird durchgepowert. Keine Frage: Die Lehrer wissen alle, wovon sie reden, sonst hätten sie wohl nicht das Studium überstanden. Nur die Art, ein Thema dem Schüler nahezubringen, fand ich eher mangelhaft – das übrigens auch in anderen Fächern der Fall ist. Diese Art von Lehrer schafft es, jegliches Vergnü- gen und Interesse an der Welt der Zahlen zu nehmen.

„Die Persönlichkeit des Lehrers und die Lehrer-Schüler-Beziehung spielt eine große Rolle für den Unterricht und das damit verbundene Verständnis eines Faches“, sagt Anja Brehl, ebenfalls Mathelehrerin der Wigbertschule. Sie versuche den Schülern Themen so einfach wie es geht verständlich zu machen, und ihnen Leit- fäden an die Hand zu geben. „Kopfrechnen ist wichtig. Sollte aber bei einigen Aufgaben nicht im Vordergrund stehen. Dafür gibt es Taschenrechner“, erklärt Anja Brehl. Wichtiger sei das Verständnis für die Aufgaben.

Auch Ziele können Motivation für Mathematik schaffen, sagt Albrecht Töpfer von der RiMS: „Das sind beispielsweise der Abschluss oder das Ziel einer besseren Note im Zeugnis.“ Meine Motivation war damals das Abitur, und wenn nichts ging, half mir die Tatsache, dass ich ‚eh nichts mit Mathe mache‘. Hat super funktioniert, wie ich finde.

Was die Faszination an Zahlen, Kurvendiskussionen, Wahrscheinlichkeits berechnungen oder Hyperbeln auslöst, ist mir dennoch ein Rätsel. In ihrer Rolle als Cady in dem Film „Girls Club – Vorsicht bissig“ erklärte Schauspielerin Lindsay Lohan: „Mathe ist in jeder Sprache gleich“ – und da ist was dran. Es geht schließlich nicht darum Vokabeln zu lernen, sondern um logische Schlussfolgerungen aus Zahlenfolgen. Dorothea Heller sagt: „Mathe ist vielseitig und hat großen Bezug zur Realität. Es ist für viele Schüler ein Übe-Fach, in dem die Anwendungen durch Übungen immer und immer wieder wiederholt werden müssen. Bei einigen mehr, bei den anderen weniger, dadurch ist der Aufwand individuell.“ Sie findet aber auch: „Andererseits stecken logische Klarheit und Stringenz in den Aufgaben. Das erfüllt für mich auch den Aspekt der Schönheit.“

„Mathematik ist oft wie Bergsteigen“

Über die Schönheit von Mathematik lässt sich vermutlich streiten, aber wahr- scheinlich ist es wirklich die Einstellung, die einen blockiert. „Mathematik ist oft wie Bergsteigen: Man muss sich manchmal etwas quälen, bis der Gipfel erreicht ist, aber das Gefühl etwas geschafft zu haben ist herrlich“, sagt Leonhard Hering.

Und übrigens: Einstein war in Mathe doch nicht so schlecht: Eine Vier im Schweizer Schulnotensystem ist bei uns eine drei. Dort wird nämlich rückwärts gezählt.

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