Hurra, die Likes sind weg!

(Foto: Prateek Katyal/Unsplash)

Auch in einer mittelgroßen Stadt wie Fulda kennt fast jeder jeden – über so und so viele Ecken, und gerade im Social-Media-Space. Wenn du über 1000 Abonnenten hast und eine fette Anzahl Likes auf deine Beiträge bekommst, bist du Elite oder im Munde anderer Kreise auch mal schnell Fuck-Boy oder Fame-Bitch. Viele basteln sich eine Persönlichkeit auf Instagram zusammen und lassen sich diese dann in Form von Likes bewerten. Unser Gastautor Peter Frankenbach über Gesichtsakrobatik und Leistungsdruck.

Von Peter Frankenbach

Eine menschliche Existenz, ein Individuum, wird also auf ein paar Zahlen reduziert. Das klingt verwerflich. Ist es auch. Da fühlt man sich fast wie Teil einer Folge „Black Mirror“, in der es eine Art soziales Bewertungssystem gibt, das darüber entscheidet, wer welches Auto fahren darf, wer welchen Job ausüben darf und wer in welcher sozialen Schicht verkehren darf – und das beispielsweise in China quasi bereits Realität ist. Einige Menschen würden in so einem System wahrscheinlich sehr gut funktionieren, andere überhaupt nicht.

Jetzt ist es aber glücklicherweise so, dass Instagram die Like-Anzahl für einige User unkenntlich gemacht hat. Ein Testlauf, um Benutzern Stress und sozialen Druck zu nehmen. Zwar sind die Likes noch nicht vollständig verschwunden, da sich der Test nicht über ganz Deutschland erstreckt, dennoch haben jetzt einige Leute mal das Glück, spüren zu können, wie es sich ohne den Druck und den in Likes gemessenen Schwanzvergleich lebt. Andere dagegen müssen jetzt natürlich der bitteren Realität ins Auge sehen, dass es für die eigene Zukunft als Influencer aber auch als Privatperson ratsam wäre, andere Kompetenzen zu entwickeln als übertriebene Instagram-Filter für Gesichtsakrobatik zu verwenden oder Arsch, Titten, Sixpack und Bizeps zu zeigen.

„Du bist jetzt alleine. Keiner mehr da, der dir sagt, was gut ist.“

Ich glaube, wenn sich Instagram dazu entscheidet diesen Schritt der Zensur zu gehen, hat der Instagram-Algorithmus gute Chancen auf ein gelungenes Qualitätsmanagement. Was wirklich gut ist, wird gelikt, weil es gut ist und nicht, weil man von anderen Schafen dazu beeinflusst wird. Ha! Du musst nun selbst deinen Kopf benutzen. Du bist jetzt alleine. Keiner mehr da, der dir sagt, was gut ist.

Spaß. Keine Sorge! Für diejenigen, die jetzt Schweißausbrüche, einen unruhigen Magen oder gar einen Herzinfarkt bekommen haben, gibt es eine Chrome-Erweiterung namens „The Return of the Likes“, die vom Unternehmen Socialinsider entwickelt wurde. Damit kannst du Instagram so nutzen, wie du es gewohnt bist: mit Leistungsdruck.

Like-Zahlen?! So what!

Nicht nur für den durchschnittlichen User ändert sich dadurch einiges. Auch große Influencer, die jetzt auch nicht unbedingt immer für Qualitäts-Content stehen, müssen sich wahrscheinlich umstrukturieren. Wenn für dich als Unternehmen nicht mehr die Likes entscheiden, wer dein Produkt bewerben soll, dann wird es auf Vertrauen und ein gutes Auge hinauslaufen. Schlecht, wenn du als Influencer mies flachen Content erstellst und deine Likes fake und eingekauft sind.

Mir werden aktuell auch keine Likes mehr angezeigt. Das nimmt mir unglaublich viel Druck. Ich bin weniger am Handy, nachdem ich ein Bild hochgeladen habe, will gar nicht wissen, wie vielen Leuten es „gefällt“. Einfach weil es nicht wichtig ist. Ich würde mir wünschen, dass die Sache durchgesetzt wird. Es würde viele Leute entlasten und helfen, sich auf das echte Leben zu konzentrieren.

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