Macht Macht Männer zu Sexisten?

Foto: Ben Rosett/Unsplash

„Gab es schon mal so einen rapiden Abstieg eines Mächtigen?“, fragte die „Los Angeles Times“ zum Fall Harvey Weinstein 2017. Seit den 80ern soll der populäre Filmproduzent etliche Frauen sexuell belästigt haben. Nun startet der Prozess gegen den 67-Jährigen. Auch von US-Präsident Donald Trump, Sänger R. Kelly und Golf-Star Tiger Woods sind sexistische Ausfälle, wenn auch nicht in dieser Dimension, bekannt. Sind es Macht und Geld, die Männer glauben lassen, sie könnten sich alles erlauben? move36 hat nach den Ursachen geforscht, die Männer zu Sexisten werden lassen.

Im Oktober 2017 kam es zu einem Skandal um den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein. Zahlreiche Frauen aus der Filmbrache beschuldigten ihn der sexuellen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Dies löste weltweit die sogenannte #MeToo-Bewegung aus. Millionen Frauen erhoben ihre Stimmen und erzählten von ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Dadurch gerieten auch viele andere Männer in Machtpositionen in Verdacht, übergriffig gehandelt zu haben. Heute startet in New York der Strafprozess gegen Weinstein.

Er gewann einen Oscar für den Film „Shakespeare in Love“, scharte Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie um sich, war mit den US-Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama befreundet. Und er war offenbar einer, der in Frauen nur Sexobjekte sah, der sich nahm, was ihm gefiel, der – wenn die Vorwürfe stimmen – sogar vor Vergewaltigung nicht zurückschreckte. Auch wenn sein despotischer Charakter und seine sexuellen Übergriffe schon lange ein offenes Geheimnis in der Branche waren – der Fall Harvey Weinstein erschütterte Amerika vor rund zwei Jahren und hat bis heute eine Diskussion über den Sexismus mächtiger Männer in der Unterhaltungsindustrie angefacht. Auch andere Firmen reagierten. So feuerte Amazon damals den Chef der Unterhaltungssparte, Roy Price, wegen Belästigungsvorwürfen. 

Die Fälle seien nur die Spitze des Eisbergs, sagte die Schauspielerin Emma Thompson. Sie beschreibt die Entertainmentindustrie als ein „System aus Belästigung, Erniedrigung und Mobbing“. Heidi Klum äußerte sich ähnlich: „Es wäre sicher schwer, eine Frau zu finden – mich eingeschlossen –, die sich noch nie eingeschüchtert oder bedroht gefühlt hat von einem Mann, der seine Macht, Position oder körperliche Statur ausnutzt.“ Die Schauspielerin Alyssa Milano hatte Frauen dazu aufgerufen, sich unter dem Hashtag „MeToo“ als Opfer sexueller Belästigung oder Gewalt zu erkennen zu geben. Es sind unzählige. Was Frauen sich von Männern alles bieten lassen müssen, zeigt auch die Serie und Hollywood-Persiflage „Californication“.

Nicht nur Hollywood ist betroffen

Das Showbiz, in dem sich besonders viele Schöne und Reiche tummeln, mag besonders betroffen sein. Aber auch andere Branchen haben ihre Sexismus-Skandale: Im Sommer 2017 machte die im Silicon Valley verbreitete Macho-Kultur von sich reden. Auch hier gab es etliche Berichte über sexuelle Belästigungen. Aber es geht auch subtiler: Frauen seien von der Evolution benachteiligt und deshalb weniger geeignet zum Programmieren, begründete ein Google-Ingenieur den Männerüberschuss im IT-Sektor. Nachdem der eigentlich private Text durchgesickert war, musste der Typ gehen.

Noch ein Beispiel: „Geh, meine Liebe, und überprüf die Klickraten. Wir Männer kümmern uns um das Geschäft“, wurde der Expertin im Bereich künstliche Intelligenz und Firmengründerin Liesl Yearsley von männlichen Kollegen an den Kopf geworfen. Dass schlaue Männer in einem der avantgardistischsten Arbeitszentren der Welt so rückständige Geschlechterbilder haben, ist bemerkenswert, aber offenbar nicht ungewöhnlich.

Ähnliche Erfahrungen machen auch Politikerinnen. Ein Beispiel aus Berlin: Als die SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli bei einer internationalen Konferenz von einem ehemaligen Botschafter ignoriert wurde („Die Staatssekretärin ist nicht da. Ich würde sagen, wir fangen mit den Reden dennoch an.“), stand sie von ihrem Platz in der ersten Reihe auf und rief: „Die Staatssekretärin ist da und sitzt vor Ihnen.“ Darauf der Ex-Botschafter: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“

Was ist Kompliment und was Sexismus?

Keine Frage: Man muss differenzieren zwischen krassen Fällen wie Weinstein und vielleicht nicht mal diskriminierend, sondern als Kompliment gemeinten, aber dummen Sprüchen wie im Fall Chebli. Entsprechend unterschiedlich sind die Ursachen für solches Verhalten. Bei Weinstein & Co. spielen zweifellos Macht und Geld eine Rolle. Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth sagt: „Wenn man viel Macht hat und oft in dieser bestätigt wird, kann man leicht ein Allmachtsgefühl entwickeln. Die normalen Werte und Normen gelten für einen nicht mehr und sind nur für die ,normalen‘ Bürger da. In Bezug auf Sex kann das dazu führen, dass man Grenzen überschreitet, weil man sich einbildet, man habe sexuelle Verfügungsgewalt über die Menschen.“

„Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“, sagte schon der britische Historiker Lord Acton im 19. Jahrhundert. Macht also als Droge, die Männer in Sexisten verwandelt? Sie macht es auf jeden Fall einfacher, männlichen Chauvinismus auszuleben. Studien sagen, dass überdurchschnittlich viele Narzissten und Psychopathen in Machtpositionen sitzen, die zu sexistischem Verhalten neigen. Und wir wissen, wie unterrepräsentiert Frauen in Machtpositionen nach wie vor sind – mit 29 Prozent ist Deutschland europaweit im unteren Drittel.

Dass das Problem tiefer liegt, glaubt die Gießener Politikwissenschaftlerin Dr. Alexandra Kurth, die Geschäftsführerin der Arbeitsstelle Gender-Studies an der Uni Gießen ist und über Männerbünde promoviert hat. „Männer reagieren häufig sexistisch, wenn sie sich bedroht fühlen – ob real oder eingebildet, ist dabei egal“, sagt sie. Männer seien immer noch sehr von Status- und Rangkämpfen geprägt. Die Abwertung der Frau diene dazu, diese Hierarchiekonflikte durch die gemeinsame Erhebung über das andere Geschlecht zumindest zeitweilig zu befrieden.

Und warum entwickeln einige Männer sexistische Züge und andere nicht? „Das ist ein Sozialisationsprozess in der Familie und der Gesellschaft“, so Kurth. „Nach wie vor ist es für kleine Jungs enorm wichtig, sich vom Weiblichen abzugrenzen, obwohl oft sogar eine stärkere emotionale Bindung zur Mutter als zum Vater besteht. Sie dürfen sich nicht wie Mädchen mit der Mutter identifizieren, weil sie dann als weiblich stigmatisiert werden.“ Entwicklungspsychologisch habe der Junge in der Pubertät dann die Aufgabe, „sich von der Mutter zu lösen, aus dem kindlichen, abhängigen Jungen herauszuwachsen“, ergänzt der Fuldaer Sozialpsychologe Joachim Enders. „Wenn diese Trennung nicht richtig läuft, die Mutter sich beispielsweise nicht richtig zurückzieht oder der Junge besonders massive Formen der Unabhängigkeit entwickelt, kann dieser ein gestörtes Verhältnis zu Frauen entwickeln.“

Sexismus erlebt eine Renaissance

„Sexistische Einstellungen gibt es in allen Gesellschaftsschichten“, bilanziert Gender-Forscherin Kurth. „Untersuchungen zeigen allerdings, dass Männer im mittleren Management oft besonders sexistisch sind. Nämlich diejenigen, die sehr dominant sind und sich gleichzeitig ohnmächtig fühlen, weil sie nicht das erreicht haben, was ihnen vermeintlich zusteht. Diejenigen, die sich zu Höherem berufen fühlen.“ Natürlich gebe es noch andere Ursachen, die alle sehr komplex seien, sagt der Psychologe Enders. Enttäuschungen in der Liebe, die Wut und Trauer hervorrufen, können beispielsweise zur Gesinnung führen: Jetzt bin ich mal das Arschloch. „Auch beim Aufwachsen in Alkoholikerfamilien oder mit Depressiven kann es passieren, dass der betroffene Jugendliche sich auf die eigene Person zurückzieht, sich quasi rettet aus dem Elend, infolgedessen er sein Einfühlungsvermögen verliert und zum Narzissten wird“, erklärt Enders. Und Sexismus hänge sehr stark mit Narzissmus, also einer übermäßigen Ichbezogenheit, zusammen. Auch Sexisten sähen das Gegenüber nicht als gleichberechtigt an, sondern als Objekt zur Instrumentalisierung. „Daraus ergibt sich eine Form der Sexualität, die nur dem eigenen Bedürfnis dient. Für sie stellt sich nicht die Frage: Will der andere das überhaupt?“, so der Psychologe.

2017 mehrten sich Berichte über Sexismus und in allen möglichen Lebensbereichen. So gab es damals auf dem Oktoberfest doppelt so viel Sexualdelikte wie 2016. War die Zeit der Chauvis und Machos nicht eigentlich vorbei, besiegt vom Feminismus, der sich in den letzten Jahrzehnten Bahn brach? Auch Kurth beklagt eine Renaissance sexistischer Auswüchse. Das sei ein Zeichen dafür, dass es Fortschritte in der Frauenemanzipation gegeben hat. „Viele Verhaltensweisen, von denen ich dachte, sie wären längst Geschichte, erlebe ich heute wieder. Viele, die sich stark bedroht fühlen, versuchen nun mit aller Vehemenz, das wieder rückgängig zu machen.“ Und US-Präsident Donald Trump sei für diese ein Sprachrohr. Und sie sieht Parallelen zum aufkeimenden Rechtspopulismus in Europa. Nicht von ungefähr haben doppelt so viele Männer wie Frauen bei der Bundestagswahl die AfD gewählt. 

Kurth und Enders verweisen jedoch auch auf die gestiegene Sensibilität in der Gesellschaft, wodurch mehr Fälle ans Tageslicht kommen. Mehr Frauen und auch Männer brächten entsprechende Vorfälle zur Anzeige. Wie bei allen Problemen bringen aber Hysterie und Panik nichts – wie auch eine extreme Übermoral. Wenn bei jedem Pups die politische Korrektheit die Sexismus-Sirene zum Schellen bringt, weiß am Ende nämlich keiner mehr, was richtig und was falsch ist.

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