Familienwahnsinn kann so besinnlich sein

Häuser und Innenstädte erstrahlen im Lichtermeer. Glühwein wird geschlürft. Plätzchenduft in Omis Küche. Und Mütter hasten gestresst durch Geschäfte. Es ist Weihnachtszeit. Aber was macht sie eigentlich aus? Für viele sind es doch die kleinen, familiären Traditionen, die das Fest zu dem machen, was es ist: ein besinnlicher Familienwahnsinn.

Weihnachten, Familie, Familienwahnsinn
(Foto: Denise Johnson/unsplash)

Hach ja, die Weihnachtszeit. Diskussionen am Kaffeetisch, die in Gebrüll umschlagen. Weinende Mütter, denen vorgeworfen wird, ihre Kinder seien missraten. Krachende Türen, weil Opa einen latent rassistischen Kommentar zu viel rausgehauen hat. Weihnachten als Familienkiller ist der Stoff, aus dem die meisten Weihnachtsfilme gestrickt sind. Weihnachtsfamilienterror, der in einer harmonischen Besinnung auf das Wesentliche endet.

Aber so kenne ich Weihnachten eigentlich nicht, auch wenn ich mich beim 3 184 962 054. Mal „Last Christmas“ von Wham! in einen Bären verwandeln und in den Winterschlaf verabschieden möchte. Vielleicht lebe ich in einer rosaroten Christbaumkugel, aber Weihnachten bei uns läuft so ab:

Ein paar Tage vor Weihnachten holen meine Eltern den 1,80 Meter hohen Plastikweihnachtsbaum aus dem Keller, und meine Mutter vertreibt jeden, der sich wagt, in die Nähe zu kommen, aus dem Zimmer: „So Männer, ihr zischt jetzt alle mal und lasst mir meine Ruhe zum Schmücken!“ Es ist ein Phänomen, wie punktgenau dieses Schmück-Ritual ausgeklügelt ist: Exakt eine Weihnachts-CD von Celine Dion später erstrahlt der Baum in bunten Farben, und wir dürfen uns wieder blicken lassen. Um den Hausfrieden nicht zu gefährden, folgen unsere obligatorischen Lobeshymnen auf Mutters Schmückleistung.

Der Kampf durch die Matschorgie

Dass wir überhaupt einen Plastikbaum in unser Wohnzimmer stellen, ist einer mittelschweren Weihnachtskatastrophe zu verdanken. Als ich im zarten Alter von 15 Jahren war, kamen meine Eltern auf die Idee, als vorweihnachtliches Familienhappening in der nächstgelegenen Schonung unseren Weihnachtsbaum selbst schlagen zu wollen. Also wurden mein Bruder, ich, unser Golden Retriever Ronja, Arbeitshandschuhe, Säge und Axt unter dem Versprechen, wir würden mit Lagerfeuer, Kinderpunsch und Grillgut belohnt, in unseren Familien-Mitsubishi geladen, und auf ging es in den Wald. Wir hätten ahnen müssen, dass das schiefgeht, spätestens, als es anfing, in Strömen zu regnen. Tapfer wie wir sind, kämpften wir uns durch die Matschorgie namens Tannenwald und ergatterten einen schönen Baum. Aber: Es war keine nicht-nadelnde Edeltanne. Schon beim Einladen des Baumes und mit Blick auf unsere nur so vor braunen Dreckklumpen strotzenden Schuhe ahnte meine Mutter, was ihr bevorstand: Horror. Der restliche Tag bestand aus Schuhe putzen, Wäsche waschen, Hund abspritzen und Hof und Haus von den Nadeln befreien, derer unser Baum auf dem Weg in die Stube überdrüssig wurde. Seit diesem Zeitpunkt haben wir einen künstlichen Weihnachtsbaum.

Sobald das Weihnachtssymbol schlechthin steht, die Krippe ihren Platz gefunden hat und der Adventskranz leuchtet, beginnt eine Weihnachtstradition, die es wahrscheinlich nur bei uns gibt: Wir Männer nehmen das Wohnzimmer in Beschlag. Unsere Mission: die Ritterburg von Playmobil aufbauen und mit einer Lichterkette dekorieren. Ich habe keine Ahnung, warum und wann dieser Brauch entstanden ist, aber es macht Spaß. Und Mama ist wahrscheinlich jedes Jahr aufs Neue froh, dass ihre Jungs ein paar Stunden Ruhe geben.

Mit Bier in den Urlaubsfoto-Marathon

Ist der 24. Dezember gekommen, hängen mein Bruder und ich wie Schlaftabletten auf der Couch herum. Weihnachten ist ganz schön anstrengend, vor allem, weil am Vortag traditionell gefeiert wird. Mit den alten Kumpels einen über den Durst zu trinken, ist da vorprogrammiert und gehört zu Weihnachten wie Spekulatius.

Den ersten Weihnachtsfeiertag verbringen wir bei den Großeltern. Nach dem Begrüßungssekt möchte Oma natürlich ihre Bilder aus dem letzten Urlaub präsentieren. Mein Onkel und ich schauen uns angeödet an. Die erste Bierflasche zischt. Prost! Auf in den Bilder-Marathon. Nicht falsch verstehen. Eindrücke aus den Urlauben meiner Großeltern sind super, und es ist erstaunlich, wie meine 73-jährige Oma Diashows samt Musik am Notebook zusammenbastelt – aber nach dem 50. Foto irgendeiner Straße mit ein paar Fachwerkhäusern bin ich jedes Mal wieder verdutzt, dass mein Bier schon wieder leer ist.

Erst die Arbeit, dann die Geschenke

Dezent angeschwipst geht’s zum Mittagessen, und das heißt bei uns: Fisch. Ja, keine Ente, Braten oder so. Lachs-Toast, Garnelen, Kaviar, Matjes-Filets, dazu Zwiebeln, selbstgemachte Knoblauchsoße und Meerrettich stehen auf dem Programm. Und dann kommt der Moment, auf den alle warten: Die Bescherung. Als wir noch klein waren, waren mein Bruder, meine Cousins und ich der Mittelpunkt des weihnachtlichen Geschehens. Und zwar sprichwörtlich. Ich erinnere mich an viele Festtage, an denen wir vier nach der gefühlt fünften Mahlzeit – das Abendessen nicht mitgerechnet – von meiner Mutter aufgefordert wurden: „So, ihr vier singt jetzt erst mal ein Weihnachtslied, vorher gibt’s keine Geschenke.“ Danke Mama.

Versteht sich von selbst, dass diese legendären Auftritte der vier in sich hinein nuschelnden Halbwüchsigen filmisch festgehalten wurden – von meinem Vater mit einer Kamera auf der Schulter, so groß wie ein Benzinkanister mit einem 20 Meter langen Stromkabel. Diese Geschenke waren hart erarbeitet! Die anschließende Bescherung ist noch heute zugleich ein chaotisches Tohuwabohu und eine über die Jahre gewachsene Routine. Die Geschenke werden nacheinander und gesittet verteilt und ausgepackt. Schließlich möchte jeder wissen, was der andere bekommt. Doch bei dem dabei produzierten Geräuschpegel sehne ich mich regelrecht nach einem Raum ohne Menschen, selbst „Last Christmas“ auf voller Lautstärke wäre da ein Ohrenschmaus.

Ein bisschen Familienwahnsinn muss sein

Und dann ist da noch mein Vater. Der macht sich nämlich jedes Jahr eine Freude daraus, sich besonders viel Zeit beim Auspacken zu lassen, treibt damit meine Mutter zur Weißglut und löst bei mir und meinem Bruder Lachkrämpfe aus. Während Papa sich noch künstlich blöd anstellt, steht mein Opa grinsend aus seinem Chefsessel auf und fängt an, Feuerzeuge mit nackten Frauen darauf vom Sexshop Orion zu verteilen. Eine Bekannte arbeitet da. Während der ganzen Szenerie tönt es von Oma am laufenden Band: „Guckt doch mal!“, und ein greller Blitz erhellt den Raum. Sie knipst die 300 Fotos für die Weihnachts-Slideshow des nächsten Jahres.

Familienwahnsinn? Naja, vielleicht doch ein wenig. Aber eben auch chillig, albern, traditionell, verrückt, witzig, hektisch, anstrengend, fetzig. Und sind es nicht gerade diese kleinen Katastrophen, die Weihnachten so richtig besinnlich machen?

Fröhliche Weihnachten wünscht Daniel aus seiner rosaroten Christbaumkugel!

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