Wende-Interview: „Auch im Osten hadern viele mit der Wiedervereinigung“

Foto: Sascha-Pascal Schimmel

Vor gut 30 Jahren ist die Mauer gefallen, kein Jahr später war Deutschland wiedervereinigt. Ein echtes Wiedervereinigungsgefühl scheint es jedoch nicht flächendeckend zu geben. Warum das so ist, was sich ändern muss und warum die Wende trotzdem ein Erfolg ist, sagt Historiker Arndt Macheledt von der Point Alpha Stiftung im Interview.

move36: 30 Jahre Mauerfall, aber so ein echtes Wiedervereinigungsgefühl scheint es in Deutschland nicht flächendeckend zu geben. Wie schätzen Sie das ein?

Arndt Macheledt: Das kommt darauf an, wo man fragt. Wenn man sich die Gegend hier anguckt, denke ich, dass sich die Wiedervereinigung für den Großteil positiv darstellt. Der Zuspruch zur Wiedervereinigung hier in Hessen und in Thüringen ist schon sehr groß. Anders sieht es wahrscheinlich aus, je weiter man von der ehemaligen innerdeutschen Grenze weggeht. Ich glaube, dass die Wiedervereinigung zum Beispiel im Rheinland emotional nicht so angekommen ist wie hier. Aber auch im Osten hadern viele noch mit ihr. Da gibt es vielleicht mehr Leute, die das Grenzregime verharmlosen, als hier, wo der Eiserne Vorhang direkt vor der Tür gewesen ist. Hier wurden durch die Wiedervereinigung auch neue Möglichkeiten geschaffen. Menschen aus der thüringischen Rhön arbeiten nun in Fulda oder im Raum Frankfurt. Und vor der Teilung gab es familiäre und freundschaftliche Verbindungen in beide Richtungen.

Arndt Macheledt Point Alpha
Historiker Arndt Macheledt von der Point Alpha Stiftung (Foto: Point Alpha Stiftung)

Was wäre nötig, damit die Wiedervereinigung auch tiefer im Osten und tiefer im Westen richtig ankommt?

Ich glaube, die Menschen müssten viel mehr miteinander reden. Es gibt noch immer Stereotype, die gepflegt werden. Der Ossi, der immer jammert, oder der Besserwessi, der sich immer als was Besseres aufspielt. Die verschwinden nur, wenn Leute sich treffen und von ihren Erfahrungen berichten. Dafür gibt es ja auch Gedenkstätten wie unsere. Die Leute aus dem Rheinland müssen verstehen, wie es sich im Sperrgebiet gelebt hat. Aber auch die Menschen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt sollten wissen, was für ein Leben die Leute in der alten Bundesrepublik hatten, dass es nicht nur der „Goldene Westen“ war, dass der Umbruch nach 1989 auch für den Westen sehr viel bedeutet hat. Auch die alten Bundesländer haben sich seitdem sehr stark verändert.

Welche Veränderungen wären das?

Erst einmal hat sich die politische Lage komplett verändert, Deutschland steht heute ganz anders da. Der Kalte Krieg ist weggebrochen. Damals war Deutschland sehr in Watte gepackt. Die Amerikaner haben für uns militärisch alles übernommen, wirtschaftlich ging es nur bergauf. Wir erleben seit 10, 15, 20 Jahren ganz große Entwicklungen in Europa, in der Welt. Das Sozialsystem hat sich gewandelt, die Arbeitswelt hat sich geändert. In Anführungszeichen: Diese Gemütlichkeit der alten Bundesrepublik ist größtenteils verschwunden. Wir haben ganz andere Parteien, ganz andere Mitspieler. Das lässt sich nicht mehr mit der Bundesrepublik der 60er-, 70er-, 80er-Jahre vergleichen.

Zwischen 18 und 25 Prozent bei der vergangenen Europawahl: In den östlichen Bundesländern schneidet die AfD überdurchschnittlich gut ab. Warum?

Die Partei feiert auch im Westen Erfolge. In Baden-Württemberg war sie zweistellig. Dass sie in ostdeutschen Flächenländern noch deutlich bessere Ergebnisse erzielt, hat viele Gründe. Ich glaube, die gebrochenen Biographien vieler Ostdeutscher spielen eine Rolle. Sie fühlen sich bis heute benachteiligt – wirtschaftlich oder auch generell. Ihre Lebensleistungen vor der Wende werden zumindest in ihren Augen nicht genug anerkannt. Ich glaube, dass da sehr viel Frust, sehr viel Protest dabei ist. Ob die dann wirklich immer hinter den Zielen der AfD stehen, wage ich zu bezweifeln. Offensichtlich ist bei vielen 30 Jahre nach der Wende die Kränkung noch sehr stark, sie möchten endlich gehört werden, fühlen sich noch immer nicht wirklich repräsentiert im wiedervereinigten Deutschland.



Liegt ein Grund in der unterschiedlichen Entwicklung von West- und Ostdeutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs?

Das kommt natürlich dazu. Man muss sich vorstellen, die ostdeutsche Bevölkerung hat zwei Diktaturen nacheinander erlebt. Und auch in Westdeutschland hat die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf einer breiten Ebene auch erst Ende der 60er-Jahre angefangen. Aber klar, die Westdeutschen haben ganz andere Erfahrungen gemacht. Seit den 60er-Jahren sind sehr viele Gastarbeiter ins Land gekommen. Diese Erfahrungen mit Menschen mit Migrationshintergrund ist im Westen schon länger verankert als im Osten. Die DDR war bis zum Schluss ein abgeschottetes Land. Es gab nur ein paar wenige Gastarbeiter.

Kann man das Thema Ostalgie, also zum Beispiel das Feiern in FDJ-Uniform, unkritisch betrachten?

Das muss man sehr kritisch betrachten. Aber natürlich muss man dazu sagen, dass auch in einer Diktatur, in einem unfreien System nicht alle Menschen darunter leiden. Natürlich gab es auch innerhalb dieses Systems Freiräume, die sich die Bürger geschaffen haben. Es gab privates Glück, das sie erlebt haben. Daran denken sie positiv zurück. Wer mag es ihnen verdenken? Aber natürlich müssen wir auch die Opferperspektive im Blick haben. Die DDR war nicht nur Feiern und sozialer Frieden. Es gab Zuchthäuser, Verfolgung, Sperrgebiet. Die, die das nicht am eigenen Leib erlebt haben, neigen unter Umständen dazu, das zu verklären.

Am 1. Juli 1990 haben sich die Bundesrepublik und die DDR zu einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zusammengeschlossen. Einige sagen: Das kam zu früh. Hätte man damit warten können?

Sie müssen sich vorstellen, am 9. November 1989 fällt die Mauer, kein Jahr später ist Deutschland wiedervereinigt. Das ist eine unglaublich kurze Zeitspanne für eine solche Umwälzung. Das historische Zeitfenster war sehr kurz. Wenn Michail Gorbatschow, von März 1990 bis Dezember 1991 Staatschef der Sowjetunion, gestürzt worden wäre, wäre das Fenster vielleicht wieder zu gewesen. Man musste also sehr schnell handeln. Sonst hätte die DDR-Bevölkerung sicherlich mit den Füßen abgestimmt und wäre millionenfach in den Westen ausgewandert. Es musste schnell gehen, es ist schnell gegangen. Es gab ja auch keine historischen Vorlagen, die man hätte umsetzen können. Sicherlich ist da nicht alles rund gelaufen, und an vielen Fehlern, die damals gemacht wurden, nagen wir noch heute. Aber in Anbetracht der Kürze der Zeit, waren Fehler unvermeidbar.

Welche Fehler waren das?

Zum Beispiel die Umstellung des Sozialsystems, die wirtschaftliche Umstellung, die Treuhand. Man ging im Westen von völlig falschen Kennzahlen zur DDR aus. Die DDR hatte immer proklamiert, sie wäre die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt, was Humbug war. Sie stand viel schlechter da, als auch viele Westdeutsche glaubten. Diese Umstellung von Plan- auf Marktwirtschaft, die Umgestaltung der Betriebe, die viel mehr Geld gefordert hat, als man das vielleicht Anfang 1990 glaubte: Das hätte sicherlich langfristiger geregelt werden müssen. Aber das konnte so keiner einschätzen.

Wie würden Sie die Wiedervereinigung in der deutschen Geschichte einordnen?

Die Wiedervereinigung war ganz klar ein Glücksgriff. Deutschland wurde 1990 in Freiheit und in Frieden mit seinen Nachbarn geeint. Es ist kein Unruhefaktor mehr, wie das 200 Jahre lang der Fall gewesen ist, sondern ein Stabilitätsfaktor in Europa.

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