Der Staatsfeind: Klaus Tillers Kampf gegen die DDR

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Montagsdemo gegen das DDR-System im Herbst 1989 in Geisa. (Foto: privat)

Klaus Tiller ist vom Wesen her eigentlich ängstlich gewesen. Im Kampf gegen das DDR-System wurde er in Geisa trotzdem zu einer entscheidenden Figur. Ihm war klar: Wenn sein Vorhaben schiefgeht, ist sein Leben gelaufen.

Im eigenen Land als Staatsfeind zu gelten, ist schon ein Hammer. Und dann auch noch als Kind, sechs, sieben, acht Jahre alt – das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Klaus Tiller hat das in seiner Heimat, der DDR, erlebt.

Die Familie Tiller stammt ursprünglich aus Oppeln. Das liegt in Schlesien, Polen, keine 60 Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt. Während des Zweiten Weltkriegs fliehen Klaus, seine Geschwister und seine Eltern von Oppeln, damals auf deutschem Gebiet gelegen, nach Bad Frankenhausen im heutigen Bundesland Thüringen. Während der Flucht, es ist Januar 1945, ist Klaus kein halbes Jahr alt.

„Mit diesem Staat will ich nichts zu tun haben“

In Bad Frankenhausen macht der gebürtige Oberschlesier bereits früh erste negative Erfahrungen mit dem System DDR. „In der Schule galt ich schon als Kind als Staatsfeind“, sagt Klaus. „Das war in der ersten, zweiten Klasse, das ging mir nicht in den Kopf. Der Lehrer hat mir das direkt gesagt. Ich war Staatsfeind, weil ich katholisch war und in die Kirche gegangen bin.“ Die Ideologie der DDR hat den Atheismus beinhaltet. Das bedeutet: Die Existenz Gottes wird verneint oder zumindest angezweifelt. Wer anders unterwegs gewesen ist, konnte in diesem Staat schon einmal unter Verdacht geraten.

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Klaus Tiller führt als Zeitzeuge Gespräche für die Point Alpha Stiftung. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Nicht nur wegen dieser Erfahrung war sich Klaus schnell sicher: „Mit diesem Staat will ich nichts zu tun haben, ich will unabhängig sein.“ Dem heute 75-Jährigen sind auch noch die Tage ab dem 12. Juni 1963 in lebhafter Erinnerung. Damals ereignet sich in der DDR ein Volksaufstand. Sowjetische Panzer rollen daraufhin an und ersticken die Proteste. Trotz dieser Erlebnisse kommt eine Flucht für Klaus nie in Frage. „Als ich 14 Jahre alt gewesen bin, sagte meine Mutter, sie wolle nicht in den Westen, weil sie schon einmal alles verloren habe“, sagt er. „Später wollte ich wegen meiner Familie und meines Berufs nicht weg.“ Klaus trägt als Erwachsener Verantwortung für andere Menschen, die in der DDR leben und unter dem System leiden. Das ist der Hauptgrund dafür, das Land nicht zu verlassen. Er sei aber auch vom Wesen her ein ängstlicher Mensch, gesteht er. Umso beachtlicher ist die Rolle des gebürtigen Oberschlesiers, die er vor dem Mauerfall in Geisa spielt.

Probleme mit der DDR? Tiller weiß Rat

Die Arbeit führt Klaus in den 60ern dorthin. Geisa ist ein thüringischer Ort nahe Hessen. Während der Teilung ist die innerdeutsche Grenze nicht weit. Zwischen Geisa und Fulda liegen gut 30 Kilometer.

In Geisa arbeitet der heute 75-Jährige als Sozialarbeiter bei der Caritas. Später ist er Geschäftsführer des Caritasverbandes vor Ort. Eigentlich hatte Klaus Lehrer werden wollen. Unter den gegebenen Umständen sei das jedoch nicht in Frage gekommen. „Ich habe mir gesagt, das kannst du nicht machen. Du bist von deinen Lehrern belogen worden, das kannst du mit deinem Gewissen nicht vereinbaren. Du kannst die Schüler nicht zu Atheisten und Kommunisten erziehen.“

Als Sozialarbeiter hilft Klaus jungen Menschen, die Probleme bei der Jobsuche haben, weil sie nicht bei der Jugendweihe gewesen sind. Er vermittelt Leuten, die beim Fluchtversuch erwischt wurden, Rechtsanwälte. Und er organisiert über Westkontakte überlebenswichtige Medikamente.

Montagsdemos in Geisa beginnen

Das alles ist schon ein großes Wagnis gewesen. Die größte Herausforderung sollte jedoch noch folgen – im Herbst 1989. Am 18. September desselben Jahres findet, nach dem Vorbild vieler anderer Orte in der DDR, in der katholischen Kirche von Geisa das erste Friedensgebet statt. Diese Gebete waren damals ein Symbol für die Systemkritik durch die Bevölkerung. „Anschließend standen wir mit zehn, fünfzehn Leuten auf dem Kirchplatz und kamen ins Gespräch“, erzählt Klaus. „Es ging um die Montagsdemos in anderen Städten. Schnell hieß es: ‚Wir müssen das auch machen. Aber wer organisiert das?‘“

Schließlich richten sich alle Blicke auf Klaus. Der ist wegen seines Berufs in der Kirche bekannt. Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihm nicht. „Da lief noch einmal meine ganze Geschichte, das, was ich im DDR-System erlebt habe, vor meinen Augen ab“, sagt er. „Ich habe dann spontan gesagt: ‚Ich mach’s.‘ Unterbewusst hatte ich große Angst vor möglichen Konsequenzen für mich und meine Familie. Mir war klar: Wenn das schiefgeht, ist mein Leben gelaufen.“ Zwei weitere Männer schließen sich Klaus an. Darunter ein Lehrer. Ab da organisieren sie die Montagsdemos in Geisa.

An der ersten, eine Woche nach dem Treffen auf dem Kirchplatz, nehmen etwa 50 Menschen teil. Nach dem Friedensgebet verlassen sie die Kirche, gehen, Kerzen in den Händen, die grob 100 Meter zum Rathaus und stellen ihre Kerzen dort auf der Treppe ab. Maximal zehn Minuten dauert das Ganze.

Marsch zur Grenze geplant

„Alle hatten große Angst“, sagt Klaus. „Was passiert, wenn wir mit den Kerzen die Kirche verlassen? Wird geschossen? Werden wir verhaftet? Wir haben mit allem gerechnet.“

Diese Angst überwunden zu haben und die Erkenntnis, dass nichts passiert ist, lassen den Mut der Bevölkerung Geisas wachsen. Von Demo zu Demo ziehen mehr Menschen durch die Stadt. Am 9. Oktober 1989 sind es bereits 150. Die Leute trauen sich Dinge zu, die vor wenigen Monaten nicht einmal denkbar gewesen sind – und vielleicht schon an Übermut gegrenzt haben.

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Die Geisaer ziehen geschlossen durch ihre Stadt. (Foto: privat)

Für den 23. Oktober planen die Geisaer einen Marsch zum Grenzgebiet. „Das wäre die letzte Überwindung gewesen“, sagt Klaus. „Die Leute wollten das. Ich war nicht so mutig.“ Von dem Vorhaben kriegt auch die Stasi Wind. Wenige Tage vor der geplanten Demo klingelt es nachmittags an Klaus‘ Tür. „Ich bin von der Stasi, kann ich mit Ihnen reden.“ Ein ungewöhnlicher Vorgang, wie Klaus berichtet. Normalerweise sei die Stasi nachts gekommen, erzählt er. Der Stasi-Mann habe gesagt: „Ich habe gehört, Sie wollen nächsten Montag mit den Leuten an der Grenze demonstrieren. Ich möchte Sie bitten, das zu verhindern. Unsere Grenzsoldaten fühlen sich dadurch angegriffen. Wir können Ihre Sicherheit nicht gewährleisten.“

Im „roten“ Viertel gehen die Lichter aus

In Folge dieses Gesprächs kann Klaus die Demo an der Grenze verhindern. Neues Ziel: das „rote“ Viertel in Geisa. Dort leben zu dieser Zeit Parteileute und Offiziere. „Das habe ich auch als Risiko empfunden“, sagt der damalige Sozialarbeiter. Und er schildert: „Als wir in das Viertel einmarschiert sind, gingen dort alle Lichter aus.“

Der Höhepunkt der Proteste in Geisa ereignet sich wenige Wochen später – ein paar Tage vor dem Mauerfall. „Irgendwann wollten die Leute einmal von Angesicht zu Angesicht mit Vertretern des DDR-Systems reden und sie zur Rede stellen“, sagt Protestorganisator Klaus. „Ich habe daraufhin den Bürgermeister, den Parteisekretär der Stadt und den Schuldirektor zu einem Gespräch eingeladen.“ Das Gespräch findet am Abend des 6. Novembers in der katholischen Kirche statt – trotz Verbots durch den Bischof. „Wir standen Mann an Mann. Es waren etwa 1000 Leute da“, erzählt Klaus. „Zwei Wochen zuvor ist die Empore der Kirche zum Glück mit Eisenträgern verstärkt worden. Sonst hätte sie es nicht ausgehalten.“

Angst vor Eskalation

Im Vorfeld dieses Gesprächs, das Klaus als Moderator leiten sollte, ist ihm etwas mulmig. Er hat große Angst vor einer Eskalation. Zum Glück haben sich seine Befürchtungen nicht bewahrheitet. „Die Leute haben sich zurückgehalten. Es war eine nüchterne, sachliche und gute Diskussion“, erzählt der Ex-Sozialarbeiter. „Die drei – Bürgermeister, Parteisekretär und Schuldirektor – wurden nicht unmenschlich angegriffen. Im Grunde waren am Ende alle zufrieden.“

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Klaus Tiller (eingefärbt) moderiert die Veranstaltung in der Kirche. (Foto: privat)
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Etwa 1000 Menschen hatten sich in der Kirche versammelt. (Foto: privat)

Dass im Herbst 1989 Woche für Woche Zehn-, ja Hunderttausende Menschen in zig Orten der DDR auf die Straße gegangen sind, gegen das System demonstriert haben und nichts Schlimmes passiert ist, ist damals ein großer Erfolg gewesen. An eine Wiedervereinigung Deutschlands haben zu diesem Zeitpunkt dennoch viele nicht geglaubt. Selbst dann noch nicht, als die Mauer am 9. November de facto gefallen ist.

„Ich kann das nur mit einem Wunder erklären“

„Meine Angst hat nie nachgelassen. Auch nicht, als die Grenze offen war“, sagt Klaus. „Für mich war es unmöglich, dass es zur Einheit kommen kann. Ich habe mit Krieg gegen das Volk gerechnet. Ich dachte, sie machen die Grenze wieder zu.“ Nach dem Mauerfall sind Klaus und seine Familie so schnell wie möglich rüber zum Besuch nach Westdeutschland. „Damit wir wenigstens einmal drüben waren, wenn nachher wieder alles dicht ist“, sagt er.

Nach dem 9. November werden nach und nach die Zäune der innerdeutschen Grenze abgebaut. Die Wiedervereinigung wird spätestens im Frühjahr 1990 immer greifbarer. „Das ist für mich heute noch unvorstellbar. Ich kann das nur mit einem Wunder erklären“, sagt Klaus. An die Wiedervereinigung habe er erst nach den ersten und letzten freien Wahlen am 18. März 1990 geglaubt. Zuvor sei die Unsicherheit einfach zu groß gewesen.


Infos zum Mauerfall

Am 9. November vor 30 Jahren ist die Mauer, die Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik de facto gefallen. Damals hatte die DDR eine neue Reiseverordnung erlassen. Im März 1990 folgte die erste und letzte freie Wahl in dem Staat. Am 1. Juli 1990 schlossen sich DDR und Bundesrepublik zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zusammen. Seit dem 3. Oktober desselben Jahres ist Deutschland wiedervereint.


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