Integriert, aber nicht anerkannt: Wie Ayesheh und Hamed deutsche Freunde gefunden haben

AWO, Patenschaft, Geflüchtete, Iran, 2019
Werkstudentin Eva mit Hamed und Ayesheh aus dem Iran sowie ihrer Patin und Freundin Antonia (Foto: Daniel Beise)

Im Iran war er kritischer Blogger. 2015 stand auf einmal die Polizei in seinem Haus, nahm ihn mit und sperrte ihn für zwei Monate ein. Doch Hamed drohten fünf Jahre Gefängnis. So wurden seine Frau Ayesheh und er zu politischen Flüchtlingen. Über die Chancen-Patenschaften der AWO haben sie in Antonia eine deutsche Freundin gefunden und sich gut integriert. Doch sie kämpfen noch um ihr Bleiberecht. Über ein Stück fast gelungener Integration.

Natürlich hätten sie sich lieber nicht dieser Riesenhürde stellen müssen, sich in einem völlig fremden Kulturkreis integrieren zu müssen. Natürlich wären sie lieber bei ihrer Familie geblieben. Und natürlich wollten sie wie alle Menschen, bis auf die Verirrten des Islamismus oder Rechtsextremismus, in Freiheit leben. Doch dem iranischen Paar Ayesheh Zohrabi und Hamed Ghazbani war das nicht vergönnt.

„2015 kommt auf einmal die Polizei in mein Haus, nimmt mich mit und sperrt mich für zwei Monate ein“, erzählt Hamed. Der Grund: sein Blog, auf dem er sich kritisch mit Politik und Religion beschäftigt. Dass er zudem zur religiösen Minderheit der Sunniten im Iran gehört, dürfte für die Sittenpolizei ein weiterer Grund gewesen sein. Aus den Medien weiß wohl jeder, dass sich der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien feindlich gegenüberstehen. Mit dieser unnötigen Feindschaft können Ayesheh und Hamed wenig anfangen.

Integriert, aber nicht anerkannt

Nach zwei Monaten Knast folgte für den Blogger der Gerichtstermin. Anschließend musste er zwei Jahre auf sein Urteil warten. Alles andere als eine ruhige Zeit für ihn und Ayesheh. Fünf Jahre hinter Gitter lautete schließlich das Urteil. Also flohen sie, zunächst ziellos, über die Türkei Richtung EU. Seit gut einem Jahr ist das Paar in Deutschland – wartet und hofft, dass es ein Bleiberecht bekommt und irgendwann auch die Bildungsabschlüsse anerkannt werden.

Die beiden sind Akademiker: Hamed kommt aus Buschehr, einer Stadt im Süden des Irans mit rund 170.000 Einwohnern. Dort hat er Mechanic Engineering studiert. Ayesheh stammt aus einer kleineren Stadt im Westen des Landes und hat Wirtschaft studiert. Seit rund drei Jahren sind sie verheiratet.

Bis sie in Deutschland wirklich arbeiten können, müssen sie natürlich weiterhin intensiv Deutsch lernen. „Im Sprachkurs hat uns eine Freundin von der AWO erzählt, dass man hier bei Projekten mitmachen kann“, sagt Ayesheh. So haben sie sich in eine Gruppe integriert, die sich gemeinschaftlich um einen Garten kümmert, und hier Sina Ilchmann vom Patenschafts-Projekt der Arbeiterwohlfahrt kennengelernt. „Ich habe Sina gesagt, dass ich mehr Deutsch sprechen möchte, aber nicht weiß, mit wem“, so die 29-Jährige weiter. Sina hat sie dann an ihre Kollegin Eva Demuth vermittelt, die dann wiederum Antonia Schäfer als Patin für das Paar ins Boot holte.

„Das Projekt heißt seit 2017 Chancen-Patenschaften, weil wir die Zielgruppe erweitert haben“, erklärt Eva, die in Fulda Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt interkulturelle Beziehungen studiert und Werksstudentin bei der AWO ist. Ursprünglich ging es um Kontakte zwischen Geflüchteten und Locals, „nun ist es offen für alle Menschen, die davon irgendwie profitieren können. Und natürlich wollen wir vor allem Personen in benachteiligten Lebenslagen begleiten“, so die 24-Jährige weiter. Das Ziel sei aber stets dasselbe – nämlich, dass die Menschen selbstständig werden und dass sie voneinander lernen. „Wenn alle in Patenschaften Neues lernen, das ist natürlich immer das Schönste“, betont sie.

„Wie Eva habe ich auch gezielt etwas Ehrenamtliches gesucht“, erzählt Antonia. „Ich habe dann einfach mal in der Ehrenamts-Suchmaschine gesucht und bin auf die AWO aufmerksam geworden. Ich finde die Idee gut, dass man Menschen begleitet und unterstützt, das aber völlig frei gestalten kann“, so die 24-Jährige weiter. Antonia hat in Marburg ihren Bachelor und in Kassel ihren Master in Soziologie gemacht. Nach dem Studium kam sie vor Kurzem wieder in ihre Heimat Fulda zurück, ab November arbeitet sie voraussichtlich als Integrationsmanagerin beziehungsweise WIR-Fallmanagerin im Vogelsbergkreis (WIR steht für „Wegweisende Integrationsansätze Realisieren“ und ist ein Förderprogramm des Landes Hessen).

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Sina Ilchmann von der AWO kümmert sich mit Ayesheh um einen Garten. (Foto: Hamed Ghazbani)

Das erste Mal hat Antonia das Pärchen aus dem Iran im „Wohnzimmer“ von Welcome In gesehen. „Natürlich haben wir erst viel Deutsch gelernt, aber schnell auch andere Sachen zusammen gemacht. Ayesheh hat mir sehr viel leckere iranische Gerichte gezeigt, iranische Pizza ist die beste, die ich bisher gegessen habe“, grinst sie.

Hamed, Antonia und Ayesheh (nicht im Bild) haben zusammen gekocht. (Foto: Ayesheh Zohrabi)

Und natürlich lernen Ayesheh und Hamed dabei ständig weiter unsere Sprache. „Sie sind super schnell darin, echt erstaunlich“, betont Antonia. Klar – gebrochen ist es noch, und sie verstehen längst nicht alles. Aber für ein Jahr Unterricht ist das bemerkenswert, zumal sie eine komplett neue Grammatik lernen müssen. „Wir haben keine Artikel, kein Dativ oder Genitiv, im Persischen ist alles Nominativ“, lacht Hamed.

Die Chancen-Patenschaft finden sie super, „weil wir dadurch aktiver sind und immer mehr mit Leuten sprechen können“, sagt Ayesheh. Auch Antonia profitiert davon: „Ich bin dadurch voll aus meiner Komfortzone ausgebrochen, habe völlig fremde Leute getroffen, mit ihnen teilweise mehr Zeit verbracht als mit manchen Freunden“, erzählt sie. Man hinterfrage sich auch und erkenne, wo man selbst noch Vorurteile hat.

„Wir haben sehr viele interessierte Suchende, auf der anderen Seite suchen wir aber ständig Ehrenamtliche, die diese Hilfe leisten“, sagt Eva. „Über Medien wollen wir natürlich darauf aufmerksam machen, dass helfende Hände bei uns immer willkommen sind.“

Und sollten Probleme oder Missverständnisse auftreten, gibt es bei der AWO Experten, an die man sich wenden kann, mit denen man sich zusammensetzt und die Probleme mit allen bespricht. „Bei uns muss sich niemand alleine fühlen“, betont Eva.  

Ein normales Leben

Ayesheh und Hamed jedenfalls sind hochmotiviert, sich zu integrieren, die Sprache zu lernen, Anschluss zu finden. Derzeit leben sie noch in einer Unterkunft im Hosenfelder Ortsteil Blankenau. Aber viel lieber wollen sie in Fulda leben, Blankenau sei so winzig, da treffe man kaum Menschen, grinsen beide. Das Dorf hat rund 700 Einwohner.

Was sie sich von ihrem Leben in Deutschland erhoffen? Nicht mehr als wohl jeder Mensch, jeder, der sich gezwungen sieht, aus seiner Heimat zu fliehen: „ein normales Leben. Arbeit, eine Wohnung und Freunde“, so das iranische Paar.


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Hamed und Ayesheh werkeln im Garten der AWO. (Foto: Sina Ilchmann)
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(Flyer: AWO)
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