Du kannst nichts! Wie Sasha zwei Jahre systematisch gemobbt wurde

Neben Depressionen und Ängsten kann Mobbing auch körperliche Folgen haben.
Foto: Adobe Stock/doidam10

Sie haben ihm zwei Jahre seines Lebens zur Hölle gemacht. Zum Schluss hat auch er über sich selbst gedacht: „Du bist nichts wert.“ Sasha Jarkaz aus Ebersburg erzählt, wie er von einer Vorgesetzten systematisch gemobbt wurde. Seine Geschichte ist exemplarisch für Millionen andere in Deutschland, die im Job schikaniert werden.

Alles begann mit der Gründung eines Betriebsrates. Und es endete in Depressionen und Angstattacken – sowie im Ende des Arbeitsverhältnisses samt eines Deals mit dem Unternehmen, dass er künftig nichts mehr wegen des Mobbings, wie zum Beispiel rechtliche Schritte, unternimmt. 2013 begann Sasha Jarkaz, als Mediengestalter in einem Fuldaer Tochterunternehmen eines europaweit agierenden Konzerns zu arbeiten. Schon damals sei der Unmut in der Belegschaft immer größer geworden, erzählt der 41-Jährige aus Ebersburg. „Wilde Arbeitsverträge, keine richtige Führung, unfair verteilte Aufgaben; die Älteren hatten eine 37-Stunden-Woche, die Neuen auf einmal 40 Stunden.“

Sasha Jarkaz aus Ebersburg erzählt, wie er von einer Vorgesetzten systematisch gemobbt wurde.
Foto: Sasha Jarkaz

„Dann hatten wir die Idee: Wir gründen einen Betriebsrat“, fährt Sasha Jarkaz fort. Als langjähriges Verdi-Mitglied hatte er bereits gute Verbindungen zu Gewerkschaftern, und so sagten die Betriebsrats-Mitglieder: „Übernimm du den Vorsitz, du kannst das.“ Viel hatten sie vor: klare Vereinbarungen über Arbeitszeiten und vor allem der Eintritt in den Tariflohn. Doch schon als bekannt wurde, dass sie eine Wahlversammlung organisieren, seien Mitarbeiter unter Druck gesetzt worden. Es habe einerseits viele Gegner eines Betriebsrats gegeben, sagt Sasha Jarkaz. Andererseits seien zu der Zeit im Zuge einer Umstrukturierung den Produktionsleitern Kompetenzen entzogen worden. So auch jener Vorgesetzten, die dann an der Spitze eines Dreiergespanns stand, das Sasha anschließend systematisch mobbte.

Der wirtschaftliche Schaden, der durch Mobbing entsteht, ist enorm: bis zu 25 Milliarden Euro schätzt Verdi. Und das jährlich. Jeder Fehltag kostet laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund zwischen 103 und 410 Euro – nicht eingerechnet die Kosten, die durch schlechtere Arbeitsleistung aufgrund von Mobbing entstehen. Im Jahrzehnt seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Opfer auf 1,5 Millionen fast verdoppelt, so der Mobbing-Report der Bundesregierung damals. Und heute, wieder fast ein Jahrzehnt später, ist die Zahl auf geschätzt 1,8 Millionen angewachsen. Die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen. Laut Verdi sind in mindestens 50 Prozent der Fälle die Vorgesetzten die Täter, oder sie sind zumindest beteiligt. In einer neuen repräsentativen Studie unter 1000 deutschen Arbeitnehmern, die der Büroaustatter Viking mit dem Meinungsforschungsinstitut Onepoll erarbeitet hat, geben 60 Prozent an, Mobbing an ihrem derzeitigen Arbeitsplatz erlebt zu haben. Fast jeder vierte berichtet, selbst Opfer gewesen zu sein – zwischen Frauen und Männern gibt es hier kaum Unterschiede.

Auch die Täter haben Selbstzweifel

Das bestätigen auch die beiden Fuldaer Diplom-Psychologen Helmut Flecks und Marcus Keller. „Es trifft ja oft jene, die auch bereit sind, an ihrer eigenen Person zu zweifeln“, erklärt Helmut Flecks, der Lösungsstrategien für Konflikte in Unternehmen, aber auch präventive Maßnahmen erarbeitet, damit Mobbing erst gar nicht passiert. Zudem ist er als externer Coach und Ansprechpartner in Firmen unterwegs.

Sasha Jarkaz litt bereits in seiner Kindheit unter Selbstzweifeln und Ängsten. Immer hat er die Liebe und den Stolz seines Vaters gesucht und ist später beruflich in seine Fußstapfen getreten – der Vater hat ebenfalls in diesem Unternehmen gearbeitet. Doch ein „ich hab‘ dich lieb“ oder „ich bin stolz auf dich“ hat er nie gehört – bis heute nicht. „Meine Eltern sind die typische Nachkriegsgeneration, für die nur Arbeit, Leistung und noch mal Arbeit zählt.“ Heute betreibt Sasha das Tattoostudio „Zum Schwarzen Anker“ in Ebersburg. Vor rund drei Jahren hat er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen.

Die Psychotherapeuten Marcus Keller (links) und Helmut Flecks in ihren Praxis in der Petersgasse 10 in Fulda. Foto: Marcus Lotz

„Aus psychotherapeutischer Sicht ist es sehr wichtig, wie jemand aufgewachsen ist, wie früher in der Familie mit Konflikten umgegangen wurde“, sagt Psychologe Marcus Keller und fährt fort: „Manchmal sind Menschen so sehr an Harmonie interessiert, dass sie sich komplett hintanstellen und lieber in Kauf nehmen, sich schlecht behandeln zu lassen, nur um den Konflikt zu vermeiden. Das sind meist Prägungen aus der Kindheit.“ Doch nicht nur Mobbing-Opfer haben oftmals ein Selbstwert-Problem. „Ganz oft haben auch die Täter ein geknicktes Selbstbewusstsein“, so der Psychologe weiter. „Sie nutzen Mobbing, um sich selbst aufzuwerten und in Sachen Karriere beispielsweise mehr für sich rauszuholen.“

Auch Sasha Jarkaz vermutet, dass seine Vorgesetzte ihre Entmachtung durch die Umstrukturierung nicht auf sich sitzen lassen wollte und die Schuldigen immer wieder beim Betriebsrat suchte. Immer häufiger erzählte ihm sein Teamleiter von Vorwürfen der Vorgesetzten gegenüber ihm. „Sie fing an, meine Arbeit zu kritisieren. Das waren aber meist ihre subjektiven Befindlichkeiten. Sie ritt auf Fristen rum, die noch gar nicht eingetreten waren. Also: Wenn die Abgabe für Freitag anberaumt war, fragte sie schon Mitte der Woche, warum das noch nicht fertig ist“, erzählt Sasha Jarkaz.

Und weiter: „Einmal hatte ich abends eine Bildbearbeitung mit ihr besprochen – war alles okay. Am nächsten Morgen berichtete mir mein Teamleiter, sie habe das noch mal von einem anderen Kollegen ändern lassen, es habe ihr doch nicht gepasst. Das waren immer so kleine Nadelstiche, und immer hintenrum.“

Beschwerden beim Team- und Betriebsleiter halfen nichts. Die Mobbende habe gemeint, sie wisse davon nichts und habe das so nie gesagt. Nach einem halben Jahr begann Sasha, das Mobbing zu dokumentieren. Wann ihm Infos vorenthalten wurden, wann seine Arbeit über Nacht von Kollegen „verbessert“ wurde. „Allein anhand dieser Protokolle hat man gemerkt, dass was im Busch war“, sagt er.

Schließlich zogen sie auch Privates durch den Dreck

Mobbing-Fälle zu dokumentieren, dazu raten auch die beiden Psychologen. „Und es ist auch sinnvoll, deutlich werden zu lassen, dass man dokumentiert“, betont Helmut Flecks. Dass die Konfrontation mit der Mobbenden nichts gebracht hat, überrascht beide Psychologen nicht. „Untersuchungen zeigen relativ deutlich, dass es nicht funktioniert, wenn das Opfer auf den Täter zugeht“, erklärt Helmut Flecks. Der Gemobbte würde es hier kaum schaffen, eine Augenhöhe herzustellen, weil der Mobbende meist Persönlichkeitsdefizite zu füllen versuche. Sinnvoller sei hier, sich zunächst mithilfe von außen selbst zu stärken, um dann im besten Fall auf Augenhöhe den Konflikt zu klären.

Über Sasha wurde schließlich auch Privates breitgetreten. „Die Vorgesetzte streute systematisch Gerüchte, ich würde mich aus der Verantwortung als Vater ziehen, weil ich mich früh von der Mutter meines Sohnes getrennt hatte“, berichtet der 41-Jährige weiter. Hinzu kam, dass sein Vater oft schlecht über den Betrieb geredet hatte, was einige wohl auf ihn übertrugen, so seine Vermutung. „Obwohl das Gerede meines Vaters ja überhaupt nichts mit mir zu tun hat.“

„Das ist totaler Bullshit!“

Verständlich, dass ihn das zunehmend zermürbte. Er war mit den Gedanken immer weniger bei der Sache, begann tatsächlich, an sich und seiner Arbeit im Betriebsrat zu zweifeln, geriet immer mehr in eine Gedankenspirale. Dennoch wollte und konnte Sasha sich weiter wehren. Er wandt sich an den Gesamtbetriebsrat Deutschland der Firma. Für diesen war der Fall klar: Mobbing. Jedoch schaltete sich auf einmal der Personalchef Deutschland ein und stoppte die offizielle Beschwerde an die Firmenzentrale. „Er wollte das unter den Teppich kehren, weil sonst Köpfe gerollt wären“, ist sich Sasha Jarkaz sicher.

Es folgte ein Gespräch zwischen ihm, seinem Teamleiter, der Mobbenden und einem Mediator. „Das war nur das übliche Blabla, von wegen: Gebt euch wieder die Hand, alles halb so wild. Aber das ist totaler Bullshit“, so der Gemobbte. „Wenn du über einen so langen Zeitraum jeden Tag gesagt bekommst, dass das, was du machst, im Grunde scheiße ist, hast du keinen Bock mehr, mit der Person was zu tun zu haben.“ Mediation, also die Vermittlung durch jemand Externen, sei zwar eine Möglichkeit, so die Psychologen. Doch sinnvoller sei natürlich, Bedingungen zu schaffen, die Mobbing verhindern.

Im Sommer 2017 lief Sashas Fass über

Mobbing bedeutet in den seltensten Fällen, wie viele vielleicht denken, dass eine Person offensiv angegriffen, beleidigt oder gar körperlich angegangen wird. Es hat meist was Subtiles, was Intrigantes, was Ausgrenzendes. „Mobbing findet nie nur einmal statt, es ist eine fortgesetzte Handlung über einen längeren Zeitraum, die aber nicht immer systematisch sein muss“, so Psychologe Helmut Flecks. Eine typische Form sei beispielsweise, dass Menschen isoliert werden aus sozialen Systemen. „Dass man gemieden wird, nicht mehr gegrüßt, nicht mehr gefragt wird, ob man mit in die Mittagspause geht“, ergänzt sein Kollege Marcus Keller. Das Nicht-Grüßen finde dabei eher unter Kollegen statt, Vorgesetzte hätten andere Strategien, zum Beispiel geleisteter Arbeit keine Anerkennung zu zollen.

Also genau wie in dieser Geschichte, und sie geht noch weiter: Sasha Jarkaz hatte zunehmend Angstattacken, sodass er gar Probleme beim Autofahren bekam. „Autobahn oder Brücken gingen gar nicht mehr, ich hatte teilweise richtige Todesangst. Man ist total verzweifelt, hat eine Leere in sich und beginnt, sich selbst die Schuld zu geben“, offenbart Sasha Jarkaz. Gedanken wie „du bist nichts wert“ drangen in seinen Kopf. Dann im Sommer 2017 der Tropfen, der sein Fass zum Überlaufen brachte: Nach einem Beziehungsaus ging bei ihm gar nichts mehr. Er zog die Reißleine und wies sich selbst in eine Tagesklinik ein.

Ein Brief – sein letztes Druckmittel

„90 Prozent der Patienten wurden in der Arbeitswelt gemobbt, die anderen zehn schon in der Schule“, stellte er fest. In den acht Wochen habe er vieles aus seiner Kindheit aufgearbeitet. Und er ist sich bewusst: An seinen Depressionen und Angstzuständen ist nicht allein das Mobbing schuld. Es war der Auslöser, dass auch tiefersitzende Probleme wie die mit seinen Eltern hochkamen. Darüber hinaus war er ein paarmal in Lauterbach, wo er ursprünglich herkommt, in einer Selbsthilfegruppe für Depressionen und Angstzustände. Das sei eine super Sache, weil man unter Seinesgleichen ist und sich nicht zu verstecken brauche. Neben Depressionen und Ängsten kann Mobbing auch körperliche Folgen haben, betonen die beiden Fuldaer Psychologen. „Mobbing ist ein chronischer Stressor – auch wenn mal nichts ist, ist man immer in dieser stressigen Grundsituation“, sagt Marcus Keller. Das könne natürlich psychosomatische Erkrankungen wie Magengeschwüre, Durchfallerkrankungen oder auch die Volkskrankheit Rückenschmerzen auslösen. „Wenn man ständig ängstlich und verspannt ist, ist der Bandscheibenvorfall nicht weit“, ergänzt Helmut Flecks.

Im Winter 2017 sollte Sasha Jarkaz wieder eingegliedert werden. „Doch es ging direkt so weiter wie vorher, ich wollte aus der Nummer raus“, erzählt er. Man habe ihm gesagt, er solle doch kündigen. Ohne Abfindung, ohne Sicherheiten. Aber er wollte sie so nicht davonkommen lassen. Also schrieb er einen Brief an die oberste Geschäftsleitung – als letztes Druckmittel. Er wusste genau: Wenn er ihn abschickt, rollen Köpfe. Zu diesem Zeitpunkt war selbst der Betriebsrat nicht mehr auf seiner Seite – und Sasha enttäuscht von diesem. Jedenfalls kam wegen des Briefs ein Deal zustande, sodass er das Unternehmen verlassen konnte. Ihm wurden eine Abfindung und ein Ende des Arbeitsvertrags ohne eine Kündigung seinerseits zugesichert, er verpflichtete sich im Gegenzug, nichts mehr wegen des Mobbings zu unternehmen und in der Öffentlichkeit nicht den Namen des Unternehmens zu nennen.

„Der Mensch ist kein Roboter“

Heute, wenn er tätowiert, öffnen sich ihm viele Jugendliche in den Sitzungen, erzählen ihm von ihren Mobbing-Geschichten: „Es ist erschreckend, wie offen junge Menschen teilweise angegangen werden. Sie bekommen ins Gesicht gesagt: ‚Du kannst das nicht, du bist zu faul, such‘ dir doch was anderes‘, berichtet Sasha Jarkaz. Anstatt sie mit konstruktiver Kritik zu motivieren. Ein großes Problem sieht er in der Inkompetenz vieler Führungskräfte im unteren und mittleren Management. „In einem Tagesseminar bekommen sie ein schönes buntes Buch, in dem irgendeine Werbeagentur Plattitüden zusammengeschustert hat – dann ist man ausgebildete Führungskraft“, kritisiert er. Zudem würden sie in einer Sandwich-Position stecken und müssten den Druck von oben und die Beschwerden von unten aushalten.

Auch die beiden Psychologen erkennen das Problem der dürftigen Schulung von Führungskräften, diese hätten aber eine erhebliche Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und seien ja auch gesetzlich dazu verpflichtet, für ein gesundes Arbeitsumfeld zu sorgen. „Für Unternehmen ist ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das wir ja anbieten, vor allem in Sachen Kommunikation extrem wichtig. Und die Kosten einer Prophylaxe kommen um ein Vielfaches zurück“, untermauert Helmut Flecks. Aus unternehmerischer Sicht sei es für den Profit schlicht dumm, wenn man sich nicht um die Gesundheit seiner Mitarbeiter kümmert. Dennoch wird der Mensch nach wie vor oft nur als Humankapital für den Profit gesehen. Trägt nicht auch unsere Art zu wirtschaften zum zunehmenden Mobbing bei? Unser Turbokapitalismus, der keine Schwäche, dafür nur Ellebogen duldet? Ein klares Ja von Sasha Jarkaz: „In der gesamten Arbeitswelt stehen alle ständig unter Strom, viele Unternehmen werden große Probleme bekommen, neue und gute Leute zu finden, wenn sie auf ihrer alten Schiene weiterfahren.“ Vielen müsse endlich mal klar werden: „Es gibt einfach kein unbegrenztes Wachstum. Und der Mensch ist eben kein Roboter, der immer genau das macht, was man ihm sagt.“


Gemeinsam mit dem Paritätischen und der BARMER hat move36 die Themenwelt „Wir müssen reden!“ entwickelt, um zu zeigen, welchen Stellenwert Selbsthilfe hier in der Region hat. Wenn du Hilfe suchst, Fragen hast oder selbst ein Thema hast, das wir unbedingt behandeln sollten, melde dich unter wirmuessenreden@move36.de

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Fehlerbericht

Der folgende Text wird anonym an den Autor des Artikels gesendet: