So pimpert doch niemand: Vom inszenierten Liebesspiel, das nicht real sein kann

Tatsächlich wird das Bild, dass Sex auch intim und gleichberechtigt sein kann, in den
meisten Pornos nicht gezeigt. Foto: Vidar Nordli-Mathisen/Unsplash

Er küsst sie zärtlich am Nacken – ein leises Stöhnen und schon ist sie bereit für Sex. Sex, den uns Hollywood immer so ungemein romantisch verkaufen will. Als perfekte Verschmelzung zweier Körper. Keine Körperflüssigkeiten, keine komischen Geräusche, keine ungelenken Bewegungen. Das Gegenteil von Romantik findet sich in Pornos, wo‘s dreckig und derb zur Sache geht. In jugendlichen Köpfen mixen sich so irreale Erwartungen und Unsicherheit. Und die Realität? Die bewegt sich dazwischen. Vom inszenierten Liebesspiel, das nicht real sein kann.

Von Constanze Gollbach

Bevor ich mein erstes Mal hatte, stellte ich mir Sex, wie wahrscheinlich alle Mädchen in der Pubertät, höllisch romantisch vor. Der richtige Moment, Kerzen und natürlich mit der Liebe meines Lebens – wie im Film eben. Fehlanzeige: Schmerzen, komische Geräusche und ein schnelles Ende waren die Realität. Dass mein damaliger Freund außerdem zum Vorspiel einen Porno gucken wollte, hatte die Situation nicht besser gemacht. Dass die Realität anders aussieht, das konnte ja keiner wissen, denn: Film und Fernsehen suggerierten mir pure Leidenschaft und Romantik.

Klar, Pornos erfüllen öfter mal beim Masturbieren ihren Zweck als Stimmungsmacher. Und das nicht erst seit es Schmuddelhefte und Videos gibt. Schon in der vorantiken Zeit gab es Pornos, damals noch als pornografische Darstellungen auf Wandbildern oder Vasen. Die Darstellung von Sex ist seit jeher so normal wie der Akt selbst – auch wenn in Deutschland pornografische Motive erst seit 1975 legal sind. Film und heute Virtual Reality machen Pornografie zu einer stetig wachsenden Industrie. Und für jede Fantasie findet sich das Passende: Europäisch, Asiatisch, Anal, große Brüste, kleine Brüste, Fetische. Die Liste ist lang – und wird immer länger. Die kalifornische Produktionsfirma Digital Playground zum Beispiel ist eine der wenigen salonfähigen, wenn es um paartaugliche Pornos geht. In diesem hochwertigen Segment geht es auch um den Spaß der Frau.

Safer Sex gibt es in Filmen nicht

Doch die allermeisten Pornos werden nach wie vor für Männer gedreht und sind mindestens sexistisch – wenn die Frau ihm stets in unterwürfiger Pose auf Knien einen lutscht. Die Kamera immer auf die Frau gehalten, wird sie so richtig durchgerammelt. Klar – es gibt auch Frauen, die darauf stehen. Und es ist ja auch nichts dabei, wenn ihr einvernehmlich im Privaten so vögelt. Aber welches Bild erzeugt das bei Jugendlichen, die sich das anschauen? Richtig – keines, was irgendwie real wäre, geschweige denn ihnen hilft, Sex besser zu verstehen und zu machen.

Ein typisches Porno-Setting: Die Stiefmutter putzt in Dessous die Küche. Unverhofft kommt der Freund der Stieftochter herein. Dieser wird natürlich von der Dame verführt. Und wer hätte es gedacht, stößt auch noch die Freundin hinzu. Aber anstatt völlig wutentbrannt zu gehen, haben die Darsteller einen flotten Dreier. Logo, kommt doch ständig vor. Wem so was wirklich passiert, wünsche ich natürlich allen Spaß der Welt. Problematisch scheinen die Szenen vor allem für Jugendliche: Laut einer 2018 veröffentlichten Studie der Universität Münster und Hohenheim hat jeder Zweite der 14- bis 20-Jährigen schon einmal Hardcorefilme gesehen. Jungs sind laut der Studie beim Erstkontakt mit Pornografie etwas früher dabei. Häufig finde dieser durch Dritte statt, also durch Freunde oder Handybilder. Ob das die Kids wirklich so stark beeinflusst?

„Früher war mehr Sex“

Die „Welt am Sonntag“ veröffentlichte im Februar dieses Jahres den Artikel „Früher war mehr Sex“. Darin erklärt der Kulturanthropologe Jakob Pastötter, dass Sexualität als Ausdruck der Verbundenheit zum Tabu geworden sei. Kindern und Jugendlichen stehe die Internet-Pornografie rund um die Uhr zur Verfügung. Er sehe die Pornoflut als entscheidenden Grund für Verunsicherung und den Rückgang eines partnerschaftlichen Liebeslebens. Man muss sich immer klar machen: Das sind Schauspieler! Sie spielen den Sex nur. Der Leistungsdruck der Männer und Frauen ist somit hoch. So erzählte mir neulich ein Kumpel, dass er mal was mit einer hatte, die die ganze Zeit laut und monoton gestöhnt habe. „Richtiger Abtörn“, meinte er. Sie dachte aber wohl, sie müsse das machen, um seine Lust zu steigern – wie in Pornos.

Tatsächlich wird das Bild, dass Sex auch intim und gleichberechtigt sein kann, in den meisten Pornos nicht gezeigt. Ein junges Start-up aus Freiburg möchte das ändern: Die Produzentin Kira Renee Kurz möchte eine andere Nische bedienen. Im Interview mit der „Vice“ erklärt sie: „Feministische Pornos sind oft abstrakt und experimentell. Wir wollen alltägliche Sexualität darstellen.“ Dafür suchte sie zwei Hauptdarsteller, die bereit waren sich vor der Kamera auszuziehen. „Fast die Hälfte des Films besteht aus dem Kennenlernen“, erklärt Kira weiter. Beim sexuellen Teil gebe es außerdem keine Vorgaben, bis auf die Voraussetzung, dass es Safer Sex sein muss.

Safer Sex scheint sowieso eine Sache zu sein, die kaum Bedeutung in der medialen Darstellung des Liebesaktes hat. „Hast du ein Kondom?“, „Nimmst du eigentlich die Pille?“ – Sätze, die ich in Filmen kaum höre und in Pornos schon gar nicht. Dabei ist Verhütung doch eines der wichtigsten Themen, wenn es um Sex geht – vorausgesetzt man möchte kein Kind oder Geschlechtskrankheiten. Wie also sollen Jugendliche selbstbestimmt und mündig mit dem Thema umgehen? Die Aufklärung in der Schule ist schließlich oft ähnlich dürftig. In Zeichnungen die Geschlechtsteile zu beschriften, hilft genauso gegen ungewollte Schwangerschaften wie der Spruch „Ich zieh ihn vorher raus.“ Nämlich gar nicht. Dass Sex in der Schule oft noch stiefmütterlich behandelt wird, haben uns Fuldaer Sexualpädagogen und Ärzte immer wieder für diverse Magazingeschichten bestätigt. Dabei müsste man meinen, Jugendliche hätten angesichts der Flut an sexuellen Anspielungen in allen möglichen Medien den vollen Durchblick. Doch dass Sex auch mal ungelenk, kurz und plump sein kann, erfahren Jugendliche allenfalls von ehrlichen Eltern, die hier keine Berührungsängste haben.

Penis-Socken und Vagina-Aufnäher

Um der Unsicherheit und Unwissenheit zu begegnen, entschied sich ein norwegischer Sender 2017 dazu, echten, ungeschminkten Aufklärungssex für Teenies zu zeigen. Das sollte eine bewusste Gegendarstellung zum aufgemotzten Porno-Sex und überzogen sinnlichen Kino-Kuscheln sein. „Ein gewagter, aber richtiger Schritt, der hierzulande vermutlich für Entrüstung gesorgt hätte“, wie mein move36-Kollege Daniel damals kommentierte. Von den sexuell offenen Skandinaviern könnten wir uns eine Scheibe abschneiden, verklemmte Erwachsene hätten wir genug. Mehr Lockerheit und Ehrlichkeit gegenüber Kindern wäre hier wünschenswert. Sie wissen, wie sich Geschlechtsteile anfühlen und wie sie aussehen – sie haben schließlich selbst welche.

Auch der Aufwand, der in Hollywood-Romanzen und Pornos betrieben wird, ist so unrealistisch wie fliegende Kaninchen. So wird beispielsweise mit Vaseline oder Öl nachgeholfen, wenn die Darsteller nicht alleine ins Schwitzen kommen. Für Filmstars werden eine Penis-Socke und ein Vagina-Aufnäher benutzt, um Penis und Vagina zu verdecken. Das soll dazu dienen, dass sich die Geschlechtsteile der Schauspieler nicht berühren. Verständlich, ich würde als Schauspieler auch nicht mit jedem Kollegen rumpimpern wollen. Damit sich außerdem beide nach dem „Sex“ nicht ganz entblößen müssen, gibt es die L-förmigen Laken, die nur den Unterköper des Mannes und die Brust der Frau verdecken.

So oder so: Sex, wie er uns in vielen Medien vorgespielt wird, gibt es kaum. Aber solange du und dein Partner über Vorlieben, Verhütung oder Abneigungen reden, kann eigentlich nichts schiefgehen. Und vielleicht klappt es dann auch mit deinem perfekten Mix aus Romantik und Ekstase.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Fehlerbericht

Der folgende Text wird anonym an den Autor des Artikels gesendet: