„Es ist kein Buch, das nett sein will“ – Johanna Maxl im Interview

Foto: Jakub Šimcik/Verlag Matthes & Seitz

Johanna Maxl ist Fuldas erste Literaturpreisträgerin – und das mit einem Roman, der gar nicht als solcher bezeichnet werden will. Im Interview mit move36 spricht Johanna über „Unser großes Album elektrischer Tage“, über genderneutrale Sprache, Interpunktion und die Schlümpfe in unserer Gesellschaft.

Von Nico Bensing

Wer ist Johanna, die Hauptfigur in „Unser großes Album elektrischer Tage“?

Also wirklich, das steht doch im Buch! Oder vielmehr: Um genau diese Frage kreist das Buch. Johanna ist alles, was sie gerade sein will. Sie ist etwas absolut Essenzielles, das dem sie suchenden „Wir“ abhanden gekommen ist.

Und wer ist das „Wir“?

Das „Wir“ ist das Erzählkollektiv, das durch die Geschichte führt. Wer genau „wir“ sind, erfährt man aber im Buch nur in Annäherungen. Zum Beispiel: „Wir sind die kleinste Armee der Welt“, „Wir spürten die Kraft in unseren Körpern, den großen Imperativ. Wir wollten rennen, aber wir wussten nicht, wohin.“ oder „Weil wir so viele waren, weil wir Entschlossenheit ausstrahlten.“ Das Buch hat viele Ebenen, und ob man nur eine liest oder mehr entdeckt, ist eine Frage der eigenen (Welt-)wahrnehmung. Die einfachste Geschichte, die die meisten lesen, ist die: Johanna ist verschwunden und hat ihre Kinder verlassen, die von der Suche nach ihr erzählen.

Ist das überhaupt ein Roman?

Ja! Nein! Es ist ein Anti-Roman. Ich finde, mit dem Format Roman wird viel zu wenig experimentiert. Dabei ist Experimentierfreude mit traditionellen Formaten immer dringend nötig!

Und wa s ist das Ergebnis des Experiments?

Ein Album. Genauer: Ein Bilder-Szenen-Album in Worten. Wie bei einem Fotoalbum kann man sich auch bei deinem „Bilder-Szenen-Album in Worten“ eine Seite aussuchen, auf der man anfängt, und die Kapitel in selbstgewählter Reihenfolge lesen. Ha! Einige Menschen, die das Buch gelesen haben, würden dem widersprechen. Zum Beispiel Inka Parei (Anm. d. Red.: deutsche Schriftstellerin aus Frankfurt), die mit mir neulich für eine Lesung ein Gespräch führte. Sie erkannte darin eine klare Geschichte, die sich vom Anfang bis zum Ende entfaltet, und war nicht der Meinung, man könne das Buch einfach so wild durcheinander lesen.

Welcher Meinung bist du?

Ich wollte tatsächlich ein Buch schreiben, das man irgendwo aufschlagen kann, mal für kurze, mal für lange Zeit, und aus dem man sich dann Stück für Stück die Geschichte zusammensetzenkann—wenn man will.Ich lese selbst gern so und mag es, wenn Texte fragmentarisch sind. Gleichzeitig war mir sehr wichtig, dass es eine Erzählung vom Anfang bis zum Ende gibt, in die man sich versenken kann und die sich nur so zusammensetzt.

Worum geht’s denn überhaupt in deinem Album?

Na um fluide Identitäten im 21. Jahrhundert. Es ist ein Buch über das Sich-nicht-eingrenzen-lassen-wollen — von den klassischen Determinanten wie Geschlechtszugehörigkeit oder Alter und den Rollenzuschreibungen, die damit einhergehen. Es ist ein Buch über Selbstbestimmung und auch ein Buch über das Bedürfnis, vieles gleichzeitig sein zu wollen. So heißt es im Roman: „Wir können tausend Leben leben, aber keinesfalls nur eines.“ Die klassischen Rollenbilder befinden sich ja jetzt schon zusehends in Auflösung, aber sie ist nicht radikal genug. Und auch kein innovativer Denkansatz westlicher Gesell- schaften des 21. oder 20. Jahrhunderts; zum Beispiel kannte die Kultur der Maya ebenfalls fluide Geschlechtsentwürfe jenseits der Binarität. Auf die Information bin ich übrigens im Playthrough des Computerspiels „Shadow of the Tomb Raider“ von GeekRemix gestoßen, dem Youtube-Kanal zweier Gamerinnen namens Mari und Stacy.

Willst du mit dem Buch auch politisch sein?

Ich bin es. Und das Buch ist es auch.

Ist „Unser großes Album elektrischer Tage“ gesellschaftskritisch, dystopisch, utopisch? Oder gar nichts davon?

Dystopisch und gesellschaftskritisch ist es, aber dabei poetisch und unbedingt lustig. Utopisch ist das Buch in mancher Hinsicht auch, zum Beispiel insofern, als es Ansätze für eine genderneutrale Sprache subtil Realität werden lässt. Da steht dann statt dem generischen Maskulinum „Touristen“ einfach das Wort Touristex im Text — als Umsetzung von Lann Hornscheidts „Exit Gender“. Diesen Ansatz finde ich sehr schlüssig und praktikabel, noch schöner fände ich persönlich es mit -ix statt -ex am Ende, also zum Beispiel: Autorix, Journalistix. Ich habe jetzt schon immer Lust, Substantive so zu schreiben.

Sprache und Form scheinen dir sehr wichtig zu sein. Das merkt man auch an der sehr eigenwilligen Interpunktion, die mich bei der Lektüre an Arno Schmidt erinnerte — wenn auch aus gänzlich anderer Richtung.

Die Sprache trägt für mich die Ge- schichte mindestens so sehr wie die Geschehnisse, von denen sie erzählt. Mein Ziel war es von Anfang an, dass die Atmosphäre des Texts durch die Sprache geschaffen wird. Ich habe sie sehr genau durchgearbeitet und lang über die winzigsten Details nachgedacht. Wenn so viel in der Schwebe bleibt, muss die Sprache entschieden sein. Überhaupt muss ein literarischer Text immer originell sein und eine unverkennbar eigene Stimme haben — das ist mir auch beim Lesen wichtig.

In eine ganz eigenwillige Form gießt die Autorin Johanna Maxl ihren ersten Roman, der eigentlich lieber als Album bezeichnet werden möchte. Prompt gab es dafür den Fuldaer Literaturpreis, der in diesem Jahr zum ersten Mal ausgelobt wurde. Rasant und fragmentarisch berichtet Maxl von der verschwundenen Johanna und erzählt in einer Weise, die durch die Finger flutscht und doch so scharfkantig ist. Ein experimenteller Roman, der ein Lesen absolut wert ist. 200 Seiten // Matthes & Seitz // 20 Euro

Wie wichtig ist dir der Inhalt?

Gute Frage! Was ist Inhalt?

Ich frage mal so: Wie entsteht so ein Text bei dir?

Er kommt einfach ganz plötzlich in meinen Kopf und fängt an, sich mir Satz für Satz zu erzählen. Dann kommen je nach Länge Stunden, Tage und Jahre des Schreibens. Das Schlimme ist, dass ich immer viel zu viele Ideen habe. Ich muss sie ständig organisieren, priorisieren und natürlich ausarbeiten und könnte so sehr gut mein Leben verbringen. Ein Wunder, dass ich überhaupt dazu komme, deine Fragen zu beantworten! Außerdem habe ich fast zu viele Interessen. Kunst, Musik, Bücher, Blogs, Computerspiele, Sport, Onlineforen, Arbeit an anderen Projekten – aus all diesen Dingen entstehen meine Texte.

Ist da auch Autobiographisches dabei?

Ja. Immer in totale Fantasiegeschichten verwandelt.

Kennst du die Beat-Generation? An sie musste ich denken, als ich dein Buch las. Da wäre zum einen „Naked Lunch“ von William S. Burroughs, das man ebenso in beliebiger Reihenfolge lesen kann. Aber auch an Jack Kerouacs Werke — vor allem wegen der Art und Weise der Erzählung: neu, selbstbewusst und anders, rebel- lisch gegen die Gegenwartsliteratur. Was hältst du davon? Verstehst du meinen Vergleich mit den „Beatniks“ genannten Autoren? Oder ist das Quatsch?

Ich habe Beat-Literatur zwar zuletzt als Schülerin in der Stadtbibliothek gelesen, aber ja! Ich verstehe den Vergleich. Das ist kein Quatsch, aber wenn es Quatsch wäre, wäre es auch nicht schlimm, denn Quatsch ist gut. Quatsch ist immer sinnvoll.

Gibt es bei dir eine klare Trennung zwischen der Schriftstellerin Johanna Maxl und der Person Johanna Maxl? Oder ist das eins für dich? Bei den „Beatniks“ war diese Trennung ja nicht vorhanden.

Ich bin mein Text. Vielleicht ist der Text sogar mehr ich als ich. Ich denke, wenn man künstlerisch arbeitet, ist die Arbeit oft klüger als man selbst.

Die Kritiken sind teilweise überbordend positiv wie in der „Zeit“, teilweise auch negativ wie in der„SüddeutschenZeitung“. Was macht das mit dir?

Das war ja logisch: Das Buch polarisiert! Das finde ich schlüssig und gut. Ich lese alle Rezensionen erst mal sehr aufmerksam mit dem Ziel, sie möglichst wenig wertend zu verstehen. Eigentlich ist gerade die von dir als Positivbeispiel genannte „Zeit“- Rezension von Juli Katz — so wie ich sie verstehe — zugleich überaus kritisch. Vor allem aber ist sie eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Text. Das ist mir am wichtigsten, und das schätze ich auch immer sehr.

Welchen Bezug hast du zu Fulda?

Einen fast zu guten: Diesen Mai erst wurde mir dort ein Preis verliehen!

Noch dazu der erste seiner Art: Der Fuldaer Literaturpreis, den dir die Stadt Fulda für dein Werk verliehen hat, wurde in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt ausgerufen. Wie ist das für dich?

Es ist das Beste, was mir je passiert ist. Jedenfalls das Zweitbeste, nach der Buchveröffentlichung. Also, wenn die Buchveröffentlichung sich mit meinem Kater einen Platz teilt, und mit Eiscreme. Ernsthaft: Es ist eines der besten Dinge, die mir je passiert sind, und in gewisser Weise, finde ich, ist es auch ein Wagnis — weil mein Buch zwar durchaus lustig und unterhaltsam, aber auch fordernd, düster und eben experimentell ist. Es ist kein „leichtes“ Buch, und, wie du in deiner Frage zu den Rezensionen eben angesprochen hast, es polarisiert. Es ist kein Buch, das nett sein oder von allen gemocht werden will. Gerade so ein Buch zu prä- mieren ist also eine durchaus mutige Entscheidung.

Vor allem für das konservative Fulda.

… und ich hoffe, dass der Preis in Zukunft vielen originellen und mutigen Texten zuerkannt wird. Und ich finde natürlich die Initiative seitens der Stadt und der Sponsoren vorbildlich: einfach mal ein neuer Preis für neue Literatur. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele andere Städte sich eine Scheibe abschneiden!

Arbeitest du bereits an einem zweiten Roman?

Oh ja! Seit ein paar Jahren.

Wird es wieder ein „Bilder-Szenen- Album in Worten“ werden?

Ein zweites Album wäre vielleicht langweilig, und das darf auf keinen Fall passieren. Es wird natürlich wieder experimentell, diesmal haben allerdings die Figuren Namen. Tiere spielen wieder eine wichtige Rolle, obwohl sie alle ausgestorben sind. Es geht allgemein viel um Tod. Yay!

Sonst noch etwas?

Es ist wichtig, die Grenzen der eigenen Handlungsfähigkeit immer wieder zu testen. Kunst
ist notwendig. Lesen ist gesund. Tiere sind die besten (Bestien). Man kann nicht zuviel nachdenken. Ich liebe Computerspiele. Make-up ist eine wichtige Form des Selbstausdrucks, die mehr Respekt verdient. Aber, wenn wir es ganz genau nehmen, ist doch die Klimakrise gerade am wichtigsten und untrennbar verflochten mit der ununterschätzbaren Bedrohung des Populismus. Was machen wir nur mit all den rechtsgerichteten Schlümpfen in der Mitte der Gesellschaft? Auf einer Insel aussetzen, wo sie sichere Gren- zen haben und endlich unter sich sind? Um diese Dinge geht es also notwendigerweise in meinem nächsten Roman.

Wir sind gespannt.

Fotos: Jakub Šimcik/Verlag Matthes & Seitz

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