“Letzter Goldfisch wird vom Hai geschluckt”: Underground sucht neue Heimat

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Das Youropa-Team vor dem Underground. (Foto: Youropa)

Nun steht es fest: Am 20. September ist der letzte Barabend – beziehungsweise ein großes Abschiedsfest – im Underground in der Langebrückenstraße 14.­ Danach muss das Heim des Jugendhilfevereins Youropa dichtmachen, weil der Wohnungsbau auf dem Areal beginnt. Eine Alternative haben die Ehrenamtlichen bislang nicht. move36 zu Besuch beim Vereinsvorstand. 

Dass die ehrenamtlichen Sozialarbeiter irgendwann rausmüssen, war klar. Linda Kameroli, Elena Bien, Sina Illchmann, Dominik Kremer, Manuel Lebek, Inga Koch (von links nach rechts auf dem obigen Foto) sowie einige andere aus dem Verein suchen nun intensiv nach neuen Räumen. Kürzlich wurden die archäologischen Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen soziokulturellen Zentrums L14 abgeschlossen, nun beginnt der Wohnungsbau. Das Underground, das Heim des Jugendhilfevereins Youropa, dient dann wohl als Baubüro.

Aus für den Goldfisch

„So wird der letzte Goldfisch vom Hai geschluckt“, versinnbildlicht Verena Schulenberg aus dem Youropa-Vereinsvorstand die Lage (ein Interview mit ihr liest du hier). „So ein Vereinsheim, wie auch die gesamte ehemalige L14 lässt sich nicht einfach wieder aus dem Boden stampfen, insbesondere nicht, ohne Geld in die Hand zu nehmen“, betont die 43-Jährige. Doch Youropa ist kein Verein mit einem prall gefüllten Bankkonto oder großen Spendeneinnahmen.

Zwar hätten sich nach einem Aufruf auf Facebook ein paar Leute mit Vorschlägen für eine neue Location gemeldet, die sie sich jetzt auch anschauen. Doch „Fulda hat nicht so viele Industriebrachen oder überhaupt Orte, die für eine Nutzung infrage kommen“, so Verena. Dass das Jugendwerk der AWO samt der angegliederten Initiativen – auch ehemals Teil der L14 – in die Lindenstraße ziehen konnte, sei nur ein Glücksfall gewesen – wobei natürlich das musikalische Angebot hier komplett weggefallen ist. Und wer weiß, wie lange sie dort überhaupt bleiben können.

Die Pläne für den Stadtumbau West jedenfalls schienen sich immer weiter nach hinten zu verschieben, das komplette Programm sei nun auf 15 Jahre angelegt, erzählt Verena weiter. Es wird also noch einige Jahre dauern, bis der neue Kulturhof bezogen werden kann. Dieser soll im Rahmen des Umbaus neben einigen anderen Neuerungen in diesem Gebiet wie der Erweiterung der Jugendkulturfabrik auf dem Gelände des Baubetriebshofs entstehen.

Youropa, Underground, Vereinsheim, Schließung, Abschiedsfest, 2019
Aus dem Vorstand von Youropa: Johannes Osterwind, Josha Sperber, Inka Koch und Verena Schulenberg

„Aber wir brauchen jetzt was“, betont Vorstandsmitglied Inga Koch. Der Vorstand glaubt, das sei auch inzwischen bei der Stadt angekommen, doch derzeit hätte diese natürlich vor allem ihre Großevents wie Landesgartenschau und Hessentag auf dem Schirm. Die Antworten auf Anfragen der Fraktion Die Linke.Offene Liste/Menschen für Fulda Ende August in der Stadtverordnetenversammlung jedenfalls legen nahe, dass hier gerade wenig passiert: keine konkreten Pläne, kein Zeitplan, keine Infos darüber, wer hier dann eigentlich alles einen Unterschlupf finden kann oder darf.

Youropa sieht sich klar als verwachsen mit den Gruppen unter dem Dach des Jugendwerks der AWO – und somit auch als künftig ansässig auf dem neuen Kulturhof. Der Name steht übrigens für Youth Romanian Partnership. „Ich bin vergangenes Jahr nach einem Austausch von Studierenden der Sozialen Arbeit nach Rumänien in den Verein eingetreten“, erzählt Josha Sperber, der derzeit nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten mit Hilfe offizieller Anträge für den Verein sucht. „Bei dem Austausch geht es darum, voneinander zu lernen und sich auszutauschen – über die Soziale Arbeit, zum Beispiel das Konzept der Erlebnispädagogik, die in Deutschland bereits einen höheren Stellenwert genießt als in Rumänien“, erklärt Johannes Osterwind, ebenfalls im Vereinsvorstand und Autor einer Bachelorarbeit über die Entwicklungen in der subkulturellen Szene rund um die L14. Hierfür kooperieren sie mit der Uni in der nordwestlichen Stadt Cluj-Napoca.

Youropa im Wandel

Die Bandbreite der Vereinsarbeit ist groß. So hat die Stadt kürzlich einen Projektantrag für Awareness-Schulungen im Rahmen des Programms “Demokratie leben!” bewilligt. “Awareness bedeutet, grenzverletzendes Verhalten wahrzunehmen, damit umzugehen und für sich selbst natürlich auch Grenzen zu setzen”, erklärt Verena. Mittels Workshops, Schulungen sowie Öffentlichkeitsarbeit möchten sie so diskriminierungssensible Bildungsarbeit leisten. Nur wo? Das Underground ist dann weg, vermutlich weichen sie dann auf Räume in der L14zwo aus.

„Für mich macht den Verein aus, dass wir für Solidarität und den demokratischen Gedanken einstehen, was auch in unserem Leitbild verankert ist“, so Josha. „Das wollen wir nach außen tragen und Menschen eine niedrigschwellige Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.“ Der Verein hat sich stark gewandelt, eine neue Generation rückt nach – die sich aber erst mal ins Vereinswesen einarbeiten muss. Auf die Expertise der Älteren können sie aber zurückgreifen.

Freiräume für progressive Ideen

„Dadurch, dass wir in der Subkultur fest verankert sind, konnten wir viele mit ins Boot holen, die uns unterstützen“, erzählt Inga. „Als wir vor rund einem Jahr in den Vorstand gewählt wurden, hatten wir um die 50 Mitglieder, nun sind es circa 80.“

Dennoch überdenken sie nun angesichts des Raum-Problems die konzeptionelle Vereinsarbeit: Was wollen sie, und was können sie noch leisten mit ihrem Ehrenamt? Was ist notwendig für die hiesige Subkultur? „Eine neue Location muss natürlich zum neuen Konzept passen“, sagt Johannes und fährt fort: „Wir wollen natürlich weiterhin Freiräume erhalten und schaffen, progressiven und neuen Ideen muss man ja einen Experimentier-Raum geben. Und es wäre toll, wenn wir wieder was finden, wo junge Menschen Feiern, Konzerte oder andere Events mitgestalten können.“

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Sänger Christopher organisierte und spielte ein paar Punkkonzerte im Underground.

Über 15 Jahre gehörte der Verein zum Geflecht des gesamten L14-Soziotops. Kino 35, Café Panama, Underground und in der Mitte der Hof, der alle Aktiven in den Initiativen und Vereinen miteinander verbunden hat. Ein buntes Gefilde der Subkulturen, das in Osthessen seinesgleichen gesucht hat. Ein Raum für Do-it-yourself-Konzerte, Diskussionsrunden, Lesungen, Spartenfilme oder gemeinsames Kochen. “Eigentlich wollen wir’s nicht hergeben, weil es die schönsten Räume in Fulda sind – und die letzten ihrer Art”, so der Vorstand einhellig.

„Begonnen als Geheimtipp mit Barabend, Kicker und Bier für 1,50 Euro, weicht nun mit dem Underground die letzte Bastion der Fuldaer Subkultur“, so Christopher Wollscheid, Sänger der Punkrockcombo Kindertanzgruppe Sonnenschein. „Es war der letzte Ort, wo wir als Musiker selbst Konzerte organisieren konnten.”

Fotos: Daniel Beise, Christopher Wollscheid

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