„Wir sollten stolz sein“ – Marius Scherf über „Fridays for Future“

„Fridays for Future“ erregt derzeit Aufsehen: Schüler und Schülerinnen protestieren weltweit für Klima und Umweltschutz und folgen dabei dem Vorbild der 16-jährigen Greta Thunberg. In Deutschland und anderswo ist dabei auch eine Debatte um die Frage entbrannt, ob man während der Schulzeit protestieren darf oder sollte. Ja, meint Marius Scherf (20) aus Fulda.

Ein Text von Marius Scherf

Was zeigt sich bei diesen Protesten wirklich und warum ist dies auch im Sinne unserer Bildung?
Ich bin 20 Jahre alt und war bis vor einem Jahr selbst Schüler. Derzeit befinde ich mich auf einer Reise durch Peru – und bin als Flugreisender selbst ein Teil des Problems Klimawandel. Dennoch möchte ich, weit entfernt von Deutschland, den Versuch wagen, meinen Standpunkt aufzuzeigen.

Wetterphänomene zerstören Peru

Peru erscheint als ein Land voller Gegensätze: Kultur und Tradition trifft auf Moderne und Globalisierung. Hier lassen sich viele Zeugnisse menschlicher Geschichte bewundern – uralte Lehmstädte, Pyramiden oder die weltberühmten Nazca-Linien. Doch durch die Erderwärmung sich verstärkende Wetterphänomene wie der Starkregen von El Niño tragen langsam und immer massiver zur Zerstörung dieser Stätten bei. Unwiederbringlich zerrinnt uns unsere eigene Geschichte im Sand.
In Peru wird einem staunend bewusst, dass wir eine Menschheit sind, die vor allem durch unsere Geschichte verbunden ist. Geschichte schreitet voran und wird vom Menschen gemacht. Eine Menschheit und ein von ihr gemachtes Problem: der Klimawandel.
Für ihre gemeinsame Geschichte, gegen ein globales Problem, dafür gehen junge Menschen auf die Straßen. Der Ruf nach konkreten, greifbaren Maßnahmen für Klima- und Umweltschutz gegenüber den regierenden, älteren Generationen wird laut. Denn das Gros der Protestierenden darf weder wählen noch aktiv politischen Einfluss nehmen. Zu lange gleitet der Sand der Geschichte durch die Hände der Älteren. Die Zukunft droht, verspielt zu werden.
Doch noch scheint Zeit zum Handeln. „Mut zur Verantwortlichkeit“, wie Gustav Stresemann sagte, könnte eine passende Überschrift sein: Verantwortlichkeit für das Klima, für die Umwelt, für uns! Wozu in die Schule gehen, wenn es keine Zukunft gibt, für die es sich zu lernen lohnt? Eine Frage, die der Dramatik des Klimawandels durchaus gerecht wird.

„Schulschwänzer“

Aber darf während der Schulzeit protestiert werden? Der O-Ton der Politik fällt da eher negativ aus: Es wird mit Zeugniseinträgen und Schulverweisen gedroht, man wird als Schulschwänzer pauschalisiert, verpasse wichtigen Unterricht. Bildung habe Vorrang!
Das wirft aber die Frage auf, wozu Bildung eigentlich dient? Bildung ist der Grundstein unserer Gesellschaft. Wir lernen, um später einen Beruf zu ergreifen, ein Teil der Gesellschaft zu sein – um sie voranzubringen. Dahinter verbirgt sich ein Ideal, das – wenn ich meine Schullaufbahn betrachte – unser Bildungssystem wie ein roter Faden durchzieht: Man will aufgeklärte und mündige Menschen erziehen.
Was Aufklärung (nach Kant) ist weiß jeder Schüler irgendwann auswendig. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“
Wir wollen in der Gesellschaft also Menschen, die ihren Verstand frei und eigenständig gebrauchen können und dürfen. Dem Gedanken der Aufklärung liegt so eine Autoritätenkritik zu Grunde. Dies ist der Geist, in dem wir unsere Kinder erziehen. Gerade in dem Deutschland nach der Zeit des Nationalsozialismus.
Der Unterrichtsstoff bildet die Wissensbasis, auf der dieser Verstand eines mündigen Mitbürgers aufbauen soll. Der Klimawandel und seine Folgen sind ein wichtiger Unterrichtsgegenstand. Wie oft haben wir in der Schule darüber gesprochen, wie oft haben wir festgestellt, dass nur lernen und reden nicht hilft, die Politik oft zu wenig tut und sich mitunter selbst verweigert.
Die Schülerinnen und Schüler, von Grundschülern bis zum Abiturienten, bewusst oder unbewusst, handeln im Sinne dieses Bildungsideals der Aufklärung. Sie bedienen sich ihres Verstandes und nutzen die Wissensbasis, auf der dieser Verstand aufbaut. Können wir nicht stolz darauf sein?

Viele Gründe für Unterrichtsausfälle

Bildung scheitert nicht an fehlenden Unterrichtsstunden am Freitag. Wenn das ein Argument ist, sei in den Raum gestellt, wie viele Unterrichtsstunden wegen Lehrermangels ausfallen und nicht nachgeholt werden. Nein, Bildung zeigt sich auf dem Weg des Gelingens.
Warum sollten sich junge Menschen nicht schon in ihrem Alter als aufgeklärte, aktive Mitglieder dieser Gesellschaft zeigen können? Warum sollte man ihnen das nicht zutrauen?
Mich macht es, gerade als Teil der oft unpolitisch betitelten „Smartphonegeneration“ stolz, dieselbige auf den Straßen zu sehen. Und zwar auch deswegen, weil Politiker ihr die Mündigkeit, das zu tun, wieder absprechen wollen. Sie wollen sie auf die Schulbank zurückverweisen.
„Fridays for Future“ wird so letztendlich zur Autoritätenkritik im Sinne der Aufklärung: Schülerinnen und Schüler befreien sich aus ihrer Unmündigkeit und demonstrieren – davon sollten wir uns bei der Debatte nicht ablenken lassen – gegen eine zaudernde Autorität und für konkreten Klima- und Umweltschutz. Das ist ein Thema, was ihre und unser aller Zukunft betrifft. Sie befreien sich aus ihrer Unmündigkeit und haben den Mut, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, weil die Politik diesen nicht aufbringt. Sie fordern Mut zur Verantwortlichkeit!
ZUR PERSON: Marius Scherf (20) ist in Fulda geboren und in Neuhof-Hattenhof aufgewachsen. 2018 hat er sein Abitur am Marianum gemacht. Nach seiner Peru-Reise will er im Oktober ein Studium der Kulturwissenschaften und Geschichte beginnen.
„Klimawandel ist für mich ein Thema, mit dem ich mich häufig auseinandersetze“, sagt Marius Scherf. „In meinem Denken über Politik, unsere Gesellschaft und deren Zukunft spielt es immer eine Rolle, zudem ich die Auffassung vertrete, dass es für die Zukunft meiner Generation von immenser Bedeutung ist. Also im Kern: ein Thema, das immer präsent ist und über dessen Impact ich oft nachdenke.“

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