Kristina Hänel über Abtreibungen – „Lebensschützer traumatisieren meine Patientinnen“

Kristina Hänel, die deutschlandweit bekannte Gießener Allgemeinmedizinerin, kämpft für ein liberaleres Recht von Abtreibungen. Die Zahl der Ärzte, die überhaupt noch Abbrüche von Schwangerschaften vornehmen, geht seit Jahren zurück. In Fulda sowie allen anderen katholischen Landesteilen in Hessen gibt es nicht einmal einen Arzt, der Abtreibungen anbietet. Im Interview mit move36 spricht Kristina Hänel über diese Situation, berichtet von Gebetswachen vor ihrer Praxis und reagiert auf den Vorwurf, ihr gehe es nur ums Geld. Im aktuellen Magazin liest du außerdem, warum in Fulda ein Klima der Angst in Sachen Abtreibung herrscht. 

Wann kommen Frauen, die abtreiben wollen, in Ihre Praxis? Nach oder vor Schwangerschaftskonfliktberatung?

Die Schwangerschaftskonfliktberatung muss immer vor der Behandlung erfolgen. Anschließend müssen noch drei Tage vergehen, bevor eine Frau einen Abbruch vornehmen lassen darf. Ansonsten verstößt der Abbruch gegen § 218 StGB.

Aus welchen Gründen treiben Frauen ab, die zu Ihnen kommen?

Ich gehe stark davon aus, dass sie die Schwangerschaft nicht austragen möchten oder können. Nein, im Ernst. Selbstverständlich verstehe ich, wie die Frage gemeint ist. Allerdings sind die Gründe doch so vielfältig wie die Frauen selbst. Allerdings ist ihnen gemein, dass sie gerade in einer Lebenssituation sind, in der sie nicht die Unterstützung und den Rückhalt haben und geben können, um ein Kind zu bekommen. Mit ihrer Entscheidung übernehmen sie Verantwortung. Sie wissen genau, ob sie die Kraft für ein Kind aufbringen können.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Lebensschützern, wie beispielsweise Menschen, die Gebetswachen vor Ihrer Praxis abhalten?

Dafür fehlt mir jedes Verständnis.

Haben Sie das Gefühl, die Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen haben aktuell Zulauf?

Ich weiß, dass ich mehr Feindseligkeiten und feigen Angriffen ausgesetzt bin. Generell kenne ich mich in dieser Szene aber nicht gut genug aus, um beurteilen zu können, ob die Zahl der Abtreibungsgegner zunimmt.

Wie fühlen sich Frauen nach der Behandlung?

Hierauf gibt es keine allgemeine Antwort. Viele fühlen Erleichterung. Das sieht man auch an ihrer Haltung und ihrem Ausdruck. Natürlich kommt es auch vor, dass Frauen Trauer empfinden. Das ist vollkommen natürlich und hat nichts mit einer psychischen Erkrankung zu tun, wie von Abtreibungsgegnern immer wieder behauptet wird.

Haben sich die Zahlen der Frauen, die in Ihrer Praxis einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen, im Zuge der öffentlichen Debatte verändert?

Durch meine Interviews und öffentlichen Auftritte, kennen mich nun mehr Frauen. Viele scheinen auch ein gewisses Vertrauen zu mir aufgebaut zu haben, weil sie meinen Einsatz für das Informationsrecht zum Schwangerschaftsabbruch schätzen und meinen Standpunkt teilen. Es mag daher meiner Bekanntheit geschuldet sein, dass nun mehr Frauen zu uns in die Praxis kommen. Natürlich hängt es auch damit zusammen, dass es einfach wenige Ärzt*innen gibt, die Abbrüche durchführen. So reisen Frauen zum Teil aus Bayern an, weil sie niemanden in ihrer Nähe gefunden haben und der Überzeugung sind, dass sie bei uns in der Praxis gut behandelt werden. Kürzlich rief eine junge Frau an, die von ihrer Freundin, die bei mir einen Abbruch hatte, die Empfehlung bekam, zu uns zu kommen. Teilweise müssen wir Frauen bereits abweisen, weil wir keine Termine innerhalb der gesetzlichen Frist für einen Schwangerschaftsabbruch haben.

Was sagen Sie zum Vorstoß der Gießener Stadtfraktionen, eine Schutzzone um Ihre Praxis einzurichten?

Ich möchte mich klar für das Recht auf freie Meinungsäußerung aussprechen. So gestehe ich es selbstverständlich den Menschen vor meiner Praxis zu, dass sie gegen Abbrüche sind. Allerdings kann es nicht angehen, dass meine Patientinnen von den Aktionen dieser Leute traumatisiert werden. Ich muss meine Patientinnen schützen und bin für friedliche Unterstützung dabei sehr dankbar.

Wie beurteilen Sie den von der Regierung beschlossenen Kompromiss zum Paragraphen 219a?

Er löst nicht das Problem.

Wieso muss ein Arzt aus Ihrer Sicht online über Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen? Immerhin plant die Bundesregierung eine Informationsseite einzurichten.

Warum sollten Ärzt*innen nicht online informieren dürfen? Ich sehe keinen plausiblen Grund, der gegen Informationen auf ärztlichen Seiten spräche.

Ihr Ziel ist es, vor dem Bundesverfassungsgericht eine Streichung von 219a zu bewirken. Wieso glauben Sie, ist der Paragraph verfassungswidrig? Welche Chancen auf einen Erfolg vor Gericht rechnen Sie sich aus?

Die Verfassungswidrigkeit des 219a kurz darzustellen, ist schwer möglich. Im Kern erschwert er Frauen den Zugang zu Informationen, die ihre medizinische Versorgung betreffen, und schränkt Ärzt*innen in der Ausübung ihres Berufs ein. Es gibt keinen guten Grund, warum Ärzt*innen, die die Versorgung beim Schwangerschaftsabbruch gewährleisten, was eine Staatsaufgabe ist, mit Gefängnisstrafen bedroht werden, wenn sie öffentlich über ihre Arbeit informieren.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf von Lebensschützern, Sie würden Ihr Geld ausschließlich mit Abtreibungen machen?

Ich bin Allgemeinmedizinerin und wäre sehr dankbar, wenn es Kolleg*innen in Gießen gäbe, die ebenfalls Abbrüche machen. Ich traue mich ja kaum, über Weihnachten oder im Sommer die Praxis mal für Urlaub zu schließen, weil ich weiß, dass die Frauen hier niemanden haben, zu dem sie sonst gehen können. Eine Verbesserung der Versorgungslage wünsche ich mir sehr. Weniger Abbrüche zu machen und mehr Zeit für allgemeinmedizinische Behandlungen und die Reittherapie für Kinder, die ich anbiete, zu haben, wäre für mich kein Problem. Momentan verdiene ich zwar nicht ausschließlich Geld mit Abbrüchen, aber ich verstehe nicht, wie man mir das vorhalten könnte, wenn es so wäre.

Lebensschützer kritisieren, dass Sie Frauen durch Begriffe wie „Schwangerschaftsgewebe“ in die Irre führten, indem Sie sie verharmlosen. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Wenn ich deutsche Begriffe für medizinische Fachbegriffe benutze, ist das bestimmt keine Verharmlosung. Vielmehr wäre es völlig unsachlich, wenn ich, wie es sogenannte Lebensschützer*innen fordern, bei Embryonen von Kindern reden würde. Schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft austragen, gehen ja auch nicht zum Kinderarzt.

Wer nimmt künftig Abbrüche vor, wenn Sie in Rente gehen?

Das ist eine hervorragende Frage, auf die ich leider noch keine Antwort habe. Ich bilde mittlerweile selbst aus, einige junge Ärzt*innen, die den Ernst der Versorgungslage erkannt haben, kommen zu mir in die Praxis, um Abbrüche zu lernen. Ich weiß nicht, ob dieses Engagement ausreicht, um das Defizit in der universitären Ausbildung auszugleichen. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf.

2018 wurden rund 101.000 Schwangerschaften in Deutschland abgebrochen. Fuldaer müssen für die Abtreibung nach Kassel oder Frankfurt, denn vor Ort gibt es nicht einen Arzt, der Abbrüche vornimmt – aus Angst. Frauen fühlen sich allein gelassen, in der gesellschaftlichen Diskussion bevormundet. move36 hat mit Ärzten, Kirchen, Lebensschützern, Beratungsstellen und einer jungen Frau, die sich für eine Abtreibung entschieden hat, gesprochen. Unter Befürwortern herrscht ein Klima der Angst. Warum das so ist, liest du in der Aprilausgabe von move36.

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