„Fall Goerke“: Verteidigungsstrategie von Ex-AfD-Mann Toni R.

Der Angeklagte als Opfer? Im Prozess im „Fall Goerke“ konstruieren Toni R. und sein Verteidiger ein Komplott gegen den Ex-AfD-Mann. Sie stellen die Zeugen als Verschwörer dar – liefern allerdings keine Beweise. Ganz stimmig ist auch das Bild, das R. von sich zeichnet, nicht.

Drei Zeugen wollen die Stimme von Toni R. auf der Aufzeichnung des Notrufs erkannt haben. Eine Zeugin sagt zudem, R. habe ihr gestanden, im Februar 2017 den Notruf gewählt, sich als Andreas Goerke ausgegeben und gesagt zu haben, er habe seine Frau ermordet. Toni R. ist zu diesem Zeitpunkt Mitglied des AfD-Kreisverbands Fulda und Beisitzer im Vorstand der Jungen Alternative (JA) in Hessen. Goerke ist Vorsitzender des antirassistischen Vereins „Fulda stellt sich quer“.

Während des ersten Prozesstages am vergangenen Donnerstag im Amtsgericht Fulda bestreitet der Künzeller R. sämtliche Vorwürfe. Er sagt, er sei nicht der Anrufer gewesen und er habe auch niemandem gesagt, er habe sich beim Notruf als Andreas Goerke ausgegeben. Hat die Zeugin also gelogen? Und wenn ja: Warum sollte sie? Die Strategie der Verteidigung scheint klar: Toni R. ist das Opfer einer Intrige (ehemaliger) AfDler.

Rolle von Toni R. in der AfD

Verteidiger Euler mutmaßt, die Zeugen – damals alle in der AfD – hätten mit der Aussage gegen den JA-Funktionär Toni R. bei der Polizei Dietmar Vey schaden wollen. Vey ist zu dieser Zeit Sprecher des Kreisverbands gewesen. Tatsächlich hatte es Knatsch zwischen den Zeugen und Vey gegeben. Der AfD-Sprecher hatte sie abgemahnt. Zudem soll er sie beleidigt haben. Wegen der Beleidigungen haben die Zeugen den Sprecher angezeigt, die Anzeige später aber zurückgezogen. Zudem plante der Zeuge Heiko L. – mittlerweile aus der AfD ausgetreten – selbst Sprecher des Kreisverbands zu werden. L. sagt am Donnerstag: „Ich kann beschwören, dass ich mit der Angelegenheit nichts zu tun habe.“

Im Amtsgericht legt Rechtsanwalt Euler nicht schlüssig dar, warum die Zeugen ausgerechnet gegen seinen Mandanten ein Komplott hätten planen sollen, um Vey zu schaden. Handfeste Beweise für seine Vermutung liefert er nicht. R. mutmaßt, man habe sich ihn ausgesucht, weil er sich nicht wehren könne. Unter anderem, da es ihm finanziell nicht gut gehe. Der Angeklagte hat früher als Gärtner gearbeitet, ist seit geraumer Zeit arbeitslos und besitzt kein Auto.

Rolle und Standing von Toni R. innerhalb der AfD sind für die Prozessbeobachter nicht ganz klar. Die Zeugen sagen, R. sei Befehlsempfänger bestimmter Personen innerhalb der Partei gewesen. „Personen, denen ich schon immer ein Dorn im Auge gewesen bin, weil ich einen gemäßigten Kurs fahren wollte“, sagt Heiko L. Der Angeklagte bestreitet, Befehlsempfänger gewesen zu sein.

Wichtige Infos für 500 Euro?

Wie ist dann ein für Heiko L. „markantes Ereignis“, das er dem Amtsgericht schildert, zu bewerten? Der Zeuge sagt, er habe mit dem Angeklagten privat nie etwas zu tun gehabt. Dementsprechend überrascht sei er gewesen, als dieser irgendwann in seinem Betrieb aufgetaucht sei. „Toni R. meinte, er habe Infos für mich, die meine Zukunft betreffen“, sagt L. „Ich könne sie für 500 Euro kaufen. Das kam für mich nicht in Frage. Ich habe das als Wink gesehen: ‚Wenn du die Infos nicht kriegst, wirst du nicht Sprecher.‘“ Verteidiger Michael Euler stellt es so dar, dass sein Mandant dem Zeugen damals vielleicht einen Gefallen habe tun wollen. Heiko L. kontert: „Dann hätte Toni R. keine 500 Euro von mir verlangt.“

Der Angeklagte schildert dieses Treffen folgendermaßen: „Ich habe ihn gefragt, warum er schlecht über Herrn Pierre L. gesprochen hat. Ich habe ihn zur Rede gestellt, nicht erpresst.“ Pierre L. ist einer der führenden Köpfe im AfD-Kreisverband Fulda.

Stellt sich die Frage: Was denn nun? Befehlsempfänger will Toni R. nicht gewesen sein. Dementsprechend müsste er aus freien Stücken Heiko L. in dessen Betrieb aufgesucht haben. Würde sich so eine wehrlose Randfigur verhalten?

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