Ein sicherer, vertraulicher Raum – Diese Fuldaer Pädagogen helfen jungen Opfern sexualisierter Gewalt

Hast du schon mal von sexueller Gewalt in deinem Umfeld gehört? Es wäre jedenfalls nicht abwegig. Auch ich habe bereits mehrere Fälle in meinem Umfeld mitbekommen – dabei einer, der über mehrere Jahre ging und mich persönlich ebenso entsetzt wie wütend gemacht hat. Gerade betroffene Kinder und Jugendliche brauchen hier Hilfe, die auf Vertrauen und Respekt basiert. Die Pädagogen von pro familia und dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) sprechen hier aus Erfahrung. Was sie erzählen, ist wichtig – und es muss öfter erzählt werden.

Erst kürzlich erzählte mir eine Arbeitskollegin von einem krassen Fall: Eine Mitmieterin habe ihr im Bus erzählt, sie sei auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung. Ihre beiden kleinen Jungen, damals acht und zehn Jahren alt, seien von einem Mann monatelang vergewaltigt worden. Meiner Kollegin stand die Erschütterung an diesem Morgen ins Gesicht geschrieben – mir ging es nicht anders, nachdem sie es erzählt hatte. Die „Fuldaer Zeitung“ berichtete über den Fall.

Der Mann war mit den Eltern befreundet und stand auch den Kindern sehr nahe. So ist es meistens: Die Täter kommen aus dem direkten Umfeld. Ähnlich war es in dem Anfang des Jahres bekannt gewordenen Fall auf dem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde. Dort sollen drei Männer über zehn Jahre Kinder missbraucht und das gefilmt haben. Der Haupttäter habe sich im Umfeld des Campingplatzes sehr um die Kinder bemüht, so die Polizei. Zeitweise hatte er gar ein eigenes Pferd. „Die Kinder haben offenbar eine Bezugsperson in dem mutmaßlichen Täter gesehen“, sagte ein Kriminalkommissar. Torsten Wiegand, Sexualpädagoge bei pro familia in Fulda, erläutert: „Opfer werden ja oft von den Tätern regelrecht umgarnt, sodass es ihnen schwerfällt, was zu sagen.“ column width=“1/2″]Doch „sexualisierte Gewalt heißt nicht gleich Vergewaltigung, das ist die letzte Stufe“, stellt Robin Pitts klar, ebenfalls Sexualpädagogin bei pro familia in Fulda. Gemeinsam mit dem Sozialdienst katholischer Frauen hat der Verband in Fulda 2016 eine Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche geschaffen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Wann fangen Übergriffe an?

Es klingt banal und erst mal völlig harmlos, „aber das ist unser typisches Beispiel, das wir Kindern mitgeben, um sie zu sensibilisieren“ , so Robin. „Nämlich auch der Schlabberkuss von Oma ist eine Form von Übergriff, wenn das Kind in einem Alter ist, wo es das nicht mehr möchte, sich aber nicht traut, etwas zu sagen. Wir würden das Kind hier ganz klar bestärken, etwas dagegen zu sagen.“ Denn: Natürlich haben auch Kinder das Recht, über ihren Körper zu bestimmen.

„Es kommt in allen Schichten vor“

„Unsere Aufgabe ist es, Kinder und Jugendliche zu informieren und zu ermutigen, mit jemandem zu sprechen, wenn etwas komisch ist, wenn ihre Grenzen verletzt werden“, sagt Alexandrina Prodan vom SkF. „Wenn Kinder aufgeklärt sind, spüren sie sehr gut, wenn ein Verhalten eine Grenze überschreitet.“

Im Gespräch merke ich, dass Robin, Alexandrina und Torsten ungern von konkreten Fällen erzählen möchten – zunächst schlicht aufgrund ihrer Schweigepflicht. Ich möchte natürlich keine Namen hören, doch auch anonym sind sie zögerlich. „Weil das eben so unterschiedlich passiert, im familiären Umfeld wie auch im öffentlichen Raum; sexuelle Übergriffe finden nicht nur durch Erwachsene, sondern auch unter Gleichaltrigen statt”, erklärt Alexandrina. Die Pädagogen wollen nicht, dass wir in Schubladen denken und meinen, ein Umfeld wie ein etwas in die Jahre gekommener Campingplatz wie aus dem oben genannten Fall sei typisch. „Es kommt durchweg in allen Schichten vor“, betont Alexandrina. Auch das Einfamilienhaus am Stadtrand, die Innenstadtwohnung oder der Schulhof sind typische Tatorte.column width=“1/2″]

Bei Robin, Torsten und Alexandrina findest du Hilfe

Zahlen zu sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen

Man muss hier zwischen erfassten Fällen und Schätzungen unterscheiden. Offiziell gibt es jedes Jahr 14.000 Fälle in Deutschland.

Doch man geht davon aus, dass nur etwa jeder 15. bis 20. zur Anzeige kommt, wovon wiederum nur jeder fünfte Fall vor Gericht verhandelt wird – das ist nur ein Prozent aller Fälle. Die Schätzungen gehen hier also von bis zu 300.000 Fällen pro Jahr aus.

Laut einer Statistik der Bundesregierung sind die Täter zu mehr als 90 Prozent dem Kind bekannt, zu zwei Dritteln gehören sie der Familie oder dem nahen Umfeld an.Robin geht von einer sehr hohen Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus. Jedoch „war in Deutschland tatsächlich erst 2016 die Speak-Studie eine der ersten umfangreichen Erhebungen, die sexualisierte Gewalt unter gleichaltrigen Jugendlichen zum Thema machte“, ergänzt Alexandrina. Die Studie zeige, dass sexualisierte Gewalt häufig in der Schule vorkommt. Über die Hälfte der Mädchen (55 Prozent) und 40 Prozent der Jungen haben bereits Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gehabt. Die Anonymität durch das Internet erleichtere zudem Belästigungen und Übergriffe, so die Studie.

Wie baut man Vertrauen wieder auf?

Seit Anfang 2016 gibt es das Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche, anfangs brauchte es etwas Zeit, bis das Angebot bekannt wurde. „Inzwischen hat sich unsere Arbeit jedoch herumgesprochen und wir haben deshalb viele Anfragen“, so Torsten. „Die Betroffenen bekommen zeitnah einen Termin.“ Vor allem Kinder melden sich eher selten direkt, Jugendliche trauen sich da schon mehr. Das Gros der Anfragen komme aber aus dem Umfeld – also Familie, Schule, Freunde oder vom Jugendamt, so die drei Pädagogen.

„Unsere Beratung ist niedrigschwellig, damit Jugendliche möglichst geringe Hemmungen haben, zu uns zu kommen. Damit sie merken: Das ist ein gesicherter Raum, wo nichts nach außen dringt“, betont Torsten.

Schweigepflicht ist oberstes Gebot

„Doch natürlich ist es für sie super seltsam, zu fremden Leuten in eine Beratungsstelle zu gehen und zu wissen, worüber man jetzt sprechen soll“, schließt Robin an und fährt fort: „Was ich dann als erstes mache, je nach Alter: Ich spiele erst mal was mit ihnen. Sie sind dann meist perplex, weil sie denken, sie müssten sofort über ihre Probleme reden. Aber wir müssen uns ja erst mal kennenlernen. Um Vertrauen zu Erwachsenen wieder aufzubauen, ist hier Ehrlichkeit und Respekt gegenüber dem Kind enorm wichtig.“ Einige Kinder kämen heute, nachdem sie einige Zeit bei Robin waren, freudestrahlend die Treppe rauf.

Neuste Studien weisen darauf hin, dass betroffene Kinder nicht zwangsläufig traumatisiert sind. Doch was ist, wenn die Pädagogen von schwerwiegenden Fällen hören, von Gewalt und Vergewaltigung? Müssen sie dann nicht umgehend eingreifen? „Bei einer akuten Kindeswohlgefährdung würden wir Schritte einleiten, zum Beispiel den Fall beim Jugendamt oder Polizei melden, jedoch immer in Absprache mit den Betroffenen“, sagt Robin. „Denn wir unterliegen der Schweigepflicht – auch gegenüber den Eltern.“

Augen offen halten!

Wiegen die psychischen Schäden zudem schwer, würden sie Betroffene an Stellen wie Psychologen oder Kliniken vermitteln – auch das natürlich nur in Absprache mit dem Kind oder Jugendlichen. Therapien im eigentlichen Sinne bieten pro familia oder der SkF nicht an.

Leider sind gerade die Unschuldigsten, die Schutzbedürftigsten unserer Gesellschaft für Täter die leichtesten Opfer; der Schaden wiegt hier am schwersten und längsten. Und nicht selten werden Opfer später auch zu Tätern. Daher gilt: Augen offen halten und reden, reden, reden, wenn dir etwas auffällt. Ob mit Nahestehenden, Pädagogen oder der Polizei – Hauptsache, es kommt zur Sprache.

Pädagogin Robin hat aber am Schluss des Gesprächs trotzdem einen kleinen Lichtblick parat: „Ich glaube nicht, dass es insgesamt mehr geworden ist. Sondern ich glaube, und das ist etwas sehr Positives, dass immer mehr Menschen darüber sprechen und Hilfe suchen.“

Die drei Pädagogen (v. l.): Robin Pitts und Torsten Wiegand von pro familia sowie Alexandrina Prodan vom SkF

Mail: robin.pitts@profamilia.de

Nummer: 0661 480 4969 11

Mail: torsten.wiegand@profamilia.de

Nummer: 0661 480 4969 12

Mail: prodan@skf-fulda.de

Nummer: 0661 8394 40
Mobil: 0151 20 550 893


Hier geht’s zu unserem Ticker, als die katholische Kirche kürzlich in Fulda ihre Missbrauchs-Studie vorgestellt hat. 

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