Schürt die AfD aka „Die Panikmacher“Ängste?

Standing Ovations, minutenlanger Jubel, tosender Applaus. Hier auf der Bühne steht nicht etwa Miley Cyrus, Felix Jaehn oder Lost Frequencies. Es ist Alexander Gauland. Der AfD-Bundesvorsitzende spricht in Petersberg vor fast 400 Leuten. Was jetzt folgt, ist kein nüchterner Artikel des gestrigen Abends, der unter dem Motto „Die AfD auf dem Weg zur neuen Volkspartei“ stand. Es ist ein persönlicher Eindruck.

Ich war schon bei einigen politischen Veranstaltungen – aber bisher bei keiner der AfD. Bis gestern. Der Abend im Petersberger Propsteihaus ist für mich aber nicht nur deshalb eine bisher nie dagewesene Erfahrung. Er unterscheidet sich grundlegend von allem, was ich zuvor gesehen habe.

Ein Fest für Alte

Ich spüre ein Gefühl der Beklemmung – schon beim Betreten des Saals. Die Gäste werden genau von den Securities gemustert. Komm ich überhaupt rein? Drinnen sind kaum noch Plätze frei. Alle wollen Gauland sehen. Was sind das für Menschen? Die meisten könnten meine Großeltern, einige meine Eltern sein. Aber auch Leute um die 20 sitzen im Publikum.

Dann tritt er vors Rednerpult. Was jetzt passiert, habe ich überhaupt nicht erwartet. Die Menge im Saal steht auf, jubelt, applaudiert. Und das minutenlang. Der Mann, der im Sommerinterview mit dem ZDF auf keine Themen der Zeit Antworten wusste, wird gefeiert wie der Messias. Ein befremdliches Gefühl.

Tauscht da wer die Bevölkerung?

Er spricht von Bevölkerungsaustausch. Deutsche Städte würden übernommen von Menschen mit Migrationshintergrund. Schon jetzt seien Deutsche in Frankfurt in der Minderheit. „Wir wollen nicht ausgetauscht werden“, sagt er und fordert: „Diese Kanzlerin muss weg!“

Immer wieder muss Gauland seine Rede unterbrechen. Im beinahe permanenten Beifall würde schlicht keiner mehr verstehen, was er sagt. Er stichelt gegen die Medien, erntet dafür Zustimmung aus dem Publikum. Ich fühle mich unwohl. Journalisten würden Themen wie Asyl aussparen. Ist das so? Kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen.

Der eigentliche Höhepunkt des Abends ist allerdings nicht Alexander Gauland. Dr. Gottfried Curio, innenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, tritt vors Pult. Er ist ein erstklassiger Rhetoriker. Einfache Botschaften verpackt in bildhafter Sprache. Curio reißt Witze auf Kosten von Geflüchteten und politischen Gegnern. Beim Austeilen gegen Seehofer und Söder kann auch ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er heizt die Stimmung im Saal an, ist ein politischer Entertainer.

Ich schaue mir die Leute im Saal an. Sie kleben an seinen Lippen, folgen seiner Abrechnung mit Merkels Politik. ‚Wovor habt ihr eigentlich solche Angst?‘, frage ich mich. Anscheinend fürchten sie sich vor Veränderungen, wollen die Welt einfrieren. Und wie? Keine Antwort. Es wirkt wie ein Selbsthilfeabend der Gruppe „Die Ängstlichen“ – nur ohne Hilfe.

Panikmache von rechts?

Die Redner beschränken sich darauf, auf Missstände hinzuweisen und zynisch überspitzt eben diese Ängste zu schüren. Die AfDler seien keine „Panikmacher“, erklärt Gauland. Martin Hohmann, AfD-Bundestagsabgeordneter, unterstellt den europäischen Muslimen in seiner Rede ohne Ausnahme, radikal zu sein. Er spricht vom Dschihad. Am Ende seiner Rede habe ich das Gefühl, jeder Moslem in Europa habe die Mission, die heimische Bevölkerung zu verdrängen und den Kontinent zu islamisieren. Da kann man schon Angst bekommen. Schaue ich in meinen Freundeskreis, zu dem ich auch Muslime zähle, hatte ich bisher aber nicht den Eindruck, sie wollten den Staat übernehmen. Keine Panikmache?

Keine Antworten auf wichtige Themen

Was will die AfD eigentlich? Welche Gesetze will sie erlassen? Wie bei allen Parteien, deren Veranstaltungen ich besuche, möchte ich auch von der AfD wissen, was die Partei im Hessischen Landtag bewegen will, welche Politik sie für die Jugend machen möchte. Es interessiert mich, wie sie sich ein besseres Bildungssystem vorstellt.

Darauf gibt es an diesem Abend keine Antworten. Stattdessen Flüchtlinge, Asyl, Flüchtlinge, Zuwanderung, Flüchtlinge. Selbst die CDU, die gebetsmühlenartig hohle Phrasen wie „Fluchtursachen bekämpfen“ wiederholt, wird konkreter, wenn es um Maßnahmen geht. Die AfD nicht. Das will die Partei auch gar nicht, wie Gauland verrät. Man wolle den Leuten „die Missstände immer wieder unter die Nase reiben, bis wir selbst gesetzgeberisch tätig werden können“. Du sollst also die Katze im Sack wählen. Zumindest ich möchte das nicht. Ich will vorher wissen, welche Politik mit meiner Stimme gemacht werden soll.

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