Zum Ticketautomaten hetzen, einsteigen, Platz erkämpfen, aussteigen – jeder kennt so seine eigenen Bahnfahrgeschichten. Unsere Praktikantin Lea war Pendlerkind und hat für uns beschrieben, was sie mit der Bahn verbindet. 

Ein Text von Lea Marie Kläsener

Sirenen heulen, die Welt geht unter – aber eigentlich klingelt nur der Wecker. Mit gehetztem Blick und wirrem Haar schrecke ich aus tiefem Schlaf. Meine Notfallroutine setzt ein: Hose an, Wasser ins Gesicht, Rucksack greifen. Möglichst schnell den Krisenort verlassen. Ich entscheide blitzschnell, wie ich zum Bahnhof komme und springe aufs Fahrrad.
Als Dorfkind bin ich auf Bus und Bahn angewiesen – damit auch auf ihre Launen. Wenn der Zug nur einmal in der Stunde fährt, muss ich eben planen. Das bedeutet: Hobby, Schule und Arzttermine verbinden, die Wartezeit auf den Zug nutzen, und jeden Tag neu überlegen, wie ich am geschmeidigsten nach Hause komme. Ich bin autodidaktische Verwaltungsfachfrau seit der 5. Klasse – Pendlerkind.

Meine Karriere als Verbrecherin

Ich erinnere mich noch gut an den Anfang meiner Pendlerzeit. Ich musste jeden Monat die Fahrkarte in meiner Tasche austauschen und durfte das bloß nicht vergessen. Sonst dehnte sich eine gemütliche Anreise schnell zu einem nicht enden wollenden Alptraum aus: Schlossen sich die Zugtüren hinter mir, war ich gefangen in meiner Angst, dass meine wahre Identität, die Schwarzfahrerin, entlarvt wird. Für eine Viertelstunde war ich Schwerverbrecherin auf der Flucht vor den Instanzen. Äußerlich versuchte ich cool zu bleiben, aber durch meinen Kopf schossen Blitzlichter meiner Zukunft: Ich – festgenommen von der Staatsmacht, meine Eltern – zutiefst enttäuscht, mein Leben – vorbei. Nach 15 Minuten Fahrt erwachte ich dann aus dem Horrortrip: Das Piepen beim Öffnen der Türen synchronisierte sich mit meinem Herzschlag, nur noch einen Schritt in die Freiheit.

Meine Jugend im Zug

Im Laufe der Zeit stiegen die Herausforderungen. Die Ranzen wurden immer kleiner, die Kinder immer größer. Im Alter von 16 Jahren stand ich schließlich vor der existenziellen Entscheidung: Partymuffel oder Partylöwe? Mir blieb kein Mittelweg, jedes Wochenende drängte sich die Frage unbarmherzig in meine Abendplanung: Nimmst du den Zug um 11 oder den Zug um 4 Uhr morgens? Erste oder Letzte, die die Party verlässt? Da trennt sich die Spreu vom Weizen. So sieht man im 11-Uhr-Zug all die traurigen Gestalten, die mit wehmütigem Blick weiße Taschentücher aus den Fenstern schwenken und unter Tränen ihre Feiergemeinde zurücklassen. Währenddessen besteht die Fracht des 4-Uhr-Zugs entweder aus apathisch-übermüdeten Schatten ihrer selbst, die seit Stunden auf den Zug gewartet haben oder aus aufgedreht-hellwachen Lichtgestalten, die die zurückgelassene Party einfach auf die Fahrt mitnehmen.

Transportwissenschaft

Ich möchte nicht ausrechnen, wie viel Wartezeit ich an Bahnhöfen verbracht habe. Gibt es nur einen Zug pro Stunde, muss ich diesen zwangsläufig erwischen. Durch meine jahrelange Erfahrung habe ich auf die Minute genau austariert, mit welchem Transportmittel ich wie lange zum Bahnhof brauche, um möglichst kurz zu warten. Inbegriff der Vollkommenheit: gleichzeitig mit dem Zug am Gleis ankommen. Da wird der Weg zum Bahnhof zur Wissenschaft: früher los und laufen, dafür kürzer warten? Fahrradfahren (aber der Berg …) und gar nicht warten müssen? Bus fahren und ewig warten? Oder lässt sich die Mutter breitschlagen und fährt mich kurz vor knapp zum Zug – Achtung: im Winter Eis kratzen einplanen!

Für jede Möglichkeit gibt es eine exakte, maximal nach hinten geschobene Aufbruchszeit, um dem Morgen die größtmögliche Menge Schlaf abzuzapfen. Klingelt der Wecker, erledige ich in rasender Geschwindigkeit das Nötigste, das Nebensächliche eben im Zug. Jetzt wird auch deutlich, weshalb Verspätungen unter Schülern wirklich so verhasst sind: Ich hätte jetzt noch schön schlafen können. Dass man zu spät zur Schule kommt, ist ja nun wirklich egal. Die gesamte Schulgemeinde weiß genau: Zugkinder kommen entweder zu spät oder viel zu früh, daran ist nicht zu rütteln. Ich für meinen Teil war immer glücklich und zufrieden mit der Rolle der Säumigen.

Oma skatet nicht

Auch wenn ich meistens leidend dreinblicke, wenn das Thema Bahn aufkommt, insgeheim bin ich froh über die großen und kleinen Geschichten, die mich auf meinem Weg als Pendlerin begleiten. An einem der ersten Frühlingstage konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als mitten in der Natur am Bahnhof auf den verspäteten Zug zu warten. Die Vögel zwitscherten, die Gräser bewegten sich in einer leichten Brise, der ICE raste in ohrenbetäubender Lautstärke an mir vorbei. Das Gefühl, wenn sich nach zwei, drei Minuten der Tinnitus legt und das Vogelgezwitscher wieder hörbar wird, ist umwerfend.

Neben mir sitzt eine mir unbekannte Oma. Immer mal schaut sie mich von der Seite an. Ich schaue zurück, unsere Blicke treffen sich. „Sind sie hingefallen?“ Ich bin verdutzt. Hallo, ich sitze hier seit zehn Minuten unverändert. Entspanne neben dir in der Sonne auf den gemütlichen Gitterbänken der Bahn. „Nein, ich sitze hier“, murmle ich und bin mir nicht sicher, ob ich die richtige Antwort gegeben habe. Oma zeigt auf meine Knie. Ich schaue auf meinen Schoß und zurück. Schoß und zurück. „Die Hose ist kaputt.“ Es dämmert. Meine nackten Knie scheinen durch die Risse meiner neusten Jeans. „Fahren Sie Skateboard?“ – „Ja.“, sage ich. Moment, ja?! JA? Wieso habe ich denn JA gesagt, ich stand noch nie auf einem Skateboard! Ich habe den Rollbrettführerschein aus dem Kindergarten, aber das zählt doch nicht. Na super, hier komme ich nicht mehr raus. „Mein Bruder hat es mir beigebracht“, erzähle ich. Meine einwandfreien Lügen erschüttern mich. Wann bin ich so ein schlechter Mensch geworden? Das Gespräch zwischen Oma und mir intensiviert sich. Bald befinde ich mich in der Erklärung diverser Tricks und denke mir Fachbegriffe und Sportler aus. Zum Glück ist Oma keine Skaterin. Mitten im Satz höre ich das Rauschen der Stahlräder auf den Gleisen, das den herannahenden Zug ankündigt. Ich verabschiede mich von Oma und will mich einfach nur entschuldigen.

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