Einsteigen, zu einem Sitzplatz hechten, festkrallen: In Fulda kann Bus fahren schon einem echten Abenteuer nahe kommen – für Busfahrer wie für Fahrgäste. Ein kleiner Erfahrungsbericht.

„Die Fuldaer Busfahrer sind die mit dem krassesten Fahrstil“, sagt ein Freund zu mir. Seit einigen Wochen bin ich für den Weg zur Arbeit auf Fahrrad oder Bus angewiesen. Vor der Haustür habe ich gleich eine Haltestelle, kann also vom Frühstückstisch direkt in das Öffentliche Nahverkehrsgroßraumtaxi fallen – Luxus. “Hi, ich hätte gern eine Tageskarte”, strahle ich den Fahrer an. Die Reaktion ist ein undefinierbarer Laut irgendwo zwischen “Hm”, “Ahem” und “Grmm”. Alles klar. Dass ich ihm einen 20-Euro-Schein hinhalte, gefällt ihm scheinbar nicht so gut, denn jetzt muss er aus dem lustigen Röhrenwechselgeldsystem den richtigen Betrag zusammenklicken.

Die Begeisterung kann aber auch daran liegen, dass gerade mal wieder ein Autofahrer auf der Busspur halten musste, um jemanden einzusammeln, und geflissentlich ignoriert hat, dass ein Bus hinter ihm steht und auch gern auf den für ihn reservierten Platz fahren würde. Alltag für Busfahrer.

Ich bin gerade dabei, mich hinzusetzen, da beschleunigt das Gefährt auch schon und drückt mich mit aller Gewalt in das Polster. Hat die Beschleunigung mich als Kind im Schulbus auch schon so umgehauen? Ich stelle mir vor, wie unsere älteren busfahrenden Mitbürger sich tagtäglich Strategien überlegen, wie sie den Schwung der Beschleunigung nutzen können, um gezielt auf ihren Lieblingsplatz katapultiert zu werden, als wir abrupt zum Stehen kommen.

Haarscharf abgebogen

Am Abzweig, den unser Bus gerade nehmen möchte, steht ein Fahrzeug am Bürgersteig im Kreuzungsbereich. Der Fahrer sieht den Bus kommen und wirkt wie in Schockstarre, als er erkennen muss, dass der Busfahrer zum Einbiegen ansetzt, sich keineswegs von dem Falschparker aufhalten lassend, und millimetergenau an dessen Sportwagen vorbeimanövriert. Ich konnte den Lack schon zerkratzen hören, doch der Mann hinter dem riesigen Lenkrad weiß, was er tut.

Manchmal wird es aber auch ganz schön gefährlich. An einem Abend beispielsweise warte ich gerade auf meinen Bus, als ein Sportwagen auf die Haltestelle zusaust, sich direkt vor den haltenden Bus stellt, der Fahrer aussteigt und sauer Richtung Busfahrerfenster marschiert. Scheinbar hat der Herr sich gestört gefühlt, als der Bus direkt vor ihm an der letzten Haltestelle aus der Haltebucht bog und er bremsen musste. Das ließ der Fahrer den Busfahrer nun lautstark wissen und trat erregt gegen den Bus. Was das bringen soll, verstand in dem Moment nur der wütende Zeitgenosse. Der Busfahrer jedenfalls ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, gab den Vorfall per Funk weiter und kommentierte trocken: “Heute kann man fast nicht mehr ohne Polizeischutz losfahren.”

Man muss also ganz schön abgehärtet sein als Busfahrer. Aber auch als Fahrgast. Sanft zu bremsen, damit die Fahrgäste nicht durch den Bus fliegen, scheint in Fulda nicht zum guten Ton zu gehören. Nach ein paar Tagen hatte ich dann auch kapiert, dass es einiges an Gleichgewichtsgefühl braucht, schon vor der Haltestelle aufzustehen und sich zum Ausgang zu hangeln. Seit ich ein paar mal durch das plötzliche Bremsen vor der Haltestelle fast im Gang gelandet wäre, stehe ich immer erst auf, wenn der Bus schon fast steht.

Doch man lernt auch einiges, wenn man Bus fährt. Zum Beispiel hatte ich schnell raus, wie eine Wochenkarte der Tarifstufe im Kassensystem des Busses eingetippt wird. Das führte nämlich bisher jedes Mal dazu, dass der Busfahrer mich stirnrunzelnd anschaute, hilflos auf den Tasten herumdrückte, nur eine normale Wochenkarte fand und den halben Verkehr aufhielt. Einmal sagte ein Fahrer sogar: “Wir fahren jetzt eh zum Stadtschloss, kaufen Sie die Karte einfach dort. Ich weiß auch nicht, wie das geht.” Und Citytickets in Kombi mit einer Bahnkarte als Handyversion vorzuzeigen, führt generell nur zu abwehrendem Kopfschütteln.

Kleine Überraschungen

Mein schönstes Abenteuer hatte ich bisher allerdings mit einer Mitfahrerin. Ich saß an meiner Haltestelle und wurde von einer dort Wartenden angesprochen. Sie hatte offensichtlich eine geistige Behinderung und erzählte mir von ihrem Tag. Ich hörte zu, lächelte freundlich – ich hatte ja eh gerade nichts zu tun, und sie war einfach nur nett. Als der Bus kam, sagte sie zu mir: “Bitte, du brauchst kein Ticket kaufen. Ich darf auf meinen Ausweis eine Begleitung mitnehmen, und du warst so freundlich mir zuzuhören, ich lade dich ein.” Da war ich baff. Und dankbar. So hatte ich eine nette Story erzählt bekommen und eine kostenlose Fahrt. Was will man mehr?

Busfahren gratis?

Geht es nach Die Linke.Offene Liste/Menschen für Fulda ist der öffentliche Nahverkehr in Fulda bald für jeden kostenlos. Einen entsprechenden Antrag haben sie in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht. Warum OB Wingenfeld das in naher Zukunft in Fulda nicht sieht und wie andere Städte mit dem Thema umgehen, haben wir aufgearbeitet.