Schon gehört? Mit einer App will die Brüsseler Politikerin Bianca Debeats in der belgischen Hauptstadt gegen sexuelle Belästigung vorgehen. Spätestens die #MeToo-Kampagne hat klar gemacht: Es passiert viel mehr, als wir dachten. Eine Ode an die Selbstbestimmtheit der Frau: 

„Heute“, schreibt mir kürzlich ein alter Bekannter, mit dem ich vor Jahren mal was laufen hatte. Er würde es gern wiederholen, ich nicht. „Nein“, sage ich. Es kommt ein „Dohoch“ zurück. Jetzt reicht’s mir. Versteht der nicht, was Nein heißt – das Gegenteil von Ja? Ich presse ihm einen Text, der sich gewaschen hat. Und alles, was darauf zurückkommt, ist: „Beruhig dich, du Zornige.“ Arschloch.

Fälle wie dieser lösen in uns Zorn aus, manchmal auch Unsicherheit. Egal ob es Worte sind, die unsere Intimsphäre verletzen oder ein Pograpscher. Fälle, die nicht nur im Privatbereich auftreten, sondern häufig auch auf offener Straße. Sowas muss sich keine Frau gefallen lassen.

Jeder hat seine Grenzen

Das hat sich auch Debeats gedacht, die einem Bericht der Deutschen Presseagentur (dpa) nach zusammen mit einer zivilgesellschaftlichen Organisation die App „Touche pas à ma pote“ („Fass meine Freundin nicht an“) entwickeln lassen hat. „Wie viele andere Frauen habe ich genug von bestimmten Männern, die Frauen auf der Straße beleidigen und belästigen“, sagt die Politikerin. Mit der Anwendung können Frauen in Brüssel per Knopfdruck Vorfälle melden. So können Leute in der Nähe – auch Männer, die in der App als „Straßenengel“ bezeichnet werden – informiert werden, dazukommen oder eventuell als Zeugen weiterhelfen. Darüber hinaus werden die Standorte erfasst. So sehen andere Frauen, wo in der Vergangenheit Belästigungen stattgefunden haben und die Polizei könnte ihre Streifen danach ausrichten.

Nun könnte man(n) sagen: Habt euch mal nicht so, ihr Frauen. Viele sehen Hinterherlaufen und sich in den Weg stellen nicht als sexuelle Belästigung. Auch viele Frauen nicht. Die einen fühlen sich eben „schon“ unbehaglich, wenn sie anzüglich gemustert werden. Anderen geht es „erst“ zu weit, wenn sie unsittlich berührt werden. Das ist okay. Jeder hat seine Grenzen – und die gilt es, zu respektieren. Manche Männer müssen nur endlich mal checken, dass ihre Grenzen, wenn vorhanden, oft nicht denen der Frauen entsprechen.

Die Dunkelziffer ist hoch

Debeats selbst sieht die App nicht als „Allheilmittel“. Aber es sei wichtig, nicht nur die „Spitze des Eisbergs“ zu sehen, sondern, was wirklich passiere und wo.

Mit einer App meldet man Vorfälle nicht nur schneller, als wenn man erst die 110 wählen muss. Man muss außerdem nicht erst minutenlang schildern, was passiert ist. Das könnte viele Frauen, die sexuell belästigt worden sind, ermutigen, auch wirklich darauf aufmerksam zu machen. Denn die Dunkelziffer ist überwältigend. Einer EU-Studie zufolge wird jede dritte Frau in Europa Opfer eines sexuellen Übergriffs. Doch nur ein Bruchteil davon erstattet Anzeige.

Ein ähnliches Modell wie „Touche pas à ma pote“ gibt es in Frankreich: „Hands Away“, seit Oktober 2016 auf dem Markt. Nach Angaben der Betreiber wurden dort seither 8500 Fälle angezeigt. 10.000 „Straßenengel“ sind gemeldet. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das von einer indischen Initiative gelaunchte Modell „Safecity“ in 50 Städten in Indien, Kenia und einigen anderen Ländern.

#keinekleinigkeit

In Deutschland reagieren die Behörden lapidar auf Entwicklungen wie diese. „Wir bewerten solche Apps grundsätzlich nicht“, zitiert dpa den Geschäftsführer der zentralen Kriminalpräventionsstelle der Polizei, Joachim Schneider. „Für uns gibt es keine Alternative zur Notrufnummer 110.“

Ein paar hippe Studenten haben sich da schon mehr Gedanken gemacht. Unter keinekleinigkeit.de können Frauen in Deutschland melden, wenn sie sexuell belästigt wurden – anonym und nach Kategorien. Außerdem gibt’s auf der Website ein Hilfe- und ein Heimwegtelefon. Der Name sagt schon, worum es der Initiative geht: Sexuelle Belästigung kann völlig unterschiedlich aussehen und sollte nicht als Kleinigkeit abgetan werden.

Die App ist eine gute Idee, wenn ich sie auch in meinem oben genannten Fall nicht gebraucht habe. Seit meiner Ansage habe ich von besagtem Bekannten nichts mehr gehört, und sollte noch was kommen, wird es gekonnt ignoriert. Manchmal reichen eben auch klare Worte, Mädels – nur Mut.

Foto: Eric Lalmand/BELGA/dpa

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.