Kirche und Staat sind getrennt. Ach wirklich? Kirchenkritiker behaupten das Gegenteil. Immerhin bekommt die Kirche jährliche Zuwendungen vom Staat, auch die kirchlichen Kitas werden zum Großteil vom Steuerzahler – also von dir – finanziert. In der aktuellen Ausgabe von move36 gehen wir das Thema an. Wir wollten wissen: Wie steht die Jugend zum Glauben? Den evangelischen Bischof von Kurhessen Waldeck, Dr. Martin Hein, haben wir interviewt und mit den Vorwürfen der Kirchenkritiker konfrontiert. Das hat er geantwortet.

Kirche wird zum einem Großteil aus dem allgemeinen Steuertopf finanziert. Wieso eigentlich? 

Leider ist die Frage schon falsch gestellt! Um es ganz klar zu sagen: Die Kirche wird nicht aus dem „allgemeinen Steuertopf“ finanziert, sondern zum größten Teil aus der Kirchensteuer. Die aber ist gar keine staatliche Steuer, sondern ein Mitgliedsbeitrag, den die Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts von ihren Mitgliedern einziehen darf. Der Staat ist damit lediglich beauftragt und wird für diese Dienstleistung bezahlt.

Eingeführt wurde dieses System im 19. Jahrhundert und 1919 nach der Abschaffung der Staatskirche von der Weimarer Republik übernommen. Dieses System garantiert eine hohe Beitragsgerechtigkeit, weil der Beitrag an das Einkommen gekoppelt ist. Damit ist die Kirchensteuer gerechter als zum Beispiel der Rundfunkbeitrag oder die Mehrwertsteuer!

Daneben gibt es noch die sogenannten „Staatsleistungen“, die nichts anderes sind als Ersatzleistungen des Staates für die Enteignung von Kirchenbesitz. Die kommen also auch nicht aus der Steuer. Das alles ist vertraglich genau geregelt. Im Grundgesetz steht, der Staat solle diese Leistungen ablösen, das heißt durch eine einmalige Zahlung abgelten. Das ist bisher nicht geschehen. Wir würden das als Kirchen begrüßen.

Es lohnt sich, auch wenn es auf den ersten Blick mühsam wirkt, zum Beispiel Wörter wie „Körperschaft öffentlichen Rechtes“ oder „Kirchensteuer“ einmal zu googlen, um sich zu informieren. Oft wird im Blick auf das Verhältnis von Staat und Kirche viel Unsinn erzählt. Pfarrer, Pfarrerinnen und Kirchenbeamte sind keine Staatsbeamten, und die evangelische Kirche ist keine Staatskirche.

Die Finanzen der Kirche

Der Politologe und Kirchenkritiker Carsten Frerk schätzt das Vermögen der beiden großen Kirchen in Deutschland auf 435 Milliarden Euro – davon 220 Milliarden in Form von Immobilien. Tatsächlich sind die Kirchenfinanzen aber nicht so einfach zu durchschauen. Hättest du gewusst, dass die Kirchen neben der Kirchensteuer – ganze 11,6 Milliarden Euro 2016 – jede Menge Staatsleistungen bekommen?

Das Land Hessen hat im Haushalt 2017 mehr als 53 Millionen Euro an Zuwendungen für die Kirchen eingeplant. Das Geld können die Kirchen unter anderem für die Bezahlung der Geistlichen nutzen. Ein Pfarrer im Bistum Fulda bekommt beispielsweise ein Grundgehalt von rund 3000 Euro im Monat. Anders als in Hessen werden Geistliche in Bayern direkt vom Land bezahlt.

Neben den Zuwendungen kann Fuldas katholischer Bischof Heinz Josef Algermissen in diesem Jahr weitere 280.000 Euro einplanen. Mit dem Geld sollen die Fenster und die Kuppel des Doms instand gesetzt werden. Dann gibt‘s noch Geld für die kirchlichen Kindergärten. In Fulda werden 17 der 45 Kitas von Kirchen getragen.

Dafür macht die Stadt jährlich 4,8 Millionen Euro locker. Das entspricht 75 Prozent der Betriebskosten. Die restlichen 25 Prozent bezahlen die Kirchen aus eigener Tasche. Eine kirchliche Kita in Fulda ist nicht billiger oder teurer als eine städtische oder die eines anderen Trägers. Laut Johannes Heller, Pressesprecher der Stadt Fulda, unterscheiden sich die Betriebskosten nicht wesentlich.

Wo ist denn da die Trennung von Kirche und Staat? Gibt es die überhaupt? 

In der Verfassung der Weimarer Republik von 1919 steht in Artikel 137: „Es besteht keine Staatskirche.“ Das hat das Grundgesetz in Artikel 140 übernommen. Das Verhältnis von Kirche und Staat ist darum, wie bei jeder anderen Institution, die mit dem Staat zusammenarbeitet, über Verträge geregelt. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Prinzip der sogenannten „Subsidiarität“, das eine der Säulen unserer demokratischen Gesellschaft ist.

Es meint: Der Staat soll so viele Aufgaben wie möglich in die Hände von Bürgern beziehungsweise von Einrichtungen legen. Also etwa das Betreiben von Kindergärten. Wir nehmen als Kirchen diesen Auftrag wahr – wie auch andere gesellschaftliche Organisationen, zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt. Der Staat vergütet uns diese Leistungen, weil wir einen Teil seiner Aufgaben übernehmen.

Im Detail ist das kompliziert, weil Gerechtigkeit immer kompliziert ist. Der Staat verhält sich dabei strikt neutral. Er bevorzugt keine Religionen oder andere Institutionen, sondern er fördert sie, wenn sie bestimmte rechtliche Voraussetzungen erfüllen. Wir sind in der Gestaltung dieser Aufträge völlig frei, solange wir nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Also: Staat und Kirche sind getrennt, kooperieren aber auf Gebieten, die von öffentlichem Interesse sind.

Brauchen wir die Kirche heutzutage überhaupt noch? 

Immerhin sind rund 40 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied einer Kirche! Wir beschäftigen allein in Kurhessen-Waldeck rund 11.000 Menschen, 25.000 arbeiten ehrenamtlich mit. Die Kirchen sind damit die bei weitem größte Nicht-Regierungsorganisationen in der Bundesrepublik und tief in der Gesellschaft verankert! Der Staat braucht die Kirchen nicht, aber er arbeitet mit ihnen zusammen.

Die Gesellschaft hat den Vorteil, dass die christliche Religion durch die Kirchen sichtbar wird und ein Teil der Zivilgesellschaft ist. Theologisch brauchen wir als Christen die Kirche, weil sie die Organisation der Gläubigen ist – und der Glaube ist nun einmal auf Gemeinschaft ausgerichtet. Kirche ist überall dort, wo das Evangelium verkündigt wird und die Sakramente, also Taufe und Abendmahl, gefeiert werden. Das muss organisiert werden: Gebäude werden unterhalten, Gehälter bezahlt, Interessen ausgeglichen. Darum brauchen wir „die Kirche“, in welcher Form auch immer.

Festhalten möchte ich aber: Die entscheidende Organisationsform der evangelischen Kirchen sind die Gemeinden. Alles, was über die Gemeinde hinausgeht, dient letztlich dazu, das Leben der Gemeinde zu ermöglichen. Eine einzelne Gemeinde wäre gar nicht in der Lage, sich komplett allein zu finanzieren, und die Einnahmen wären auch sehr ungerecht verteilt. Die Kirche ist also eine Solidargemeinschaft. Als solche wird sie „gebraucht“. Ob sie für alle Zeiten so organisiert werden muss, wie sie jetzt organisiert ist, ist eine andere Frage. Sie wird kleiner werden. Das muss aber noch nicht bedeuten, dass sie unwichtiger wird.

Nebenbei bemerkt ist die Hauptursache unseres Mitgliederschwundes nicht die Zahl der Kirchenaustritte, so schmerzhaft sie sind, sondern die Entwicklung der Alterspyramide. Es sterben mehr Menschen, als geboren werden.

Braucht es überhaupt einen Religionsunterricht oder sollte es nicht vielmehr ein Unterricht der Religionen sein? 

Der Religionsunterricht steht in unserer Verfassung, in Artikel 7 des Grundgesetzes. Er wird politisch gewollt, und so ist die Frage auch zuerst eine politische Frage. Zur Religion gehört aber auch Bildung. Die Idee des konfessionellen Unterrichtes in der Verantwortung der Religionsgemeinschaften lebt davon, dass die Schülerinnen und Schüler von Menschen unterrichtet werden, die selber religiös gebunden sind, so dass sie eine authentische Position erleben.

Grundsätzlich ist es verboten, in der Schule Werbung für eine Kirche zu betreiben! Daran müssen sich Religionslehrerinnen und -lehrer halten. Ich persönlich glaube nicht, dass eine reine Religionskunde so ergiebig sein kann wie ein Religionsunterricht, in dem ein religiöser Mensch mit dem einsteht, was er lehrt. Außerdem ist Religionskunde ohnehin ein wesentlicher Bestandteil des Religionsunterrichtes.

Paradoxerweise bekommen wir Kritik auch aus der anderen Richtung: Wir würden im christlichen Religionsunterricht viel zu viel über fremde Religionen lehren und zu wenig über das Christentum. Diese Stimmen gibt es. Was oft übersehen wird: Die eigentliche kirchliche „Lehre“ findet im Konfirmandenunterricht statt. Aber der kann nicht alles leisten und erreicht nur diejenigen, die sich dazu anmelden.

Dass religiöse Bildung heute von großer Bedeutung ist, muss man nicht eigens betonen. Eine moderne, freiheitliche und pluralistische Gesellschaft braucht religiöse Bildung. Dass ist ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden: Wenn Religionen von Extremisten missbraucht werden, hilft nur Bildung! Da sehe ich in den kommenden Jahren die wichtigste Aufgabe des Religionsunterrichts – gerade in der gemeinsamen Verantwortung von Staat und Kirchen.

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