Die Konzert-Location Café Panama im soziokulturellen Zentrum L14 (Foto: Daniel Beise)

Die L14 ist weiterhin um ihren Fortbestand bemüht. Der Mietvertrag der AWO läuft bis Ende des Jahres. Inzwischen ist der naheliegende Betriebshof als Alternative ins Gespräch gekommen. Nun werden die Entwicklungen in dem Kulturzentrum Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit für die Uni Kassel: Matthias Apel hat sich die L14 als Beispiel für seine Masterarbeit mit dem Schwerpunkt Stadtsoziologie herausgepickt, um zu zeigen, dass auch in kleineren Städten öffentlicher Kulturraum zunehmend von Privatisierung bedroht ist. Wir haben den 34-Jährigen gefragt, was er von den Entwicklungen hält.

Wovon handelt deine Masterarbeit konkret?

Ich möchte das soziologische Umfeld im Kontext der Ökonomisierung erforschen. Mir geht es darum, zu zeigen, dass Gentrifizierung auch in der Peripherie stattfindet, nicht nur in Großstädten.

Wie bist du auf die L14 als Beispiel gekommen?

Ich wohne seit gut zehn Jahren in Fulda und kenne das Undergroud und einen der Vorsitzenden des Jugendvereins Youropa schon lange. Vor allem das Underground ist der Inbegriff einer soziokulturellen Location. Als ich in den Medien von dem Verkauf und dem Aufschrei der Subkultur las, war für mich klar, dass das mein Thema wird. Der Begriff Gentrifizierung beschreibt einen sozioökonomischen Strukturwandel von Stadtvierteln im Sinne einer Aufwertung, um ein neues, zahlungskräftiges Klientel zu gewinnen. Einher geht damit oftmals der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen. In der Öffentlichkeit ist der Begriff als politisches Schlagwort oft negativ konnotiert. Daher plädieren einige Soziologen dafür, Gentrifizierung neutraler und genauer und nicht mehr als politischen Kampfbegriff zu verwenden.

Wie wichtig ist so ein soziokulturelles Zentrum für die Jugend?

Gerade in Fulda ist es existenziell für Jugendliche, da es hier nichts anderes gibt. Es bietet die Möglichkeit der persönlichen Entfaltung ohne große Kosten, weil die Infrastruktur schon vorhanden ist. Einrichtungen wie der Kleidertauschladen oder die Küche für alle sind insbesondere für Studenten attraktiv – Stichwort: wenig Geld. Die Hochkultur wie der Musical Sommer wird in Fulda sehr hoch gehalten, spricht aber nur ein gewisses Klientel an. Eine studentische Kultur über das gesamte Stadtgebiet wie beispielsweise in Gießen gibt es hier nicht, weil die Hochschule auf einen Fleck konzentriert ist.

Masterstudent Matthias Apel (Foto: Matthias Apel)

Wie erlebst du den Kampf der Bürgerinitiative um ihren Fortbestand?

Ich bekomme bisher nur den Newsletter der BI und habe an einem Treffen teilgenommen, wo sich aber schon die unterschiedlichen Positionen der vielen Initiativen herausgestellt haben. Die Herausforderung ist, diese verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Sie schaffen das nur, wenn sie weiterhin an einem Strang ziehen.

Und wenn nicht?

Dann besteht die Gefahr, dass die Initiativen auseinander driften, was sehr schade wäre. Die kulturelle Konzentration und der Zusammenhalt sind schon wichtige Faktoren.

Glaubst du, dass die L14 auf dem Betriebshof so fortbestehen könnte, wie sie jetzt ist?

Jein. Ich glaube nicht, dass sie dort einen adäquaten Ersatz finden – und wenn, würde es Jahre dauern, diesen herzustellen. Selbst wenn das Zentrum komplett umzieht, geht die Popularität verloren, der Name wäre weg wie auch die Identifikation mit dem Ort. Hinzu kommt die Herausforderung, die Hallen des Betriebshof an die Bedürfnisse der Initiativen anzupassen. Das alles wird natürlich Auswirkungen auf die Besucherstruktur haben.

Würdest du sagen, hier spielt sich eine typische Gentrifizierung ab?

Naja, man muss schauen, was auf dem Gelände entsteht. Geplant ist ja ein gemischter Wohnungsbau, aber mit Sicherheit werden einige Eigentumswohnungen entstehen, die sich kein Normalbürger leisten kann – insofern eher eine abgeschwächte Gentrifizierung.

Was ist das Kritische an solchen innerstädtischen Aufwertungen ohne sozialen Wohnungsbau?

Es sind Prozesse, die die Innenstädte fast nur noch für Reiche zugänglich machen und infolgederer eine Ghettoisierung an den Rändern der Städte passiert. Wenn dann auch noch Wohnungen zu Spekulationsobjekten für Banken werden, ist das Grundrecht auf Wohnen in Gefahr. Das trifft jetzt auf Fulda noch nicht so zu, aber in Metropolen ist das ein Problem geworden.

Würdest du sagen, Gentrifizierung ist ein gesamtgesellschaftliches Problem geworden? 

Ja, definitiv. Weil das Ausspielen von Arm gegen Reich und deren Trennung sozialen Sprengstoff bergen, der im Zuge anhaltenden Migration zunimmt. Im schlimmsten Fall könnten solche Entwicklungen zu sozialen Unruhen führen.

Mehr zum Thema:

Initiativen der L14 künftig am Betriebshof?
Die L14 ist enttäuscht – offener Brief an OB Wingenfeld
“Ein schöner, verwilderter Garten” – L14 eröffnet Vonderau-Park
Neues aus der L14
Macht das Café Panama dicht?
Ein offener Brief an die Stadt

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.