Vielleicht ist dir in den vergangenen Tagen auch ein weiß-roter Brief ins Haus geflattert – Absender: deine Krankenkasse. Inhalt: Stimmzettel und Wahlbriefumschlag für die Sozialwahl 2017. “Wat für ‘ne Wahl bitte?”, fragst du dich vielleicht jetzt. Obwohl es nach der Europa- und Bundestagswahl die drittgrößte in Deutschland ist, hat eigentlich kaum jemand einen Plan, worum es hier genau geht. Auch bei uns standen erst mal Fragezeichen auf der Stirn.

Kürzlich bei uns in der Redaktion: “Sollten wir was zur Sozialwahl machen?”, frage ich meine Kollegin Mariana. Wir, wie auch der Rest der Redaktion, hat noch nie diesen Wahlbrief bekommen. Wir müssen gestehen: Wir haben eigentlich keinen Peil, worum es genau geht. Irgendwas mit den gesetzlichen Krankenkassen – so schwammig, so unwissend. “Einfach nur zu erklären, worum es dabei geht, ist öde”, findet Mariana. Witzigerweise habe ich am selben Tag die Wahlbenachrichtigung im Briefkasten.

Wen wähle ich? Warum? Und was bringt mir das? Mit immerhin 52 Millionen Wahlberechtigten dieses Jahr scheint sie ja doch irgendwie wichtig zu sein. Die Wahlbeteiligung lag 2011 bei nur 31 Prozent; sie wird auch 2017 nicht durch die Decke gehen. Bei der Bundestagswahl 2013 lag sie bei 71,5 Prozent.

Was ist die Sozialwahl?

“Ihre Stimme entscheidet mit, wie sich der ehrenamtlich arbeitende Verwaltungsrat zusammensetzt.” Dieser mache sich für meine Interessen stark, heißt es im Anschreiben. Mh – viel schlauer? Nicht wirklich. Ich schaue bei der Deutschen Presse Agentur: Die gesetzlichen Sozialversicherungen sind keine staatlichen Behörden, sondern eigenständige Körperschaften, die sich selbst verwalten und eigene Parlamente haben. Diese bestehen zur Hälfte aus Krankenversicherten von der Arbeitnehmerseite, die sich jetzt wählen lassen; die andere Hälfte von Arbeitgeberseite bestimmen die Versicherungen – hier gibt es regelmäßig nur eine einzige Kandidatenliste, die dann automatisch gewählt wird.

Hier noch mal in bewegten Bildern erklärt:

Den Verwaltungsrat und die Vertreterversammlung wählen alle sechs Jahre Rentenversicherte, Rentner und Krankenkassenmitglieder. Berechtigt zu dieser reinen Briefwahl bist du, wenn du Mitglied bei der Rentenversicherung sowie bei einer gesetzlichen Krankenkasse bist und am 1. Januar 2017 dein 16. Lebensjahr vollendet hast. Stichtag ist der 31. Mai.

Allerdings übersteigt die Zahl der Kandidaten bei den meisten Krankenkassen und Regionalträgern der Rentenversicherung nicht die Zahl der Sitze in den Sozialparlamenten. Daher machen Arbeitgeber und Gewerkschaften bei einer sogenannten Friedenswahl oft kurzerhand unter sich aus, wer die Posten übernimmt. Eine Wahl haben dieses Jahr einzig die Versicherten der Ersatzkassen Barmer, TK, DAK-Gesundheit, KKH und hkk sowie der Deutschen Rentenversicherung Bund und der Deutschen Rentenversicherung Saarland und erstmals auch der Betriebskrankenkasse RWE und die Arbeitgeber bei der BKK VerbundPlus. Aha, DAK-Gesundheit – daher zum ersten Mal dieser Umschlag in meinem Briefkasten. Von 161 Versicherungsträgern sind das nicht gerade viele.

Was machen die Vertreter dann so?

Bei der Sozialwahl kandidieren Versicherte, die gemeinsam in Listen antreten und sich alle ehrenamtlich engagieren. Größtenteils sind das Rentner und Männer – lediglich 18 Prozent sind Frauen in den Sozialparlamenten. Die Listen stellen Gewerkschaften oder andere Arbeitnehmervereinigungen mit sozial- oder berufspolitischen Zielen zusammen. Die Gewählten füllen dann das Rahmenwerk aus, das der Gesetzgeber für das Renten- und Krankenversicherungssystem geschaffen hat – heißt: sie entscheiden über milliardenschwere Haushalte, die Gestaltung neuer Leistungen oder über Zusatzbeiträge.

Das war’s aber auch fast schon: Auf Rentenhöhe und Beitragssätze haben die Versicherungen beispielsweise wenig Einfluss; auch den Krankenkassen sind die Leistungen zum Großteil vorgeschrieben. Zusätzliche Leistung, wie die Bezuschussung künstlicher Befruchtung, können sie aber beschließen.

Und wie entscheide ich mich jetzt?

So, worum es geht, weiß ich nun. Aber welche Liste vertritt nun meine Interessen am ehesten? Was sind eigentlich meine Interessen? Klar, niedrige Beiträge, optimale Gesundheitsversorgung, höhere Rente – wollen wir ja alle.

Und genauso schwammig bleiben auch die Werbevideos sowie -flyer von den Vertretern der sieben Listen bei der DAK-Gesundheit: Alle möchten gleich hohe Beiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die beste medizinische Versorgung, verlässlichen Service und so weiter. Natürlich kann man sich intensiver informieren – zum Beispiel darüber, welche Liste sich dafür einsetzt, dass die Kassen Impfungen bezahlen, die du für Südamerika oder Asien brauchst. Oder dass bestimmte Zahnbehandlungen bezuschusst werden.

Eine Liste betont immerhin die Abschaffung der Mehrklassenmedizin. Angesprochen fühle ich mich hier als junger Erwachsener gleichwohl nicht. Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) meint, mittelfristig sollte man online wählen können, damit die Wahl mit der Zeit geht und vor allem endlich auch mal junge Wähler gewonnen werden. Naja, ich werde jedenfalls meine Stimme abgeben, weil ich hier mitentscheide, wie viel ich von meinem eingezahlten Geld bekomme, wenn ich es brauche.