Inklusion – ein Thema, über das viele viel reden. Aber praktisch ist Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung in vielen Lebensbereichen längst keine Selbstverständlichkeit. Wie das in Sachen Liebe und Sex ist, haben uns drei junge Menschen offen erzählt, deren Geschichten du in der aktuellen move36 liest (unten folgen ein paar Auszüge). Gestern Abend zeigte pro familia Fulda in der Festscheune des antonius – Netzwerk Mensch den Film “So wie du bist”, der die Liebesgeschichte zweier junger Menschen erzählt, die das Down-Syndrom haben.

Der österreichische Film wurde im Rahmen des dreijährigen Projekts “Selbstverständlich Inklusion” des Landesverbandes von pro familia gezeigt, das nun endet. 2014 gestartet, sollte es die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vorantreiben – vor allem bei pro familia selbst. Von hessenweiten Fortbildungsveranstaltungen über die Erstellung von Infomaterialien für Menschen mit Behinderung bis hin zur Einrichtung eines Fonds zur Finanzierung von Gebärdendolmetschern, die bei der Beratung helfen, stand einiges auf dem Plan.

Auch in Fulda wurden Barrieren abgebaut: Brailleschrift und ein Leitsystem für Sehbehinderte wurden in der Beratungsstelle angebracht, die Homepage mit Audioversion und großer Schrift aufgemotzt sowie Angebote in Gebärdensprache geschnürt. “Der Landesverband von pro familia ist sehr gut vernetzt, das Projekt war super koordiniert und es gab viele Hilfestellungen”, zieht die Geschäftsführerin von pro familia Fulda Anne Fleischmann Bilanz. Außerdem hätten sie gut mit der Parität zusammengearbeitet und seien von der Aktion Mensch mit Geld unterstützt worden.

Dem Tod knapp von der Schippe gesprungen

Aber es sind nicht nur Barrieren wie fehlende Leitsysteme für Blinde, die Menschen mit Behinderung nach wie vor die Teilhabe an der Gesellschaft erschweren. Gerade in Sachen Liebe und Sex ist es vielmehr die Barriere in den Köpfen von Nichtbehinderten, wie unsere Magazingeschichte zeigt:

Es ist der 19. April 2009. Matthias Höfelds 21. Geburtstag. Er feiert ausgelassen auf einer Grillhütte bei Gießen. Doch es wird alles andere als ein Freudentag. Auf dem Rückweg zu seiner Familie passiert es: Matthias gerät auf der Bundesstraße 457 zwischen Hungen und Lich auf die Gegenfahrbahn. Er kracht frontal und ungebremst in ein entgegenkommendes Auto. Ob Sekundenschlaf, ob die Sonne geblendet hat – bis heute kennt niemand die Ursache. Seinen Opel Astra zerfetzt es. Schlimmer: Sein Körper wird zertrümmert. Leber und Milz gequetscht, Lunge gerissen, etliche Knochen gebrochen, sein Gesicht ist zu „Brotkrümeln“ zerbröselt, wie die Ärzte später sagen. Ein Auge hängt komplett aus der Höhle. Die heraneilenden Rettungssanitäter grinst er an. Matthias ist jenseits von Gut und Böse und empfindet keinen Schmerz mehr. Er verliert zudem einen Teil seiner Erinnerungen von den Monaten vor dem Unfall. Im anderen Fahrzeug stirbt die 69-jährige Beifahrerin, ihr 73-jähriger Mann ist schwer verletzt.

Hubschrauber-Transport in die Frankfurter Uniklinik – Matthias liegt zwölf Tage im künstlichen Koma. Zehn Prozent – so niedrig ist seine Überlebenschance. Nach einem Jahr wieder zu laufen, wäre ein Traum, meinen die Ärzte. Doch sie irren sich. Sein Körper war vor dem Unfall in Topform, Matthias kämpfte in der nationalen Kickbox-Liga und nahm sogar an einer Weltmeisterschaft teil. Bereits nach neun Wochen Rehaklinik geht er wieder Treppen rauf. Völlig baff sprechen die Ärzte von einer Wunderheilung. Doch eines hat er verloren: sein Augenlicht.

“Wie gehe ich blind jemals wieder auf jemanden zu?”

Matthias Höfeld aus Marburg

Schon während der Genesung hat er wieder was mit einer Exfreundin. „Sie war der letzte Halt, und danach habe ich gegriffen. Doch sie konnte irgendwie keinen Sex mit mir haben“, erzählt der 29-Jährige, der in Marburg lebt. „Und als sie am Telefon Schluss gemacht hat, habe ich mich komplett hilflos gefühlt; ich bin aus der Haut gefahren und habe meinen Schrank zertreten. Wie gehe ich blind jemals wieder auf jemanden zu, habe ich mich gefragt.“ Und wie reagiert das Gegenüber dann auf die Behinderung?

Eine Frage, zu der Luca Hieret aus Hünfeld einiges zu erzählen hat. Als sie sechs ist, wird eine Gliedergürteldystrophie festgestellt – eine seltene Muskelschwund-Erkrankung. In der vierten Klasse verliert sie innerhalb von drei Monaten ihre Fähigkeit zu gehen, der erste Rollstuhl muss her. „Ich habe die Grundschule als schlimme Zeit in Erinnerung“, erzählt die 19-Jährige. Fangen oder Versteckspielen geht nicht mehr. Doch der Rollstuhl an sich sei gar nicht so das Problem gewesen, sondern dass sie dadurch einfach nie mitspielen konnte. „Ich hatte dennoch eine tolle Kindheit, super Freunde und eine Traumfamilie, die immer hinter mir stand und steht und hinter der auch ich stehe“, so Luca. Die Pubertät aber sei „richtig reingebrochen“. „Das waren zwei harte Jahre, in denen ich gar nicht mit mir klarkam; Pubertät plus Behinderung war einfach too much“, erzählt sie. Luca ist damals in sich gekehrt, geht aber gerne in die Schule. Auch wenn sie viele Mitschüler als Last sehen und zwei Freundinnen sich abwenden, „weil es uncool ist, eine im Rollstuhl in der Clique zu haben“, wie sie erklärt. Ohnehin ist Luca fast nur mit Jungs befreundet. Die seien unkomplizierter.

Ein unbeachtetes Thema

„Das Erwachsenwerden war erlösend“, sagt sie. Mit 15 hat sie schließlich eine wichtige Erkenntnis, die jeder „Randgruppen-Mensch“ durchlebt, wie sie sagt: dass sie ein Mensch wie jeder andere ist und nur die Gesellschaft die Probleme und Vorurteile verursacht. „Wenn ich was gelernt habe, dann, dass viele Menschen in normal und nicht normal einteilen“, so Luca.

„Die Hemmschwelle von Gesunden gegenüber Behinderten ist immer noch hoch“, sagt auch Hanns-Uwe Theele, Vorsitzender des Behindertenbeirates in Fulda. „Wir kämpfen vor allem durch Gespräche dafür, dass die Barriere in den Köpfen verschwindet. Auch die Thematisierung in der Öffentlichkeit ist dafür enorm wichtig. Nur so wird es für Behinderte leichter, Beziehungen zu knüpfen.“ Die Berichterstattung an sich trage schon zur Aufklärung bei, aber in den Medien existiere das Thema quasi nicht, bemängelt er. Matthias hätte eine kleine, aber praktische Idee, um diese Hemmschwellen abzubauen: eine App, mit der sich Behinderte melden können, wenn sie eine Begleitung brauchen, worauf andere User antworten können – sei es zum Joggen, Einkaufen oder Feiern. Klingt nach einer kleinen Marktlücke. Ob dafür genügend soziales Engagement mobil gemacht werden kann, ist eine andere Frage.

“Ich verabscheue Mitleid über alles”

Luca Hieret aus Hünfeld

Beim Ausgehen hat Luca schon so einige blöde Sachen zu hören bekommen: Einmal wollte ein Mann aus Mitleid mit ihr tanzen, wie er ihr gesagt habe. „Als ich ihm klarmachen wollte, dass ich sowas nicht nötig habe, meinte er, ich müsse mich nicht schämen“, erzählt sie. Auch ihr Freund bekomme immer wieder Komplimente, dass er mit ihr zusammen ist. Dass Philipp aus Liebe mit ihr zusammen ist, können diese sich wohl nicht vorstellen. Überhaupt seien viele nur aus Mitleid nett, „und ich verabscheue Mitleid über alles“, betont sie.

Natürlich kann sie sich nicht mal eben so auf ihren Freund stürzen, wenn es sie überkommt. Aber da setzt die junge Frau auf Vielfalt. „Es gibt ja noch viele andere Möglichkeiten, sich zu befriedigen“, sagt sie augenzwinkernd. Nach Partys laufe es außerdem flüssiger, weil der Alkohol die Muskeln entspanne.

„Mit der Blindheit wurde der Sex wesentlich intimer. Das Vorspiel ist ausgeprägter und befriedigt mich fast mehr als der Orgasmus, weil man mit den Händen den ganzen Körper ertastet oder ihn küsst“, erzählt Matthias frei heraus und ergänzt grinsend: „Ob sehend oder nicht – der Phantasie sind ja keine Grenzen gesetzt.“ Während des Aktes an sich habe sich nichts groß verändert, weil man ja auch als Sehender oft die Augen zu habe. Wenn man die Blindheit akzeptiere, sei es keine Barriere.

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