Wenn es um die Finanzierung von Selbsthilfegruppen geht, spielen die Krankenkassen eine wichtige Rolle. Die BARMER ist ein weiterer Partner von move36 beim Junge-Selbsthilfe-Projekt „Wir müssen reden!“. Landesgeschäftsführer Norbert F. Sudhoff erklärt, was die Krankenkasse für die Selbsthilfe tut und warum ihm das Thema ein Herzensanliegen ist.


Herr Sudhoff, die Krankenkassen müssen 
sparen, aber wenn es um Selbsthilfe geht, wurden die Mittel gerade verdoppelt. Wie kommt das?

Geld für Selbsthilfe gebe ich gerne aus. Es ist sehr gut angelegt, denn hier steht ganzheitlich der Mensch im Mittelpunkt. Mit der Finanzierung von Selbsthilfeprojekten ist das so: Laut Sozialgesetzbuch müssen die gesetzlichen Krankenkassen pro Versicherten in jedem Jahr einen bestimmten Betrag zur Verfügung stellen. Im letzten Jahr waren es 1,05 Euro, so kamen 2016 bundesweit etwa 74 Millionen Euro zusammen. In diesem Jahr werden es sogar 1,08 Euro pro Versicherten sein. Bis zum Jahr 2015 war das nur etwa die Hälfte. Das zeigt also, wie wichtig auch dem Gesetzgeber die Förderung der Selbsthilfe ist.


Es heißt, dass die Kassen viel höhere 
Ausgaben hätten, wenn es keine Selbsthilfe gäbe.

Das stimmt. Für jeden Euro, den wir in die Selbsthilfe stecken, können wir an anderer Stelle viel Geld einsparen. Dieses System der gesetzlichen Verankerung von Selbsthilfe ist übrigens einzigartig auf der Welt. Ich kenne kein anderes Land, in dem Selbsthilfe einen ähnlich hohen Stellenwert hat. Das weiß leider bei uns kaum jemand.


Wer und was gefördert wird, bestimmen 
die Krankenkassen. Wofür geben Sie das Geld aus?

Wir haben 2016 in Hessen 28 Selbsthilfeprojekte unterstützt. Da es sich um Beitragsgelder von Versicherten handelt, unterliegen wir Richtlinien. Wir müssen sehr genau hinschauen, welche Projekte wir fördern. Oft sind es Honorare für Referenten, die dann Betroffenen wichtige Informationen zur Bewältigung ihrer Herausforderung geben.

 

„Selbsthilfe lebt vom Engagement jedes einzelnen”


Herausforderung? Sie meinen Krankheit, 
oder?

Ich spreche ungern von Krankheit. Selbsthilfegruppen helfen Menschen mit besonderer Herausforderung bei der Bewältigung des Lebens. Das trifft es meiner Meinung nach besser. Aber wenn Sie nach Fördermaßnahmen fragen: Es kann auch mal ein Tanzkurs für Frauen sein, die eine Krebserkrankung hinter sich haben, ein Projekt zum Thema Ernährung oder ein neuer Internetauftritt. Aber klar ist auch: Nicht alles kann mit Geld abgefedert werden. Selbsthilfe lebt vom Engagement jedes einzelnen.


Was brauchen die Betroffenen Ihrer Erfahrung 
nach am meisten?

Abgesehen vom positiven psychischen Effekt, den der Austausch mit anderen mit sich bringt, geht es vor allem um Aufklärungsarbeit. Wir merken immer wieder, dass viele Informationen nicht bei den Menschen ankommen. Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter wäre pflegebedürftig: In einer Selbsthilfegruppe – in diesem Fall für pflegende Angehörige – würden Sie wichtige Tipps und Hilfen für Ihren Alltag bekommen. Die medizinische Unterstützung ist immer nur die eine Seite der Medaille. Den Alltag jedoch zu meistern, ist die andere Seite. Die Stärke, Kraft und Unterstützung einer Gruppe kann eine Menge bewirken. Es ist oft sehr hilfreich, wenn man einen Weg gemeinsam gehen und Probleme offen ansprechen kann. Oder könnten Sie mir sagen, ob ein junger Mensch mit Diabetes am Sportunterricht teilnehmen darf?


Keine Ahnung.

Sehen Sie! Selbst Betroffene wissen so etwas oft nicht. Dabei wünschen wir uns doch alle immer selbstbestimmte Patienten – und genau da setzen viele Selbsthilfe-Projekte an.


Was wünschen Sie sich für unser gemeinsames 
Junge-Selbsthilfe-Projekt „Wir müssen reden!“?

Wir wünschen uns, dass junge Menschen in der Selbsthilfe sichtbar sind und die Selbsthilfe noch bekannter wird – quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Denn Selbsthilfe geht uns alle an, denn jeder kann ganz schnell in eine Situation kommen, in der er von einer Selbsthilfegruppe profitieren kann.

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