Ein Partner von move36 beim Junge-Selbsthilfe-Projekt „Wir müssen reden!“ ist der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen. Er vertritt die Interessen von hilfebedürftigen und benachteiligten Menschen, unter seinem Dach arbeiten 800 Mitgliedsorganisationen und darin mehr als 55 000 hauptamtliche und 35 000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Als Träger von fünf Selbsthilfebüros in Hessen dient eine Tochter-GmbH des Wohlfahrtsverbands, die Paritätische Projekte gemeinnützige GmbH. Geschäftsführer Andreas Beck erklärt im Interview, warum Selbsthilfe-Gruppen unverzichtbar sind.


Stellen Sie sich vor, ich bin spielsüchtig 
und komme alleine nicht mehr klar. Wie finde ich heraus, ob eine Selbsthilfegruppe ein Weg für mich wäre?

Die erste Anlaufstelle sind die Selbsthilfekontaktstellen, die es in ganz Hessen gibt, eine davon in Fulda. Dort wird dann geprüft, ob unter den 130 Selbsthilfegruppen in Osthessen auch eine für Ihr Problem dabei ist. Wenn nicht, wird versucht, Ihnen auf andere Art zu helfen. Auch bei Gruppenneugründungen und der Organisation von Fortbildungsveranstaltungen gibt es in den Kontaktstellen Unterstützung.

 

„Für die Psyche der Betroffenen ist Selbsthilfe unverzichtbar”

 

Was finde ich in einer Selbsthilfegruppe?

Sie finden andere Menschen, die dasselbe oder ein ähnliches Problem haben und die sich untereinander vernetzen, um sich gegenseitig Hilfestellung bei der Bewältigung zu geben. Das Ganze hat eher informellen Charakter, sie müssen keine Angst haben, dass sie da Mitglied eines Vereins werden. Auch über den Informationsaustausch hinaus leisten Selbsthilfegruppen eine ganze Menge.


Zum Beispiel?

Für die Psyche der Betroffenen ist Selbsthilfe unverzichtbar. Ohne Selbsthilfegruppen würden sich viele mit ihrer Krankheit und ihrem Problem ins Private zurückziehen. Eine solche Selbststigmatisierung – oft leider verbunden oder gar ausgelöst durch die Stigmatisierung im sozialen Umfeld – trägt aber nicht gerade zur Gesundung bei. In der Gruppe erfahren die Menschen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind und dass sie sogar anderen Betroffenen eine wichtige Hilfe sein können. Aber auch für das Funktionieren unseres Gesundheitssystems sind Selbsthilfegruppen notwendig: Sie wirken oft stabilisierend und teilweise sogar präventiv, sie entlasten Ärzte, haben für das System eine Katalysatorfunktion.


Für welche Krankheiten oder Probleme 
gibt es die meisten Selbsthilfegruppen?

„Klassiker“ sind Gruppen im Bereich der Suchtselbsthilfe und der chronischen Krankheiten wie Rheuma oder MS. Etwa ein Fünftel der Selbsthilfegruppen sind Angehörigengruppen, wo zum Beispiel die Frage im Mittelpunkt steht, wie man mit demenzkranken Großeltern umgeht. Insgesamt beobachten wir einen Anstieg der Zahl von Selbsthilfegruppen.

Selbsthilfe bei Jugendlichen

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Junge Leute finden bislang kaum den Weg zur Selbsthilfe. Warum ist das so?

Ich denke, junge Leute haben heute einen breiteren Blick, wollen sich von Krankheiten oder anderen Problemen nicht so schnell aus der Normalität drängen lassen und identifizieren sich nicht vorrangig damit. Sicher spielt auch das Internet eine Rolle. Wer ein Problem hat, sucht dort nach Hilfe. Aber der Bedarf ist auf jeden Fall da.

Wo sehen Sie den größten Bedarf bei jungen Menschen?

Probleme, die viele Jugendliche betreffen, sind Mobbing, Ernährungsstörungen oder Leistungsdruck – also Themen, die stark die seelische Gesundheit betreffen. Aber es gibt auch neue Formen der Süchte, die mit Medien zu tun haben: Handysucht und Internetsucht. Ich habe kürzlich von einer Schule gehört, die Handys im Unterricht nicht länger verbietet, weil einige Schüler sonst regelrechte Entzugserscheinungen wie Panikattacken bekommen. Auch wenn das Problem jetzt noch kein Massenphänomen ist: Da werden wir uns auch im Selbsthilfebereich künftig mit beschäftigen müssen.

Hier findest du andere Betroffene:

In Osthessen gibt es rund 145 Selbsthilfegruppen. Wenn du ein Problem oder eine Erkrankung hast und nicht weißt, an wen du dich wenden kannst, führt der Weg über das Selbsthilfebüro Osthessen in Fulda. Christine Kircher und ihre Mitarbeiter beraten Menschen, die auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe sind oder eine neue Gruppe gründen möchten. Auch bereits bestehende Gruppen bekommen dort jegliche Unterstützung.

Selbsthilfebüro Osthessen
Christine Kircher
Petersberger Str. 21
36037 Fulda
Tel.: 0661- 901 98 46
Fax: 0661- 901 98 45
E-Mail: selbsthilfe.osthessen@paritaet-projekte.org
www.paritaet-selbsthilfe.org

Öffnungszeiten des Büros:
Montag 13 bis 17 Uhr
Dienstag 11 bis 17 Uhr
Mittwoch 10 bis 13 Uhr
Donnerstag 9 bis 12 Uhr

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