Endlich. In diesem Gefühl waren sich am Wochenende wohl alle Besucher des Wohnzimmers einig. Endlich ist das Wohnzimmer inmitten der Stadt, der neue Anlaufpunkt für Flüchtlinge, Fuldaer, Engagierte und alle, die einfach jemanden zum Unterhalten suchen, fertig. Das feierten die Ehrenamtlichen von Welcome In mit einem großen Straßenfest und wurden von Mal Élevé von Irie Révoltés mit einem Spontan-Gig überrascht. “Das hat in Fulda wirklich gefehlt: ein Ort, der nicht nur Studierende oder nur Flüchtlinge, sondern Menschen in dieser Stadt anspricht.” Charlotte Lohmann (23) studiert BASIB an der Hochschule und ist eine der rund 100 Ehrenamtlichen, die sich inzwischen in Welcome In engagieren und die seit November 2015 einen riesigen Teil ihrer Freizeit in die Idee investiert haben, in Fulda einen Begegnungsraum zu schaffen. Dass sich sowas nicht von heute auf morgen verwirklichen lässt, war ihnen von Anfang an klar. Nach mehr als einem Jahr sind die Engagierten nun umso glücklicher. Das Wohnzimmer, das ist ein liebevoll eingerichteter Raum in der Robert-Kircher-Straße 25 in Fulda. Hier gibt es gemütliche Sitzecken, eine Küche, um gemeinsam zu Kochen und zu Essen, Raum, um gemeinsam zu musizieren, Deutsch zu lernen, sich zu begegnen. Alles hier wurde von den Mitgliedern von Welcome In selbst gemacht, organisiert, herangeschafft. “Wir haben hier quasi bei Null angefangen”, beschreibt Charlotte. Finanzierung, Unterstützungen, das Konzept – alles wurde geplant und durchdacht. Einer derjenigen, die seit Beginn an der Seite von Projektkoordinator Jochen Schiersch standen, ist Andy Raschendorfer (38). “Ich bin zu Welcome In gekommen, als die Flüchtlingswelle gerade so groß war, 2015. Damals war für jeden ganz offensichtlich, dass etwas gemacht werden muss. Also bin ich auch eingestiegen.” Für seine Mitstreiter war Andy in den vergangenen Monaten derjenige, der beim Umbau den Hut aufhatte. Aus diesem Grund wurde er auch mit einem von allen unterschriebenen Bauhelm geehrt. Engagement, das ist für den 38-Jährigen selbstverständlich. “Meine Großmutter war Kriegsgeflohene. Sie wusste mit 94 noch ganz genau, wer ihr wann mal ein Päckchen Zucker oder sowas geschenkt hat. Und das sagt doch eigentlich alles. Diese Menschen brauchen unsere Hilfe.”

Wohnzimmer WelcomeIn

Ein Bauhelm für besonderen Einsatz.

Mit dem Straßenfest am Wochenende wurde das Wohnzimmer nun offiziell eröffnet und durfte unter die Lupe genommen werden. Ein großes Buffet mit Leckereien aus den verschiedensten Nationen wartete auf die Besucher. Da gab es syrische, afghanische, eritreische, aber auch deutsche und italienische Spezialitäten zum Probieren. Wie leicht es zu Missverständnissen gerade im Bereich miteinander Essen kommen kann, erzählten Abdul Abbasi und Alaa Faham von GermanLifeStyle. Die beiden leben seit drei Jahren in Deutschland und berichten auf ihrem Kanal von den Hürden der Integration. “Als ich hier angekommen bin, wollte meine Mutter natürlich, dass ich mich täglich melde und fragte immer, was ich gegessen habe. Mutter halt”, erzählt Alaa. Dass ihr Sohn nun tagtäglich mit deutschen Freunden Kartoffelauflauf, -salat, -suppe oder Pommes futterte, stimmte Frau Mama besorgt. Auch wenn man etwas angeboten bekomme, müsse man vorsichtig sein. Während man hier sofort ja oder nein sage, und der gegenüber das auch akzeptiere, sei es bei ihnen üblich, sich erst mehrfach zu entschuldigen, dass man gar keinen Hunger habe. “Wenn man das nicht weiß, verhungert man hier.”

Wohnzimmer WelcomeIn

Abdul Abbasi und Alaa Faham von GermanLifeStyle erklären, wie man anderen etwas zu Trinken anbietet.

Kurdische Musik, Eritreische Musik, eine Jonglage-Show, equadorianische Flöten – die Eröffnung war ein wahres Fest, bei dem mitten auf dem Platz ausgelassen getanzt wurde. Doch es ging auch um das Kennenlernen und Begegnen. Dafür hatte sich das Patenschaftsprogramm von Awo und Caritas ein besonderes Kennenlernspiel überlegt. An deren Stand konnten die Besucher eine Kurzbeschreibung eines Besuchers ziehen, den sie dann suchen durften. Natürlich musste auch jeder eine solche Beschreibung von sich selbst hinterlassen, um von anderen gefunden werden zu können. Das Programm bringt seit 2015 Menschen in Fulda zusammen. “Dabei übernehmen Fuldaer Patenschaft für einen Flüchtling und treffen sich mit ihm oder ihr beispielsweise zum Deutsch lernen, für Ausflüge oder einfach nur so”, erklärt Sina Leckel (25), die das Projekt auf Seiten der Caritas betreut. “Wenn Menschen erstmal Kontakt haben, bleibt es ja meist nicht dabei. Oft entstehen richtige Freundschaften.” Die Gruppe der Paten sei inzwischen bunt gemischt – Rentner, Erwerbstätige, Studierende seien darunter.

Wohnzimmer WelcomeIn

Holle und Abdul sind nicht nur Patin und “Patenkind”, sondern Freunde

Ihr “Patenkind” Abdul hat Holle Redpath (50) richtig ins Herz geschlossen. Holle ist Krankenschwester in Fulda. “Meine Familie war immer ehrenamtlich engagiert, so dass wir immer beispielsweise Studis, die über Weihnachten nicht heimfahren konnten, bei uns hatten”, erzählt Holle. Deshalb sei es für sie ganz normal, sich bei solchen Projekten einzubringen. “Abdul ist etwa im Alter meiner Kinder und schon weit mehr als ein Freund, er hat Familienanschluss bei uns.” “Immer, wenn ich ein Problem habe, kann ich sie anrufen”, sagt der 21-Jährige. “Aber wir treffen uns inzwischen etwa einmal in der Woche.”

Ihre Eröffnung nutzten die Wohnzimmerbetreiber auch direkt für ein ernstes Thema. “Der Bruder eines Freundes von uns braucht dringend Hilfe”, erzählt Keea Kauhanen. Die Sozialwissenschaftsstudentin sammelte auf dem Straßenfest mit anderen Mitgliedern von Welcome In Geld für Ahamad, einem jungen Syrer, der zwar einen Studienplatz an der HS Fulda bekommen hat, sich das Visum aber nicht leisten kann. “Durch die Kriegswirren in Syrien ist es der Familie nicht möglich, die Summe für die Genehmigung des Visums aufzubringen”, beschreiben die Studierenden das Problem. 9000 Euro seien dafür insgesamt nötig, 5000 fehlten noch.” Auch solchen Aktionen soll das Wohnzimmer künftig eine Plattform bieten. “Ich finde, ein solcher Multikulti-Ort ist sehr wichtig und hat in Fulda gefehlt. Sowas muss unterstützt werden”, ist auch der Vorsitzende des Ausländerbeirates Abdulkerim Demir überzeugt. “Wo ich unterstützen kann, da werde ich helfen”, sagte auch  Bundestagsabgeordnete Birgit Kömpel (SPD) zu, die dem Wohnzimmer nicht nur einige Grußworte, sondern auch gleich für das Wohnzimmersofa eine Decke der Eichenzeller Partnergemeinde Wicklow mitbrachte.

Wie kam es zum Wohnzimmer? Hier kannst du dich durch unsere Berichte lesen.

Integration mitten in der Stadt. Flüchtlingshilfe: Welcome In möchte ein großes Netzwerk aufbauen. Das Wohnzimmer hat eine Bleibe. Und der Integrationspreis geht an: das Wohnzimmer. Integration auf und vor der Bühne: Die “Come together”-Benefizgala im Schlosstheater.Eine Begegnung überraschte am Ende des Festes dann aber sogar die Organisatoren. Mal Élevé von Irie Révoltés hatte vom Straßenfest gehört, war spontan nach Fulda gedüst und beschenkte das Wohnzimmer mit einem Spontan-Gig.

Alle Bilder des Straßenfestes findest du in unsere Bildergalerie.

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