Internetsucht, Mobbing in der Schule oder die Demenz von Opa – was tun, wenn man mit einem Problem nicht mehr weiter weiß? Am besten reden, und zwar mit anderen, die ein ähnliches Problem haben. Und mit anderen, die dir helfen können. Um dir zu zeigen, welch positive Rolle Selbsthilfegruppen bei der Bewältigung von Problemen leisten können, startet move36 zusammen mit der BARMER und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband das bundesweit einzigartige Projekt „Wir müssen reden! – Junge Selbsthilfe in Osthessen“.

Wir müssen reden, Selbsthilfe, move

Zum Auftakt liest du in der aktuellen Ausgabe des move36-Magazins die Geschichten von Christina und Mario und ihrem Kampf gegen den Krebs.

Text von Bernd Loskant

Wir bei move36 haben es in den sechs Jahren unseres Bestehens immer wieder gemerkt: Es gibt bei unseren Lesern eine Menge Redebedarf. Wenn wir über magersüchtige junge Frauen berichtet haben, über Wege aus der Drogensucht oder über Leute, die mit einem Ratenkredit in die Schuldenfalle getappt und nicht mehr herausgekommen sind, dann kamen Rückmeldungen von anderen Betroffenen, die gerne Kontakt zu unseren Protagonisten aufnehmen wollten, um sich auszutauschen. Darauf, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen oder eine solche Gruppe zu gründen, kam von alleine niemand. Selbsthilfe, das hat offenbar bei vielen jungen Leuten den bitteren Geruch von Seniorenheim und Krankenhaus.

Dabei ist Selbsthilfe ein ganz wichtiger Baustein für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Ohne Selbsthilfegruppen würde es kräftig knirschen im Gesundheitssystem. Deutschlandweit gibt es bis zu 100.000 Gruppen, in denen sich Menschen gegenseitig helfen – bei schweren Erkrankungen wie Krebs oder MS, aber auch bei psychischen Problemen, bei Mobbing, Übergewicht, Stottern oder Suchtkrankheiten. In Fulda werden vom Selbsthilfebüro Osthessen rund 145 Gruppen unterstützt.

Nicht immer muss man übrigens selbst von einer Krankheit betroffen sein, auch Angehörige oder Freunde können sich in Selbsthilfegruppen zusammenschließen. Erinnerst du dich noch an die Szene in „Honig im Kopf“, in der der an Alzheimer erkrankte Amandus beim Versuch, einen Kuchen zu backen, beinahe die ganze Küche abfackelt? Wie soll ich damit umgehen, wenn Opa zunehmend vergesslicher wird und den Verstand verliert? Andere Betroffene können da sicher eine Menge zu sagen.

„Wir müssen reden!”

Zusammen mit BARMER und Parität startet move36 nun ein bundesweit einmaliges Projekt: Unter der Überschrift „Wir müssen reden!“ wird move36 das Thema in vielen Facetten beleuchten und dir zeigen, dass Selbsthilfe alles andere als antiquiert und lebensfern ist. Wir werden Selbsthilfe als spannenden und wichtigen Teil unserer Gesellschaft in den Fokus rücken. Im Magazin werden wir für die nächsten Monate eine eigene Themenwelt „Wir müssen reden!“ einrichten, in der wir in Kooperation mit dem Selbsthilfebüro Osthessen Projekte vorstellen und mit Betroffenen und Verantwortlichen reden. Auch auf den move36-Portalen (move36.de und move36-reportage.de) halten wir dich auf dem Laufenden.

Die Schirmherrschaft hat übrigens kein geringerer als Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) übernommen. Der Minister sowie die Verantwortlichen von BARMER und Paritätischem haben uns in den vergangenen Wochen Rede und Antwort zum Thema Selbsthilfe gestanden. Auf den folgenden Seiten liest du die Interviews sowie ein Statement von Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld zu unserem Projekt, mit dem move36 wieder einmal seinem Namen gerecht wird und etwas bewegen will. Wir freuen uns, wenn wir dein Interesse am Thema wecken können.

Portraits Oberbuergermeister Dr. Heiko Wingenfeld / Buergermeister Dag Wehner

Foto: Stadt Fulda

“Selbsthilfe ist Topaktuell” – Statement von Oberbürgermeister Wingenfeld

Selbsthilfe? Da denken viele Jugendliche vielleicht an die Koronarsportgruppe ihres Opas oder die Diabetikertreffen ihrer Großmutter – sofern sie mit dem Begriff überhaupt etwas anfangen können. Aber in der täglichen Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern oder Studierenden spielt das Thema nach meiner Beobachtung kaum eine Rolle.

„Selbsthilfe ist ein Thema, das alle angeht”

Selbsthilfe ist ein Thema, was alle angeht”Und das ist schade. Denn Selbsthilfe und Gesundheitsvorsorge – das weiß ich nicht zuletzt aus meiner früheren Arbeit als Gesundheitsdezernent des Landkreises Fulda – sind Betätigungsfelder, in denen sich keineswegs nur ältere Menschen tummeln. Und gerade der Gedanke des eigenverantwortlichen „Sein-Schicksal-in-die Hand- Nehmen“, der Impuls, in der Gemeinschaft und im Austausch mit anderen Betroffenen etwas tun zu wollen und nicht nur passiv auf die Segnungen unseres Gesundheitssystems zu vertrauen – das ist keineswegs antiquiert, sondern topaktuell und müsste auch für junge Leute attraktiv sein. Denn es gibt natürlich auch Jugendliche, die von Krankheit, Behinderung, Unfällen oder Einschränkungen betroffen sind, die solche in ihrem Umfeld oder in der Verwandtschaft erleben oder die möglichen Gesundheitsgefährdungen entgegenwirken wollen.

Zwar kann man heutzutage mit ein paar Mausklicks gewaltige Mengen von Informationen zu allen möglichen Gesundheitsthemen aus dem Netz ziehen, inklusive der Möglichkeit, sich im Chat über Therapien oder Hilfsangebote auszutauschen. Doch für die wenigsten bietet der Chat vor dem PC oder dem Smartphone wohl den Anlass, selbst aktiv zu werden und sein Leben zu ändern. Das kann bei einer Gruppe, die in der Region verortet ist, wo sich Menschen aus Fleisch und Blut treffen, wo Bekanntschaften und Freundschaften entstehen, schon ganz anders sein.

Von daher will ich dem Projekt des Selbsthilfebüros Osthessen und von move36 sowie allen Kooperationspartnern fest die Daumen drücken, dass es ein Erfolg wird, und kann nur bekräftigen: Selbsthilfe ist ein Thema, das alle angeht!

Ihr
Dr. Heiko Wingenfeld
Oberbürgermeister der Stadt Fulda

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