Sebastian Pufpaff: „Mir fehlt die Sesamstraße für das Alter 16 bis 65“

In der „heute show“ erklärt er uns politische Zusammenhänge, auf der Bühne bietet er seinem Publikum an, sich als Dienstleister stellvertretend für sie über Themen ihrer Wahl aufzuregen. Am kommenden Freitag (3.2.) ist Sebastian Pufpaff mit seinem Prgramm „Auf Anfang“ in Fulda. Mit uns hat der Comedian und Kabarettist darüber gesprochen, was hier auf Anfang gesetzt werden sollte.

Sie haben in Frankfurt Jura, später in Bonn Politik studiert – ist es wichtig, erstmal was Richtiges zu lernen, bevor man in die Kultur geht?

Ich bin der Meinung, man sollte ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Ich habe mich selbst immer wie ein Flummi gefühlt, den man in einen Raum geworfen hat und der in alle Richtungen getitscht ist. Ich glaube, der Trick ist, dass man nach und nach diesen Raum für sich schmaler macht. Man wird immer noch hin- und hertitschen – auch in meiner Karriere wird es so sein, dass ich mal hier mal dort gucke –, aber man kanalisiert und folgt irgendwann seinem Herzen.

Wann war Ihnen klar, dass Sie nicht Jurist werden wollen?

Das war mir relativ schnell klar. Als es damals die Studentenproteste gab – ich habe ja zu einer Zeit studiert, als noch Studiengebühren erhoben wurden –, war die Juristische Fakultät die einzige Fakultät, die sich nicht an den Demonstrationen beteiligt hat. Ich bin damals im Hörsaal aufgestanden und habe gesagt, dass ich das unsolidarisch finde. Der Professor meinte, dass er meine faschistoide Meinung hier nicht gelten lasse, und wenn ich ein Problem damit hätte, dass sie – also die Juristen – anders denken würden, sei das wohl nicht der richtige Rahmen für mich. Da habe ich das System Jura komplett infrage gestellt.

Und dann sind Sie zu Politik, Soziologie, Staats- und Verfassungsrecht gewechselt und haben darin Ihren Abschluss gemacht. Können Sie sich vorstellen, in Ihren erlernten Beruf zurückzukehren?

Was heißt erlernter Beruf? Ich sehe mich als Geisteswissenschaftler, und im Grunde lebe ich damit meinen erlernten Beruf aus. Wenn man Komiker, Humorist oder Entertainer ist, ist man auch Philosoph. Aber da ist wieder der Flummi – ich schließe nichts aus. Ich habe auch schon überlegt, warum ich nicht in die Politik gehe. In Italien ist ein Clown in die Politik gegangen, in Belgien ein Kabarettist, vielleicht könnte das Deutschland auch ganz gut vertragen …

Bundeskanzler Sebastian Pufpaff …

(lacht) Um Gottes Willen! Wir haben ja schon Serda Somuncu, der sich jetzt für das Bundeskanzleramt aufstellen lässt. Ich bin ganz gern der bezahlte Demagoge auf der Bühne, der das Lachen in die Gesichter der Menschen treibt.

Ist es nicht manchmal anstrengend, wenn man Leute wie Donald Trump vorführt und zum Nachdenken anregen will, und dann werden diese gewählt?

Anstrengend ist ja gut. Wenn ich sehe, wir driften hier in eine falsche Richtung, dann motiviert mich das. Und es ist ja auch nur meiner Meinung nach eine falsche Richtung; hinter Trump stehen 47 Prozent Wähler. Man darf nicht Trump den Vorwurf machen, sondern den 53 Prozent, die es nicht geschafft haben, sich Gehör zu verschaffen. Und genau das ist meine Arbeit, und auch Ihre als Journalistin und die der Krankenschwester, die abends mit ihrem Ehemann diskutiert. Es ist unsere Arbeit, in einen Austausch zu geraten, damit wir solche Strömungen verhindern. Denn diese Strömungen dienen nicht dazu, dass wir uns an einen Tisch setzen, sie spalten uns. Wir müssen uns auch mal überlegen, worum es eigentlich geht. Wir benutzen das Wort „Frustwähler“ so inflationär, aber fragen uns gar nicht, warum der denn frustriert ist. Die Überfremdung, ist es das wirklich?

… die in Deutschland faktisch nicht existiert.

… Nein, genau, die kann es nicht sein, prozentual gesehen. Die Statistiken sagen ja alle dasselbe. Es gibt nicht diese Masse an Fremden. Es gibt nicht jeden Tag terroristische Anschläge. Die Arbeitslosenquote ist tiefer denn je. Jeder hat in irgendeiner Form etwas Warmes zu essen, ‘ne Decke und ein Dach über dem Kopf. Was ist es dann also? Da hat Donald Trump Recht, wenn er über seinen Sprecher sagen lässt, wir leben im Zeitalter des Postfaktischen. Es gibt nicht nur Fakten, es gibt neuerdings alternative Fakten. Und das darf nicht sein. Wir müssen mal wieder unseren Verstand einsetzen.

Auch wir wählen in diesem Jahr. Was braucht Deutschland?

Transparenz. In der klassischen amerikanischen Stand-up-Comedy gibt es die golde Regel: Keep it simple, also halte es einfach. Ich bin für eine Simplifizierung von Themen. Wir sind fast im Februar und sollen im Sommer wählen. Wo ist denn der Wahlkampf, wo ist die Eineindeutigkeit der Parteien, wie heben sie sich von der Konkurrenz ab? Wie positionieren sie sich? Was wollen sie verändern? Wie mitgestalten? Die Politiker müssen klar Stellung beziehen, damit sich Meinungen und Gegenpositionen bilden können. Aber wir streben alle nur in die Mitte. Ohne Inhalt. Und genau da setzt rechts ja gerade an, die sagen: „Wir haben eine Meinung. Die ist unbequem, die ist böse, aber man muss ja auch mal auf den Tisch hauen, wenn man etwas verändern will.“ Und deshalb sind die jetzt bei der Sonntagsfrage bei 15 Prozent.

Eine einfache Politik mit starken Meinungen muss aber auch gehört werden. Jetzt wird uns Jüngeren immer vorgeworfen, wir seien so politisch uninteressiert, uns erreiche man nicht.

Das stimmt ja nicht. Man muss nur mal die entsprechenden Kommunikationsformen nutzen. Die letzten zehn Jahre gehörten im Bereich der Kleinkunst dem Poetry Slam. Poetry Slams sind meiner Meinung nach hochpolitisch. Da gibt es einen riesigen Zustrom. Ein anderes Beispiel: Als ich bei Stefan Raab aufgetreten bin, wurde ich gefragt, warum ich das denn mache. Da seien doch nur die Dummen. Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe. Warum soll ich denn die Zielgruppe zwischen 15 und 25 komplett ausschließen? Warum sollen die nicht erfahren, dass es gutes politisches Kabarett gibt? Oder einmal vor einer Aufführung kam ein Veranstalter zu mir und sagte: Herr Pufpaff, da hinten sitzen acht junge Türken. Ich darauf: Ja, und? Er meinte, das hätten sie sonst hier nie, und er dachte, er müsse mir das sagen. Da spiegelt sich so viel wider in dieser Aussage. Da ist Rassismus, Ignoranz, Parallelgesellschaft. Nach der Vorstellung kamen diese acht jungen Deutschen (!) auf mich zu, sprachen besseres Hochdeutsch als die meisten und baten um ein Selfie mit mir. Das Interesse ist da, aber wir müssen rausgehen und Politik wieder interessant machen. Aber wenn selbst ein junger Patrick Lindner schon so redet, als wäre er kurz vor der Rente – das kapiere ich nicht.

Das trifft nicht nur auf die Politiker zu …

… genau. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sagt seit Jahren, es müsse sich verjüngen. Wo sind denn die jungen Formate? Vergraben auf Spartensendern wie ZDF Neo. Das Feld wird komplett YouTube und Co. überlassen. Ich halte die Jugend für überhaupt nicht unpolitisch. Hip-Hop zum Beispiel – ich bin ein riesiger Hip-Hop-Fan – das ist super-politisch, philosophisch, unbequem. Ich fände es super, wenn es ein wöchentliches Magazin gäbe, wo einer vorn steht und einen Hip-Hop-Text vorliest. Das ist ‘ne Brandt-Rede.

Ihr aktuelles Programm heißt “Auf Anfang”. Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, was würden Sie verändern?

Mir geht es nicht darum, die Zeit zurückzudrehen. Mir geht es eher darum, dass wir unser Hirn zurück auf Werkseinstellung setzen. Es gibt bei “Man in Black” dieses Blitzdings-Gerät. Das ist super. Jeder sollte sich morgens sagen: Ich bin jetzt geblitzdingst. Dann geht man unvoreingenommen in den Tag und auf andere Menschen zu. In allen Bereichen. Dass man sich morgens beim Frühstück schon fragt, ob Nutella mit den 30 Prozent Palmöl jetzt wirklich so gut schmeckt oder ich mich einfach daran gewöhnt habe. Ausgetretene Pfade verlassen. Neues ausprobieren. Die Welt nicht in Ausländer und Deutsche sondern in Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher unterteilen. Jedem Menschen die gleiche Chance geben. Denn wenn jeder die gleiche Chance erhält, muss er nicht radikal werden. Wir machen uns zu dem ignoranten Pack, dass wir leider zurzeit sind.

Sebastian Pufpaff

Foto: Manuel Berninger

In Ihren Shows fordern Sie das Publikum auf, Ihnen Themen vorzugeben, über die Sie sich stellvertretend aufregen können. Wurden Sie dabei schon mal kalt erwischt?

Ich wurde zumindest schon mal mit Themen überrascht, von denen ich keine Ahnung hatte. In Hamburg zum Beispiel gibt es einen großen Krankenhausskandal, da war ich nicht belesen genug. Aber dann sage ich halt: Erklären Sie es mir. Und wenn einer was Falsches sagt, gibt es ein Korrektiv, und plötzlich habe ich genau die Diskussion, die ich ja haben möchte. Ich mache keinen Frontalunterricht, ich zelebriere die Illusion eines Gesprächs. Wir haben das Fragen so weit radikalisiert. Das ist auch ein Vorwurf, den ich Stefan Raab gerne mal machen würde. Mit seinen Fußgängerumfragen hat er dazu beigetragen, dass keiner mehr was sagt, wenn er eine Kamera vor die Nase gehalten bekommt – aus Angst, dass man sich über ihn lustig macht. Man sollte aber den Mut haben, auch mal der Dumme zu sein und zu sagen: Davon habe ich keine Ahnung, erkläre es mir. Wieso, weshalb, warum. Ich bin mit der Sesamstraße aufgewachsen. Wir wussten, Fragen zu stellen ist geil. Mir fehlt die Sesamstraße für das Alter 16 bis 65.

Sie waren bereits mit Ihrem ersten Programm hier in Fulda …

… genau. Und das hatte einen sehr starken Part zur katholischen Kirche, womit man in Fulda ja richtig gut ankommt …

… worauf freuen Sie sich, wenn Sie wieder herkommen?

Ich war das letzte Mal im Dezember da. Da war gerade Weihnachtsmarkt, und ich habe ewig vom Hotel zum Auftrittsort gebraucht, weil man nicht durch die Menschenmassen kam. Die Gefahr ist jetzt weg. (lacht) Nein, ich freue mich vor allem auf die Menschen und bin gespannt, was die Fuldaer mir zurufen werden. Dir brennt auch der eine oder andere Aufreger auf der Seele? Sebastian Pufpaff steht am 3. Februar im Schlosstheater auf der Bühne.

Tickets gibt es in den Geschäftsstellen der Fuldaer Zeitung und online ab 19,70 Euro.
Beginn: 20:00 Uhr

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