Kleine Pillen gegen Lernstress

Gerade ist die heiße Phase an Unis und Hochschulen. Es ist Prüfungszeit. Viele Studenten plagen sich mit Zeit- und Motivationsmangel im Lernstress. Das Amphetamin-Derivat Ritalin sehen viele Paukende als „Wunderwaffe“ dagegen, wie wir im letzten Magazin berichtet haben. Kommt dann zu allem Überfluss auch noch Prüfungsangst dazu, die dich lähmt und das eigentlich gelernte Wissen verdrängt, ist der Tag dahin. In der kommende „move36“-Ausgabe erfährst du, was es mit der Prüfungsangst auf sich hat und was du dagegen tun kannst. Zunächst aber unser Magazintext über Ritalin: 

Ein Text von Philipp Stepputtis

Die Zahlen sind verstörend: Immer mehr Kinder und Jugendliche werden Psychopharmaka verschrieben. Laut einer Untersuchung von Kölner Wissenschaftlern wurden 2012 etwa 27 von 1000 Heranwachsenden Medikamente wie Antidepressiva oder Ritalin verschrieben – im Jahr 2004 waren es noch 20. In den Fokus rückt dabei immer mehr das Medikament Ritalin, das von vielen zur Leistungssteigerung verwendet wird. „Hirndoping“ nennen es die einen verharmlosend, von „Kinderkoks“ sprechen andere und verweisen auf die möglichen Folgen.

Wenn man sich in Fulda und Umgebung umhört, wird eines deutlich: Wer Ritalin zur Leistungssteigerung genommen hat oder nimmt, will nicht gerne darüber sprechen. Viele rufen nicht zurück. Ein junger Konsument will erst reden, rudert dann aber zurück. Plötzlich hat er „keine Zeit“ mehr. In der Anonymität des Internets sind die Leute offener. Ein Schüler berichtet von den Folgen seines Konsums: trockener Mund, erhöhter Puls, Wärmegefühl und Lust zu lernen. Als er die Ritalin-Dosis erhöht, seien schubweise Tagträume und geistige Abwesenheit hinzugekommen, sagt der junge Mann. Ein anderer Konsument berichtet, motiviert, voller Freude und Energie gewesen zu sein. Bei einer Erhöhung der Dosis seien dann Druck in der Magengegend, Atemprobleme und sogar paranoide Zustände hinzugekommen.

Harmloses Gehirndoping?

Doch durchweg positive Erfahrungsberichte gibt es auch: Eine Studentin, die am Hyperaktivitätssyndrom leidet, berichtet in einem Studentenforum, ihr „Studium wäre mit Sicherheit eine Katastrophe geworden, wenn ich meine Konzentrationsprobleme mit Ritalin nicht in den Griff bekommen hätte.“ Ein Jura-Student pflichtet ihr bei, dass seine Erfahrungen mit Ritalin bisher sehr positiv gewesen seien. Er habe in Lernphasen seine „Konzentration und Aufnahmefähigkeit erheblich steigern“ können. „Das Gefühl ist ein bisschen wie ein Tunnel zu beschreiben“, berichtet er. „Die Gedanken schweifen nicht ab. Ich arbeite zielstrebig, ergebnisorientiert und ohne den so genannten, organisierten Selbstbetrug“ – also den ständigen Blick auf Facebook oder WhatsApp während der Lernphase.

Die Tabletten scheinen bei einigen also wirklich vor Prüfungen zu helfen, oder? Der Fuldaer Psychiater Dr. Ulrich Walter winkt ab. Er denke grundsätzlich nicht, dass Ritalin die Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern kann. Eigentlich werden mit Ritalin wilde Kinder behandelt – die, bei denen eine Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde. Diese Kinder können sich nur kurz konzentrieren, werden leicht abgelenkt, sind impulsiv, hyperaktiv, empfindlich und angespannt. Doch manche werfen die Tabletten auch ohne ADHS rein, weil sie denken, so besser lernen zu können. „Menschen, die nicht ADHS haben und trotzdem Ritalin nehmen, werden höchstens supernervös“, warnt Walter. Besser konzentrieren könnten sie sich nach der Einnahme nicht. „Das kann ein Placebo-Effekt sein“, argumentiert er. Das heißt, weil ich die Pille eingeworfen habe, glaube ich, dass sie hilft und rede es mir ein. Ist das die Erklärung für die vermeintlichen Lernerfolge mit Ritalin?

Lange Erholung nach dem Kick

Dr. Stefan Werner pflichtet seinem Arztkollegen bei: Der leitende Mediziner bei der Neuen Rhön, einer Fachklinik für Suchterkrankungen in Burghaun, denkt nicht, dass Ritalin-Konsum langfristig die Leistung in der Schule, Uni und Beruf steigert. Er spricht von „geliehener Kraft“: Auch wenn man durch die Pillen für eine kurze Zeit aufgeputscht länger konzentrierter lernen könne, ermüde der Körper später und müsse sich länger erholen. „Die Leistungssteigerung von Ritalin wird überschätzt“, ist Werner überzeugt. „ADHS-Patienten werden durch Ritalin ruhiger, später werden sie wieder überaktiv. Bei Gesunden wirkt Ritalin aufputschend, danach werden sie todmüde und sogar depressiv.“

Wie verbreitet ist Ritalin als leistungssteigerndes Mittel für Schüler und Studenten bei uns in der Region? Die von move36 befragten Mediziner sehen das Medikament nicht als Massenphänomen – auch wenn die Verschreibungszahlen hoch gingen. Von einem erschreckenden Fall berichtet der Fuldaer Allgemeinmediziner Michael von Kürten, der zeigt, dass nicht nur Schüler und Studenten zu dem Medikament greifen. „Einmal war ein Beamter in meiner Praxis, der das Medikament von mir aufgeschrieben haben wollte, um seine Steuererklärung auszufüllen, weil er sich nicht darauf konzentrieren könne. Ich habe abgelehnt.“ Auch Manager und Führungskräfte greifen Untersuchungen zufolge immer häufiger zu Ritalin und anderen leistungssteigernden Mitteln.

Beratung bei der Caritas Fulda

Zur Sucht und Drogen Beratung der Caritas Fulda kommen immer wieder junge Patienten mit Ritalin-Erfahrung. Sozialarbeiter Michael Schütte sagt zwar: „Das Problem mit Ritalin war früher größer als heute.“ Doch in diesem Jahr habe man bei der Caritas immerhin acht bis zehn Patienten gehabt, die Ritalin nicht zu medizinischen Zwecken, sondern zur Leistungssteigerung benutzt haben. Dass die Dunkelziffer in diesem Bereich sehr groß ist, liegt auf der Hand. Viele der Patienten seien erst 14 bis 15 Jahre alte Schüler, die das Mittel von ihren Eltern über den Schwarzmarkt bekämen, erklärt Schütte. „Bei diesen Eltern heißt es: Das Kind muss in der Schule mitkommen. Koste es, was es wolle“, kritisiert der Sozialarbeiter deren „kruden Vorstellungen“. „Meist kommen diese Eltern dann besorgt und unsicher zu mir. Sie wollen sich dann über die Gefahren von Ritalin aufklären lassen.“

Eines ist bei unseren Recherchen deutlich geworden: Im Vergleich zu illegalen Drogen kommt man an Ritalin recht einfach. Im Internet gibt es viele Medikamentenhändler auf dem Schwarzmarkt, bei denen man von Viagra bis Ritalin alles bekommen kann. Ohne Gewähr, was in den Tabletten wirklich drin ist. Die Gefahren gerade solcher Produkte sind nicht zu unterschätzen. Und eines sollte man nicht vergessen; Generationen von Schülern und Studenten haben es geschafft, ihre Klausuren und Hausarbeiten ohne einen „Wachkick“ durch bunte Pillen zu schreiben. Warum sich also überhaupt erst in Gefahr bringen?

Ritalin wird in Deutschland als Betäubungsmittel eingestuft

Ritalin ist der Name für das gebräuchlichste Präparat mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Das Mittel ist ein Amphetamin-Derivat und hat eine aufputschende, leistungssteigernde Wirkung. Einsetzende Ermüdungserscheinungen werden nicht bewusst wahrgenommen. Das Mittel verlängert die Dauer der Leistungsfähigkeit, sie bewirken keinen Anstieg der maximalen Leistungsfähigkeit. Das heißt, der Konsument wird nicht intelligenter oder kreativer, sondern kann länger Leistung erbringen. Langfristig kann es zu Suchtverhalten und Entzugserscheinungen kommen.

In Deutschland wird Methylphenidat als Betäubungsmittel eingestuft und unterliegt der Verschreibungspflicht: Nur wer ein ärztliches Rezept hat, kann es straffrei in der Apotheke kaufen. Methylphenidat ist zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), im Volksmund auch „Hyperaktivitätssyndrom“ oder „Zappelphillippsyndrom“ genannt, zugelassen. Laut Portal medizin.de nehmen es allein in Deutschland vermutlich mindestens 70 000 Patienten ein, meist Kinder zwischen dem sechsten und achtzehnten Lebensjahr.

Seit 2013 ist die legal mit einem Rezept erworbene Ritalin-Menge zurückgegangen. In die Lücke ist aber ein neuer Wirkstoff getreten, so dass „die Gesamtmenge der Wirkstoffgruppe auf hohem Niveau nahezu stabil ist mit leicht ansteigender Tendenz“, erklärt Dr. Carsten Telschow, der die Arzneistatistiken für die Gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland kennt. Die Zahlen über die Verbreitung des missbräuchlichen Medikamenteneinsatzes zur Steigerung der Leistungsfähigkeit schwanken. Eine Studie der Universität Bochum unter 897 Studenten ergab, dass 14 Studenten (1,6 Prozent) bereits Amphetamine wie Ritalin zur Leistungssteigerung vor Prüfungen oder beim Lernen genommen haben. Viel häufiger wurden Kaffee (574 Studenten), Energy drinks (419) oder Koffeintabletten (125) angegeben. Eine Umfrage Mainzer Wissenschaftler unter 2834 Studenten ergab, dass jeder fünfte von ihnen zumindest zeitweise leistungssteigernde Pillen einnimmt (von Koffeintabletten über Ritalin bis zu Alzheimer-Medikamenten). Allerdings geht aus der Mainzer Studie nicht hervor, welche Mittel genau die Studenten bevorzugen.

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