Im Hospiz Sankt Elisabeth werden Menschen in den Tod begleitet. Jene, die am Ende ihres Lebensweges stehen. Ein Besuch in der Einrichtung, die viel mehr ist als nur ein Ort der Trauer.

Ein Text von Julia Santivanez

Ich zähle vor Aufregung die Treppenstufen: Zwei, vier, sechs, acht – neun. Zwei, vier, sechs, acht – neun. Die silberne Tür mit dem Milchglas öffnet automatisch, noch bevor ich die oberste Stufe erreicht habe. Glänzende Kugeln – rote, silberne und goldene, schmücken den Weihnachtskranz an der Tür. Er wirkt einladend. Zugleich erinnert er mich schlagartig daran, dass bald Weihnachten ist.

An Heilig Abend denken, ja – das tun sie auch hier, aber eben anders. Wer hier ist, der denkt in kleinen Zeitintervallen. Wer hier ist, der ist gekommen, um zu bleiben – um zu sterben. Hier im Hospiz. Die Einrichtungsleiterin Dagmar Pfeffermann ist groß, sportlich, hat kurze blond-braune Haare. Sie wirkt frisch, agil und lebensfroh. Eigentlich wie alles hier. Eigentlich? Ich frage mich: Fröhlichkeit und Hospiz, wie passt das zusammen?

Abschied nehmen von einem Gast

Bilder zieren die Wände mit Blumen: Rosen, Tulpen, Lilien. Ich bleibe im Gang vor einer Kerze stehen. Sie befindet sich in einer gläsernen Vase, umhüllt von einer mintgrünen Samtdecke. Kerzen habe ich in meinem fast dreißigjährigen Leben schon viele gesehen, gekauft, angezündet. Doch die weiße Kerze hier ist anders. Nicht etwa fürs Auge anders. Doch diese hier wurde gekauft, um so viel mehr zu sein als nur Wachs und Docht. Jedes Hospiz hat solch eine Kerze – eine mit Symbolwert. Sie ist Teil eines Rituals. Immer dann, wenn es heißt: Abschied nehmen von einem Gast. Von einem, der nicht mehr wiederkehrt. Nicht mehr in den Gemeinschaftsraum, wo das Klavier steht, nicht mehr zum Essen kommt. Nie mehr.

Gerade ist sie aus. Der Docht kalt. Wenn sie brennt, dann solange, bis der Verstorbene abgeholt wird – im Schnitt 24 Stunden“, erklärt Dagmar Pfeffermann. Die 55-Jährige steht neben der Kerze vor einem Bücherregal – weiß, schlicht, hüfthoch. Mein Blick bleibt an der Holzstatue neben ihr haften. Eine Frau im blauen Gewand. Maria? „Das ist unsere Namenspatronin, die Heilige Elisabeth“, sagt die Hünfelderin.

So viel Alltag wie möglich

Das Sankt Elisabeth Hospiz zu Fulda kann acht Gäste – so werden die hier umsorgten Menschen genannt – aufnehmen. Aus dem Landkreis und dem Kinzigtal. Acht Menschen, deren Lebensweg hier enden wird. Pfeffermann und ihr zwanzigköpfiges Team tun alles, um den Menschen hier weiterhin so viel Alltag wie möglich zu schenken. So können Partner und Kinder jederzeit zu Besuch kommen, sogar hier wohnen. Es wird zusammen gegessen, musiziert, gelacht und ja, auch geweint. Würdevoll den letzten Weg gemeinsam bestreiten, das hat sich das Team um Pfeffermann zur Aufgabe gemacht.

Das Regal, vor dem die zweifache Mutter steht, beherbergt ein buntes Sammelsurium. Gegenstände, die Angehörige in ihre Trauer einbeziehen: Porzellanengel. Große, kleine, noch kleinere. Einen siebenarmigen Kerzenleuchter, Taschentücher, Kreuze, Weihwasser und zwei Bücher. Die Bibel und ein Erinnerungsbuch. Pfeffermann schlägt die Seiten um: Zu sehen ist das Foto einer Frau Mitte 40, ordentlich eingeklebt. Es zeigt diese angelehnt an einen Baum. Ein schief gewachsener Baum. Über dem Bild zu lesen: Name, Geburtsdatum, Geburtsort. Unterhalb: Sterbedatum. „Sie wollte einen Baum, der ihrem Lebensweg gleicht“, sagt Pfeffermann und fügt hinzu: „Welch Größe man besitzen muss, um sich zu Lebzeiten schon den Baum im Friedwald auszusuchen.“ Gedanklich stimme ich zu, bin aber so gefesselt von dem, was ich sehe, dass ich schweige. Gänsehaut. Ich schlage die nächste Seite auf. Und die nächste. Und die nächste. Elf Bücher, die an die Verstorbenen erinnern, liegen im Regal. Elf seit April 2007, dem Gründungsmonat des Hospizes.

Was all diese Menschen im Erinnerungsbuch eint, sind unheilbare Erkrankungen. Schicksalsschläge. Diagnosen wie: Tumorerkrankungen, neurologische Erkrankungen und auch chronische Atemwegserkrankungen. Die 55-Jährige zählt weiter auf, währenddessen mich ein Gedanke nicht loslassen will: Acht Betten. Wie wenig sind denn bitte acht Betten? Mein Gedankenstrom wird von ihrer Stimme durchbrochen. Eine freundliche Stimme. „Und ja, die Krankheiten dürfen alle nicht mehr kurativ sein.“ Anders ausgedrückt: Austherapiert. Ein Wort, bei dem man fast von etwas Positivem ausgehen würde, wüsste man nicht von der Tragik der Bedeutung dahinter.

Ein kalter Schauer

Nur wer austherapiert ist, dem die Medizin, nicht mehr zur Genesung verhelfen kann, der darf auf einen der acht Plätze hier in Fulda hoffen. Hoffen!? Das Wort schallt in meinem Kopf nach. Es ist schön hier, wenn man das so denken darf, aber hoffen, das klingt nach Glück, wo es doch eigentlich um so viel Unglück geht. Mir läuft dabei ein kalter Schauer über den Rücken – und das, obwohl es hier warm ist. Und hell. Und es gut riecht. „Elfentraum“ – um genau zu sein. So heißt der Duft, der durch die hellen Räume im vierten Stock strömt. Frisch, etwas blumig, aber nicht zu stark, so riecht Elfentraum. Mich erinnert er an einen Frühlingsspaziergang. Er beruhigt und umhüllt auch mich.

„Über alle Sinnesorgane möchten wir unsere Gäste erreichen“, erklärt Mitarbeiterin Sandra Wess, die eine Zusatzausbildung zur Aromaberaterin absolviert hat. Was für eine Energie diese Frau versprüht: Dunkles Haar mit rötlichem Einfall, strahlende Augen, ein offener Blick. Wie ich sie so reden hören, voller Energie und Elan, steht für mich fest: Sie liebt ihren Beruf. „Ich frage jeden, welchen Duft er heute wünscht, und das fällt sehr unterschiedlich aus. Mal Citrus, was viele an vergangene Urlaube erinnert – oder auch Tanne und Zeder, sehr beliebt bei den Herren“, sagt sie.

Fotos: Julia Santivanez

Dekoration, Schminktisch, Spiegel

Erinnerung bewahren, auch das steht hier im Fokus. So kamen schon Konstantin Wecker und Adoro zu Privatkonzerten vorbei. Auch der Kanarienvogel darf mal zu Besuch kommen und der Essenslieferservice anrücken. „Fünfe gerade sein lassen, das gehört auch dazu“, sagt Pfeffermann. Das Leben bis zur letzten Sekunde auskosten zu können. Wer dazu in der Lage ist, mental und körperlich, von dem ist viel zu lernen. „Nie vergessen werde ich die eine Dame. Fast täglich wurden ihr Pakete geliefert: Dekoration, Schminktisch, Spiegel – ihr Zimmer war so bunt, fröhlich und lebensbejahend. Pediküre, Maniküre, das ließ sie sich nicht nehmen. Wohl wissend, bald sterben zu müssen“, erzählt die Leiterin.

Wir stehen im Gemeinschaftsraum: Rote Stühle, flauschige Sessel, Fernseher und Bücher geben dem Raum eine gemütliche Atmosphäre. Mein Blick fällt auf ein weißes Buch: „Nie wieder Achtzig!“ Den achtzigsten Geburtstag feiern, das ist nicht jedem hier vergönnt. Die Goldene Hochzeit, Taufe des Enkels oder Kommunion des Kindes – für viele ein letztes Ziel. Eines, dessen Zielgerade oft doch zu weit weg ist.

Der Wille, der Berge versetzt

Wunder, nein, die hat auch die 55-Jährige noch nicht erlebt. Doch dass der Wille Berge versetzen kann, das hat sie oft gesehen. Noch einmal den Sohn aus Amerika in den Armen halten können, die Lebensgefährtin und Ex-Frau versöhnt sehen, ein letztes Mal mit den nackten Füßen im heimischen Garten in der Rhön spazieren, mit den Enkeln an Heilig Abend „Stille Nacht, heilige Nacht singen“ – das sind sie, die Ziele, für die manch einer hier kämpft. Ein Kampf gegen Zeit und Kraft. „In diesem Raum haben wir schon viel erlebt. Partys, Taufen, den 18. Geburtstag eines Enkels, WM- und EM-Feiern, DVD-Abende mit Popcorn.“

Heute. Hier.

Wir laufen wieder vorbei an den Bildern im Flur. Auf Höhe der Kerze bleibt mein Blick an der Aroma-Fee Sandra hängen. In ihrem bordeaux-roten Kittel hockt sie da. Was macht sie denn da? Doch etwa nicht … Doch. Die Kerze brennt. „Soeben ist ein Gast von uns gegangen.“ Sofort fühle ich mich völlig deplatziert. Irgendwie unwohl, unsicher. Ich bin irritiert, blicke Dagmar Pfeffermann an. Ihre Augen sind gläsern.

Selbst wenn der Tod immer in Reichweite ist, Sterben zum Alltag wird und die Endlichkeit des Lebens an keinem Ort so präsent ist wie hier – trotzdem ist jeder Abschied schwer. Noch bevor ich die silberne Tür mit dem Milchglas erreiche, öffnet sie. Links sehe ich einen kleinen weißen Engel, nicht größer als 15 Zentimeter, an einem Türgriff hängen. In diesem Zimmer ist ein Lebensweg zu Ende gegangen. Heute. Hier.

Die Tür mit dem Kranz schließt hinter mir. Ich gehe und zähle wieder die Stufen: Zwei, vier, sechs, acht – neun. Zwei, vier, sechs, acht – neun.

Diese Reportage entstand im Rahmen der Volontärsausbildung der Parzeller Nachwuchsakademie. 

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