Gut 140 Demonstrationen fanden am vergangenen “schwarzen Montag” in Polen statt. Allein 22.000 Menschen versammelten sich in der Warschauer Innenstadt. Auch in Berlin, Paris und Brüssel zeigten sich viele Menschen solidarisch und protestierten. Grund für den Aufruhr: das geplante Abtreibungsgesetz. Zum Glück wurde es nicht durchgepaukt, denn es hätte Frauen, die aus guten Gründen abtreiben lassen, schlichtweg kriminalisiert. 

Ein Kommentar von Carolin Holl

Schon jetzt sind die Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch in Polen sehr streng. Nur in vier Ausnahmefällen darf abgetrieben werden: wenn die Gesundheit der Frau gefährdet ist, wenn sie vergewaltigt wurde, bei Inzest oder wenn klar ist, dass das Baby mit schweren, unheilbaren Schädigungen zur Welt kommen würde. Das neue Gesetz sah mit der Aussetzung dieser Ausnahmen eine drastische Verschärfung vor: bis zu fünf Jahre Haft für Ärzte und Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen. Nur wenn die Frau in Lebensgefahr wäre, hätte sie noch abtreiben dürfen. Ernsthaft?! Im Klartext hätte das quasi ein komplettes Verbot von Abtreibungen bedeutet und Frauen schlicht und einfach kriminalisiert. Ideen von Ewiggestrigen, man meint, sie kommen aus dem Mittelalter.

Zum Glück wurde das Gesetz am Donnerstagmorgen doch nicht duchgepaukt, obwohl alles danach aussah. Ein Sieg für die Freiheit der polnischen Frauen und eine Schlappe für die konservative Partei PiS und ihren Parteichef Jaroslaw Kaczynski.

Frauen werden als Mörderinnen verunglimpft

Was hätten sich Befürworter des Verbots überhaupt davon versprochen? Angeblich sollte es um das Wohl der Frauen gehen. “Schwangerschaftsabbrüche sind für Frauen eine Hölle. Schmerzlich wirken sie auf die Psyche und können auch physische Folgen für die Frau haben“, sagte Karolina Pawlowska, Unterstützerin der Initiative, die mit Fotos toter Embryos gegen Abtreibungen wirbt. Frauen so als Mörderinnen zu verunglimpfen, ist an Populismus kaum zu überbieten.

Wie sich Frauen fühlen, die das Kind ihres Vergewaltigers austragen müssen, interessiert Pawlowska wohl nicht. Nicht nur, dass die Mutter das schreckliche Ereignis durch ihr Kind wahrscheinlich wieder und wieder durchlebt. Vielleicht lässt sie es auch – bewusst oder unbewusst – spüren, dass sie es nie wollte – und das Kind leidet ebenfalls.

Frauen haben das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen

So auch im Fall von Inzest. Es wäre geradezu eine fahrlässige Ignoranz gegenüber dem Wohl des Kindes gewesen, hätte der Staat diese Abtreibungen auch verboten – bekanntermaßen ist das Risiko für körperlich und geistige Behinderung hier um einiges höher. Sollte man einem Menschen und seinen Angehörigen so ein qualvolles Schicksal nicht besser ersparen?

Abgesehen davon ist es schlichtweg das Recht und die Freiheit einer Frau, zu entscheiden, ob eine Schwangerschaft in der aktuellen Lebenssituation sinnvoll ist – für einen selbst und das Baby. Sie muss die Freiheit haben, über ihren eigenen Körper zu bestimmen. Natürlich sollte eine Abtreibung, eben weil so etwas nicht spurlos an einem vorbeigeht und es immer noch um ein Menschenleben geht, die absolute Ausnahme sein.

Wo Polen ansetzen sollte

Frauenrechtler bezweifeln das Interesse der Abtreibungsgegner am Wohl der Frau und glauben eher, dass mit diesem Gesetz Traditionen und das klassische Familienmodell gestärkt werden sollten. Ein derartiger Eingriff ins Privatleben der Menschen hätte an Totalitarismus gegrenzt. Selbst der Kirche waren die Populisten zu hardcore, weshalb sie sich vom Totalverbot und von Haftstrafen für die betroffenen Frauen zunehmend distanziert hatten.

Die Voraussetzungen für einen angemessenen Umgang mit dieser Freiheit, beziehungsweise diesem Recht sind in Polen allerdings nicht wirklich gegeben. Der Sexualkundeunterricht ist nicht verpflichtend, Verhütung und Familienplanung sind Tabu-Themen, und die Pille oder Kondome nur schwer zu bekommen. Die Pille danach wird zwar rezeptfrei verkauft, doch Apotheken können selbst entscheiden, ob sie sie verkaufen. Vielleicht sollte also eher hier angesetzt werden. Nicht erst, wenn es schon zu spät und die Frau schwanger ist.

Polinnen behalten ihre Selbstbestimmung

Frauenrechtlern zufolge sollen auf jährlich 1000 abgebrochene Schwangerschaften außerdem 150.000 (!) kommen, die von der Regierung nicht erfasst werden – sei es, weil es im Ausland geschieht oder Frauen es bei dubiosen Ärzten mit stümperhaften Praktiken machen lassen, weil sie kein Geld fürs Ausland haben. Das ist nicht nur illegal, sondern auch extrem gefährlich. Das neue Gesetz hätte diese Lage nur noch schlimmer gemacht.

Dass eine Abtreibung nicht leichtfertig vorgenommen werden darf und dass es eine Entscheidung ist, mit der man den Rest seines Lebens klarkommen und sie deshalb sehr gut überlegt sein muss, ist klar. Mit dem neuen Gesetz hätten die Polinnen ein großes Stück ihrer Selbstbestimmung verloren. Zum Glück ist es anders gekommen.