Seit der Gründung des Wirtschaftsgymnasiums der Richard-Müller-Schule erhielten 1946 Schüler aus 49 Jahrgängen ihre Abi-Zeugnisse. Die erste Klasse startete im April 1966 mit 33 Schülern. Lediglich sechs davon verließen die Schule mit dem Abitur – dieses Jahr sind es 80. Und der 50. startet bereits durch.

Bis alle Schüler auf diesem Foto richtig standen, dauerte es eine Weile. Hubert Krah, Abteilungsleiter des Wirtschaftsgymnasiums, sprintete mehrmals hoch und runter, um Anweisungen zu geben und sich mit dem Fotografen abzustimmen. Erst stimmten die Proportionen der Fünf nicht, dann war die Null irgendwie unförmig. Aber letztlich kann sich das Ergebnis sehen lassen.

50 Jahre Wirtschaftsgymnasium der Richard-Müller-Schule – das muss gefeiert werden. Und das macht unsere Partnerschule mit einer großen Festwoche, die am Freitag mit einem Schulfest startet. Was in Stress und Hektik des Schulalltages untergehen würde, bekommt so einen ausgeglichenen, festlichen Rahmen.

Richard-Müller-Schule

Richard-Müller-Schule Fulda, Foto: Johannes Ruppel

Mit einem Abschluss am Wirtschaftsgymnasium geht man in die Wirtschaft, richtig? Die Karrieren ehemaliger RiMS-Schüler zeigen, dass das so nicht stimmt. Für unsere Sonder-Schulausgabe, die alle Schüler der Richard-Müller-Schule erhalten haben, haben wir mit Lehrern, Hochschulrektoren, Leitern großer Unternehmen und sogar einem Pfarrer gesprochen, die alle ihre Karrieren mit dem Abi auf dem Wirtschaftsgymnasium begannen. Ein paar davon stellen wir hier vor.

1978 hat Gabi Jeck-Schlottmann ihren Abschluss am Wirtschaftsgymnasium gemacht und die Stadt mit dem Ziel verlassen, irgendwann einmal junge Menschen zu unterrichten. Dass sie allerdings einmal Professorin oder gar Rektorin einer Hochschule werden würde, das hätte sich die RiMS-Absolventin damals nicht ausgemalt. „Schon als Kind wollte ich Lehrerin werden. An eine Professur hatte ich da aber nicht gedacht. Während meiner Schulzeit, in der ich Nachhilfeunterricht gegeben habe, hat sich dieser Wunsch gefestigt und in Richtung Wirtschaftslehramt modifiziert.“ Sie studierte Wirtschaftspädagogik an der Universität des Saarlandes, bekam Lust auf Wissenschaft, sammelte am Institut für Konsum- und Verhaltensforschung Berufserfahrungen und wurde 1987 als Professorin an die DHBW Mosbach berufen. „Mein Kindheitstraum ging in Erfüllung, wenn auch etwas anders. Als Studiengangsleiterin mit  Leitungs- und Managementaufgaben für den Studiengang BWL-Industrie hatte ich eine  abwechslungsreiche und erfüllende Aufgabe gefunden.“ 2014 hat sie das Rektorenamt übernommen. An ihre Zeit an der RiMS denkt sie auch heute noch gern zurück. „An der RiMS habe ich gelernt, logisch-strukturiert, analytisch und wirtschaftlich zu denken. Das ist bis heute geblieben.“

Foto: Thomas Frey/dpa

Salvatore Barbaro (42) war sechs Jahre lang Finanzstaatssekretär in Rheinland-Pfalz, heute ist er für das Ministerium Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur zuständig. “Der Bereich der Kultur ist umfassend und sehr vielfältig – weil auch die Kulturlandschaft in Rheinland-Pfalz so ist”, erzählt der ehemalige Richard-Müller-Schüler. Die Eigenständigkeit der der Kulturlandschaft zu bewahren und politisch zu gestalten, hat er sich dabei zum Ziel gesetzt. “Den Betrieb im wissenschaftlichen Bereich kenne ich aus meiner eigenen Arbeit an der Universität schon etwas besser. Hier ist es vor allem eine Herausforderung, diesen riesigen Bereich mit vielen Tausenden Beschäftigten und Studierenden im Auge zu behalten und zu verwalten.” Nach dem Abschluss an der RiMS hat Barbaro Volkswirtschaftslehre, Germanistik und Wirtschaftspädagogik studiert und 2004 in Göttingen promoviert. Hochschulen zu stärken und Kooperationen mit der privaten Wirtschaft zu fördern, hat er hier in den Blick genommen. Ein Blick, der auch in der Zeit am Wirtschaftsgymnasium geschärft wurde. “Die Zeit im Wirtschaftsgymnasium hat mein Interesse für wirtschaftliche Vorgänge gestärkt und mir erste Kenntnisse in diesem Bereich mit auf den Weg gegeben.” Darauf habe er in seinem Studium und wissenschaftlichen Arbeiten aufgebaut.

“Allen Schülerinnen und Schülern kann ich nur sagen: Auch mir hat nicht alles Spaß gemacht, was im Unterricht Thema war. Aber seid neugierig und gebt allen Inhalten eine Chance. Dann findet Ihr etwas, das Euch so begeistert und das Euch dann viel helfen und lange begleiten wird.”

Foto: Mariana Friedrich

Deutsche mit Migrationshintergrund, junge Mutter und Vollblutjuristin – Havva Kraft ist eine echte Powerfrau. Von der Hauptschule ging es für sie über den Realschulabschluss direkt aufs WG. „Ich wollte schon immer Jura studieren. In meiner Familie gibt es viele Juristen, es wurde immer darüber gesprochen, meine Lieblingstante war Juristin – das wollte ich auch.” Also hat die heute 34-Jährige gekämpft und fand an der RiMS genau die richtige Förderung. „In der 11. Klasse bei Herrn Puschmann war für mich klar: Rechtswissenschaften, das ist es.” Mit dem Rüstzeug in der Tasche absolvierte sie das Studium in Marburg in nur neun Semestern, hängte das zweite Staatsexamen in Kassel dran und ist seit 2011 in der Stadtverwaltung Offenbach als Juristin beschäftigt.

Foto: Mariana Friedrich

Als ehemaliger Schüler war Michael Herber nie wirklich weg von der RiMS. Gut, ein Jahrzehnt schon. 1984 machte der 51-Jährige sein Abitur in Fulda, studierte BWL in Erlangen-Nürnberg, wurde Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und kehrte 1996 schließlich als Lehrer für Steuerlehre an die RiMS zurück. Der Vorsitzende des Fördervereins der RiMS erinnert sich gerne an eine Klassenfahrt: „Wir waren damals eher auf eine europäische Metropole aus, aber unser Klassenlehrer wollte lieber in die Natur nach Dänemark“, so Herber. Sie nahmen sogar alle ihre Bikes mit, radelten jeden Tag an den Strand und waren begeistert von der Fahrt. „Das war eine tolle und wertvolle Zeit“, erinnert er sich. Schmalspurabitur, Abitur light, keine Berechtigung für Unis – es gibt nach wie vor Vorurteile gegenüber beruflichen Gymnasien, die durch so manchen Kopf geistern. Eine osthessische Schule zeigt, dass sie Quatsch sind: Das Wirtschaftsgymnasium der Richard-Müller-Schule in Fulda feiert dieses Jahr 50-jähriges Jubiläum und demonstriert mit vielfältigen Angeboten wie seiner Theaterwerkstatt und dem neuen Fach Wirtschaftsphilosophie, dass die Schüler hier mehr drauf haben als das reine Hantieren mit Zahlen.

 

„Die Vorstellung, Schüler absolvieren auf einem Wirtschaftsgymnasium kein richtiges Abitur, hing noch lange in den Köpfen vieler Gymnasiallehrer fest“, erzählt Dieter Puschmann, ehemaliger Leiter des Wirtschaftsgymnasiums (WG) an der Richard-Müller-Schule (RiMS). „Vor allem in den letzten Jahren ist die Akzeptanz der beruflichen Gymnasien beträchtlich gestiegen“, so Hubert Krah, jetziger Abteilungsleiter des WGs. „Die Vorteile und Chancen, die berufliche Gymnasien bieten, haben sich bei Eltern und Schülern herumgesprochen.“ Die Bandbreite der Spezialisierung ist ziemlich üppig geworden – von naturwissenschaftlichen Schwerpunkten über technische bis hin zu sozialen.

Mit Einführung des Landesabiturs in 2007 ist auch den letzten Zweiflern klar geworden, dass die Abiturprüfung an beruflichen Gymnasien kein „Abitur light“ ist, bekommen doch seit 2007 alle Gymnasien in Hessen in der schriftlichen Abiturprüfung die gleichenAufgaben vorgelegt. Gleiche Lehrpläne in den allgemeinbildenden Fächern, gleiche Abiprüfungen – heißt: Man erwirbt die Qualifikation für jede Uni oder Fachhochschule. „Bei vielen rotiert immer noch der Irrglaube, man könne mit dem Abitur von einem beruflichen Gymnasium nicht alles studieren“, erzählt Franz-Peter Scholz, Lehrer für Wirtschaftsphilosophie an der RiMS.

Dennoch gibt es bei den Angeboten Unterschiede zu anderen Gymnasien, vor allem mit zwei Fächern sticht die RiMS heraus. Ein ziemlich einzigartiges Angebot gibt es im Bereich Theater: So produzieren Schüler mit Lehrer Torsten Schumacher seit 2001 im Fach darstellendes Spiel anspruchsvolle Theaterstücke wie „Medea“, „Nathan“, „Kafka“, mit denen sie Wettbewerbe auf Landes- und Bundeseben gewonnen haben. Zuletzt haben sie den Roman „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess inszeniert.

„Hier gedeihen Qualitäten mancher Schüler, die in anderen Fächern eher selten wahrgenommen werden“, betont Abteilungsleiter Krah und fährt fort: „Das ist für die Persönlichkeitsentwicklung enorm wichtig.“ Natürlich gebe es Ähnliches an vielen Schulen, aber nicht in dieser Intensität. „Vor allem Lehrer Torsten Schumacher geht darin auf, er lebt die Theaterwelt, fordert aber auch einiges von den Schülern“, ergänzt Scholz.

Mit dem neuen Fach Wirtschaftsphilosophie hat Scholz darüber hinaus ein hessenweites Pilotprojekt aus der Taufe gehoben. Nach einigen bürokratischen Hürden wurde sein Lehrplan für einen vierjährigen Schulversuch vom hessischen Kultusministerium genehmigt. Das Fach wirft Fragen auf, die sonst im Unterricht eher untergehen: Brauchen wir wirklich endloses Wachstum? Wo führt die Privatisierung von eigentlich öffentlichen Gütern wie Wasser hin? Sind der Turbokapitalismus und unsere Ellebogengesellschaft Triebfeder oder Ruin für die Wirtschaft? Und wie verengen wir die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich? „Die Schüler sollen hier einen kritischeren Zugang zur Ökonomie bekommen“, erklärt Scholz. Ziel sei auch eine Art Selbsterfahrung der Schüler, wenn sie zum Beispiel ihren eigenen Konsum hinterfragen.

Dass die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern am WG sehr harmonisch ist, zeigt sich nicht nur in diesen beiden Projekten. Viele Schüler bestätigen den Lehrern immer wieder, dass Betreuung und Lernklima sehr gut sind, wie Krah berichtet. Steffen Reuß (33), der von 2006 bis 2009 am WG war, sagt: „Jede Schule hat ja ihre eigenen Kultur, und die Kultur der RiMS ist schon besonders. Die Lehrer bekommen den Spagat zwischen nahbar und distanziert gegenüber den Schülern super hin.“ Ebenso sei die Gewichtung zwischen humanistischen Fächern und den wirtschaftsbezogenen sehr gut ausbalanciert. „Das angenehme Lernklima liegt auch daran, dass die Lehrer fast nur mit Schülern ab 16 Jahren arbeiten“, erklärt Krah. „Die Lehrer stellen sich auf Erwachsenenbildung ein, und so werden die Schüler auch behandelt.“

Abseits der Fächer darstellendes Spiel und Wirtschaftsphilosophie unterscheidet sich das WG auch und vor allem durch seine ökonomische Ausbildung von anderen Gymnasien. Datenverarbeitung sowie Rechnungswesen stehen hier auf dem Lehrplan und natürlich Wirtschaftslehre, die als Leistungsfach bereits vorgegeben ist. Daher kann man in Sport, Kunst, Politik und Wirtschaft, Religionslehre oder Geschichte nicht die Vierfachbewertung eines Leistungskurses in den Abiprüfungen absahnen, wie es bei anderen Gymnasien möglich ist. Dass man hier aber alle drei Naturwissenschaften – Biologie, Chemie und Physik – sowohl als Grundkurs als auch im Leistungsfach belegen kann, ist wiederum eine Besonderheit des WGs der RiMS, die durch Kooperationen mit der Ferdinand-Braun- und Eduard-Stieler-Schule zustande kommt.

Nicht zuletzt erhalten die Schüler hier eine Doppelqualifizierung – eine Allgemeinbildung, die zum Studium an Uni oder Hochschule berechtigt, und eine berufsbezogene, ökonomische Grundbildung, mit der man vor allem kaufmännische Ausbildungen nach der Schule von drei auf zwei Jahre verkürzen kann. Natürlich erleichtert die frühe Spezialisierung den Einstieg in die Ausbildung oder ins Wirtschaftsstudium. Außerdem kann ein bisschen Wirtschaftslehre nie schaden – zumal wir auch im Privatleben tagtäglich damit konfrontiert werden. Sei es die Finanzierung des ersten Autos, die erste Steuererklärung oder der erste Mietvertrag. „Selbst wenn man nach drei Jahren WG feststellt, dass Ökonomie einem nicht liegt, war das alles andere als vertane Zeit. Hat man doch die Möglichkeit, alles zu studieren und merkt nicht erst nach drei Semestern, dass BWL am Ende doch der falsche Weg war“, findet Krah.

  • Am Freitag, 23. September, 10 Uhr öffnet die RiMS ihre Pforten für ein großes Schulfest mit Tag der offenen Tür. Die Absolventen des Wirtschaftsgymnasiums laden zu einem Erzählcafé ein, bei dem Schulleiterin Claudia-Hümmler-Hille Rede und Antwort steht.
    Wo: RiMS Fulda
  • Am Samstag, 24. September, 10.30 Uhr findet nach dem gemeinsamen Ökomenischen Gottesdienst in der Kirche Sankt Paulus in der Goedelerstraße ein Festakt mit der RiMS-Absolventin Prof. Dr. Gabi Jeck-Schlottmann statt.
  • Für alle spannend wird es dann wieder im Oktober, wenn die Theaterwerkstatt der Richard-Müller-Schule am 6. Oktober ihre aktuelle Produktion „A Clockwork Orange“ erneut auf die Bühne bringt. Die Vorstellungen beginnen um 10 und um 20 Uhr im Fuldaer Schlosstheater. Tickets gibt es im Schulsekretariat (0661-96870) und der Geschäftsstelle der Fuldaer Zeitung am Peterstor (0661-80644). Mit dem Einnahmenüberschuss wird die Arbeit des Vereins SMOG (Schule machen ohne Gewalt) finanziell unterstützt. Eintritt: 10 Euro (ermäßigt 7 Euro)
  • Am Dienstag, 8. November, gibt es dann den Abschluss der Festlichkeiten mit zwei Gastvorträgen: Um 13.30 Uhr referiert Alexandra Köhler zum Thema “Die Geldpolitik des Eurosystems”. Um 19 Uhr spricht Dr. Jens Mehrhoff über “Gefühlte und gemessene Inflation”.

 

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