Wie können wir den Flüchtlingen hier ein Leben und eine Zukunft gestalten? Oder eher: Wie können sie dies selbstbestimmt tun? Welche Rolle spielen der Verlust der Heimat und die teils traumatische Flucht dabei? Mit diesen Fragen setzt sich die am Mittwoch eröffnete Ausstellung “Sieh hin” an der Richard-Müller-Schule auseinander. Zusammen mit Flüchtlingen erarbeitete die Studentin Cora Magdalena Hille (23) die gezeigten Werke im Rahmen ihres Studiums der Sozialen Arbeit. 

Bereits im März setzte sich Cora in die InteA-Klasse von Deutschlehrerin Julia Stähr an der Richard-Müller-Schule, um die 16- bis 18-jährigen Flüchtlinge erst mal kennenzulernen, mit denen sie die Ausstellung gestalten wollte. Damit die Flüchtlinge offen über ihre sehr emotionalen und krassen Erlebnisse reden, hätte sie zunächst eine Basis für Vertrauen schaffen müssen. Das braucht natürlich Zeit. “Das glaubt man gar nicht, was sie teilweise alles von ihrer zerstörten Heimat oder Flucht so alles erzählen”, betont Cora. Den Tränen sei sie nicht nur einmal nah gewesen.

von links: Direktorin der Richard-Müller-Schule Claudia Hümmler-Hille, Studentin Cora Magdalena Hille und Lehrerin Julia Stähr

Was bedeutet Heimat?

Die erste große Aufgabe und auch Voraussetzung für die Ausstellung war die Beschäftigung mit dem Begriff Heimat. Was bedeutet eigentlich Heimat – Nation und Region oder doch eher Familie und Freunde? Die jungen Afghanen, Syrer, Iraker, Iraner, Eritreer schrieben Texte darüber, was für sie Heimat bedeutet – teils zunächst in ihrer Muttersprache, die sie dann versuchten, ins Deutsche zu übersetzen. “Es fehlt etwas”, sagt der 18-jährige Zidan aus Syrien. Es sei schwierig gewesen, alles Erlebte, alle Gefühle in Deutsch auszudrücken. An den Texten wurde nicht noch groß herumgedoktert; sie sind knapp, aber ausdrucksstark und gespickt von Fehlern – authentisch eben. In einem zweiten Schritt illustrierten die Flüchtlinge ihr Leben in Deutschland – vor allem Fotos zeigen hier geknüpfte Freundschaften, Erlebnisse und Eindrücke von dem neuen, fremden Land. “Vor allem den Flüchtlingen das kreative Arbeiten mit Plakaten, Fotos und Zeichnungen beizubringen, war nicht grade einfach”, erzählt Studentin Cora. “Das kennen sie gar nicht.” Aber mit Kunst lasse sich manches besser ausdrücken als mit Worten.

“Es war schwer, das Thema zu bewältigen”

Und so war auch der letzte Schritt die größte Hürde – die Auseinandersetzung mit der Flucht. Die Jugendlichen sollten auf ein großes Transparent ihre Assoziationen aufmalen, wenn sie an ihrer Flucht denken. Nicht alle machten hier mit, viele waren noch nicht bereit dazu – die traumatischen Erlebnisse der Flucht noch zu nah. “Es war schwer, das Thema zu bewältigen”, sagen Mujtaba und Yahel, beide 17 und aus Afghanistan. Um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, muss man sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, sich ihr stellen und darf sie nicht verdrängen. Der Titel der Ausstellung “Sieh hin” hat vor diesem Hintergrund eine doppelte Bedeutung: Zum einen ist er als Appell an die Jugendlichen gedacht, das Erlebte als Teil ihrer selbst wahrzunehmen und zu akzeptieren – auch wenn es sehr schmerzhaft sein kann. Eine bewusste Konfrontation mit der Vergangenheit für eine gelingende Zukunft. Andererseits fordert der Titel Einheimische auf, sich einem fremden Leben, einer fremden Biografie, einem fremden Schicksal zu stellen und so vielleicht mehr Empathie und Verständnis für die schwierige Situation Anderer aufzubringen. Die Ausstellung befindet sich in der Pausenhalle A der Richard-Müller-Schule und ist auch noch zwei Wochen nach den Ferien zu sehen.

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