Zigaretten, Alkohol, Süßigkeiten – In der Fastenzeit versuchen viele, sich von ihren Lastern zu befreien. Zumindest für ein paar Wochen … Dann ist Ostern, und es gibt Süßigkeiten. Die sind für viele das Tor zurück in die Laster-Hölle. Auch wir haben gefastet. Wir wären aber nicht move36, wenn wir uns nicht etwas besonders Ausgefallenes ausgedacht hätten. Zigaretten und Süßigkeiten fasten kann ja jeder. In dieser Woche erwarten euch unsere Fastenkuren von Konsonanten bis Smartphone. Heute: Maximilian und Lisa versuchen, kein einziges Mal zu lügen. Nicht mal Notlügen sind erlaubt. Klappt das?

Ein Text von Maximilian Scharffetter und Lisa Laibach


In der März/April-Ausgabe unseres move36-Magazins haben wir uns außerdem sechs ganz ungewöhnliche Fastenwege gesucht und ausprobiert. Darunter Musikfasten, Konsonantenfasten (Was das wohl ist?), Handyfasten und “Nein”-Fasten. Das Heft gibt es in zahlreichen Kiosken der Region und auch im Abo: move36.de/abo.

Maximilian

Eine Woche nicht lügen. Hm, okay. Kleiner Spoileralarm: Ich bin weder im Gefängnis gelandet noch war ich in eine Schlägerei verwickelt, und meine Freundin hab ich auch noch. All I do is win. Einer Statistik nach soll der durchschnittliche Mensch 200 Mal pro Tag lügen. Pro Tag! Meinen Mathe-Grundkurs-Kenntnissen nach ist, wenn man durchschnittlich 16 Stunden wach ist, eine Lüge alle fünf Minuten. Krass. Eigentlich würde ich mich als sehr ehrlichen Menschen bezeichnen. Ich lüge selten und ein Beispiel, wo ich bewusst gelogen hab, um mir einen Vorteil zu verschaffen, fällt mir auch nach längerem Grübeln partout nicht ein.


Schritt 1: klare Regeln setzen

Deswegen denk ich mir auch direkt: So schwierig kann das nicht sein, da mach ich doch direkt mal eine Woche Lügenfasten. Kaum habe ich mit dem Fasten angefangen, schon der erster große Fehler: Ich habe meinen Freunden davon erzählt. Ich hätte es besser wissen müssen. 

Okay, Schritt 1: klare Regeln setzen, was unter Lügen fällt und was nicht. Was sagt denn das Internet: “Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der oder die Empfänger sie trotzdem glauben.” Damit ist schon mal geklärt, dass einfach nichts zu sagen oder abzulenken (“Oh mein Gott ein Schmetterling hinter dir!!”) keine Lüge oder Unwahrheit ist; perfekt.

Die ersten Tage verlaufen relativ problemlos, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass ich in der Bibliothek saß und an meiner Bachelorarbeit geschrieben habe. Gut, dass ich die eidesstaatliche Erklärung erst nach der Woche unterschreiben muss … höhö … okay, kurzer Spaß am Rande, bitte nicht ernst nehmen, liebe Uni … bitte. Was mir jedoch schnell auffällt und woran ich überhaupt nicht gedacht habe, ist, dass ich weder Ironie noch Sarkasmus benutzen darf. Es wird also doch schwieriger als gedacht.


Was ist mit Ironie und Sarkasmus?

Immer wieder erwische ich mich in den ersten paar Tagen, wie ich ironisch oder sarkastisch auf Fragen oder Bemerkungen antworte und meine Freunde mich süffisant anschielen. Zähneknirschend muss ich mich darauf beschränken, die Wahrheit oder einfach nichts zusagen. Die Woche vergeht überraschenderweise relativ schnell und meine Freunde sind doch sehr gnädig. Mir spielt natürlich in die Karten, dass meine Freundin gerade in Australien ist und mich deswegen nicht rund um die Uhr mit Fragen bombardieren kann.

Höchstwahrscheinlich der Hauptgrund, warum die Woche so glimpflich verläuft und ich weder Single noch im Gefängnis oder Krankenhaus gelandet bin. Im Großen und Ganzen sind es dann doch eher die kleineren Dinge, die mir auffallen, über die man sich sonst keine Gedanken macht: “Ist das dein Geschirr in der Küche?”, “Hast du Bock auf Mensa mit uns?”, “Hast du meinen Text schon Korrektur gelesen?” und so weiter und so fort. Die kleinen Notlügen im Alltag, die man schon gar nicht mehr wahrnimmt, werden mir erst in dieser Woche klar.


Lügen gehört im Alltag fast schon dazu

Bis zum Ende − muss ich gestehen − hab ich mich immer noch nicht komplett daran gewöhnt. Vor allem die kleinen Blödeleien und scherzhaften Unwahrheiten schleichen sich immer wieder in meinen Sprachgebrauch. Wenn ich der Woche ein Fazit zuschreiben müsste, wäre das wohl, dass Lügen im Alltag fast schon dazu gehören, wir sie aber nicht wirklich als solche klassifizieren.

Notlügen und kleine Unwahrheiten sind schon so selbstverständlich, weil wir entweder unangenehmen Situationen entkommen oder jemanden nicht kränken oder verletzten wollen. Auf Ironie zu verzichten, war für die Woche dann schon eher die Hauptherausforderung. Ein alter chinesischer Weiser sagte einmal zu mir auf meinen Reisen durch den Himalaya: “Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd.” Okay, ich war noch nie im Himalaya (geschweige denn habe ich einen chinesischen Weisen getroffen), klingt aber direkt besser, oder?

Lisa

Eine Woche nicht lügen – easy going. Genau das habe ich am Anfang gedacht. Ich lüge ja sowieso kaum. Es war aber alles andere als easy going, wie sich herausgestellt hat. Gleich am ersten Tag bin ich gescheitert. Gnadenlos. Ob es mir gut geht? Na klar, alles bestens. Dabei hatte ich mörderische Kopfschmerzen, und es ging mir alles andere als gut. Notlüge. Muss ja nicht jeder wissen. Als dann aber eine Freundin fragte, wie ich ihren neuen Katzenpullover finde, sprang mir über die Lippen: “Voll der hübsche Pulli.” Ups. Und auch der breiige Matsch bei Omas Abendessen war nicht so lecker, wie ich beteuerte. Als dann noch eine Freundin um 22:01 Uhr anrief und fragte, ob wir noch was trinken wollen, hab ich’s nicht übers Herz gebracht zu sagen, dass ich schon längst meinen Pyjama anhabe, mit einer Wärmflasche im Bett liege und keine Lust auf die Party habe.


Manchmal müssen Notlügen herhalten

Wir tun es alle ständig. Bis zu 200-mal am Tag. Und das sogar meist ganz unbewusst. Lügen wir unsere Mitmenschen also ständig an und machen uns allen etwas vor? Können wir überhaupt noch unseren Freunden trauen? Aber wenn wir mal ehrlich sind: Was hätte die Wahrheit bewirkt? Eine traurige Freundin oder Oma und besorgte Nachfragen nach dem Wohlbefinden. Manchmal müssen Notlügen einfach herhalten. Außerdem kommt es ja auch immer darauf an, warum ich lüge. Nur, damit es mir besser geht, um einen Freund zu schützen oder aus Höflichkeit? Wir lügen ja meist nicht aus Bosheit, sondern einfach, um unsere Freunde oder Familie nicht zu verletzen, sie nicht vor den Kopf zu stoßen und traurig zu stimmen.

Wir lügen zur Hälfte aus prosozialen Gründen – also um das gemeinsame Leben mit den Menschen um uns herum zu erleichtern. Trotzdem war es einen Versuch wert – auch wenn er schon an Tag eins offiziell gescheitert ist. Dass ich nie lüge, wie ich immer behauptet habe, nehme ich wohl lieber zurück. Das wäre ja sonst wieder eine Lüge.

Hier geht es zu den anderen Fastengeschichten:
Patricia isst nur Gemüse
Lydia trägt eine Woche lang ein und dasselbe Outfit