Wie sieht ein blinder Mensch unsere Stadt? Die Frage hat sich move36-Redakteurin Mariana gestellt und sich mit Lea Widmer, die stark sehbehindert ist, auf eine ungewöhnliche Stadtführung gewagt.

Wie sieht Fulda aus? Ein Dom, eine barocke Innenstadt, ein schöner Schlossgarten – uns würden viele Details einfallen, anhand derer wir Fulda beschreiben können. Für Lea Widmer sieht die Stadt vor allem bunt aus. Denn viel mehr als Licht und Farben kann die 34-Jährige nicht sehen. Seit der Geburt ist sie hochgradig sehbehindert, hat nur noch eine Restsehkraft von unter drei Prozent.

Lea ist in Karlsruhe aufgewachsen, hat in Heidelberg Musiktherapie studiert und ist für den Beruf vor ein paar Jahren nach Fulda gezogen. Hier engagiert sie sich im Behindertenbeirat der Stadt, in der Interessengemeinschaft barrierefreies Fulda, kurz IGbFD, und zeigt bei der Rolli-Challenge Plus Interessierten die Stadt durch ihre Augen. Ihr Hobby ist klettern. Wie das aussieht, kannst du dir hier ansehen. Außerdem spielt sie in einem Ensemble der Musikschule Marimba.

Für unsere Dezemberausgabe des move36-Magazins hat sie mich mitgenommen und zeigt mir ihr Fulda, die Stadt, die sich seit 2015 inklusivste Stadt Deutschlands nennt. „Fulda ist die Stadt mit den meisten inklusiven Angeboten, das stimmt“, sagt Lea. „Für mich wäre eine inklusive Stadt aber so strukturiert, dass sich Menschen mit Behinderung genauso frei wie alle anderen beispielsweise im Stadtschloss bewegen, die Musikschule besuchen, zu Konzerten gehen können. Und ich glaube, davon sind wir noch weit entfernt. Aber man
versucht, sich dem Ideal anzunähern.” Zumindest, betont auch die Stadt, versuche man, im Rahmen von Straßensanierungen Barrierefreiheit herzustellen.

Wir starten in der Löherstraße in Leas Lieblingskaffeerösterei. Hier braucht ihr niemand sagen, wo der Eingang ist, denn da liegt eine Gummifußmatte, die für sie nicht nur zum Füßeabputzen da ist. „An der erkenne ich, dass ich vor der richtigen Tür stehe”, lacht Lea. Die Fulda-Karte in ihrem Kopf besteht aus lauter solchen Elementen, die ich übersehen würde.

Auf unserer interaktiven Karte kannst du unseren Spaziergang durch Fulda nachvollziehen. Im Video zeigt Lea uns einige Stolperfallen in der inklusivsten Stadt Deutschlands. Die ganze Reportage liest du im move36-Magazin oder in der movecard-App. 

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Die Dezember-/Januarausgabe des move36-Magazins gibt es in den Geschäftsstellen der Fuldaer Zeitung, im Jahresabo und in der digitalen Ausgabe in der movecard-App.

Und wie sieht es auf dem Weihnachtsmarkt aus?

In der vergangenen Woche hat der Weihnachtsmarkt in Fulda eröffnet, und wir alle freuen uns sehr auf Glühwein und Süßes. Das geht Menschen mit Behinderung nicht anders. Aber sie werden jährlich vor besondere Herausforderungen gestellt, wenn sie den Weihnachtsmarkt besuchen wollen: Es herrscht viel Gedränge, es gibt viele Stolperfallen und zwischen den Hütten ist nicht viel Platz. Die Mitglieder des Behindertenbeirates der Stadt Fulda haben sich auf dem Weihnachtsmarkt umgeschaut und berichtet, wie barrierefrei das Fest in Fulda ist.

Die Ergebnisse sorgten während der Sitzung des Behindertenbeirates Anfang der Woche für große Verärgerung. „Nachdem die neue Satzung für den Weihnachtsmarkt erst im Jahr 2018 wirkt, wollten wir gern praktische Erfahrungen sammeln, welche Händler schon sensibilisiert sind und wo noch Nachholbedarf besteht“, sagt der Vorsitzende Hanns-Uwe Theele.

Beispielsweise halten einige Händler die so wichtige Leitlinie für Blinde frei, andere nehmen es nicht so genau mit der Sicherheit von blinden und sehbehinderten Menschen. So können Stützstangen für Dächer und Tische, die direkt auf der Leitlinie stehen, zu Stürzen und erheblichen Verletzungen führen. Auch die Zweige von Tannenbäumen, die in die Laufzone der Leitlinie ragen, sind sehr gefährlich. Wer so einen Zweig ins Gesicht bekommt, im schlimmsten Fall mit offenen Augen, kann sich böse verletzen. Positiv wurde aber auch registriert, das einige Händler einzelne Tische abgesenkt hatten und meist niederschwellige, breite und kontrastierte Kabelbrücken verwendet wurden.

Hier wurde nur eine negative Ausnahme festgestellt. Eine selbstgebaute, also nicht TÜV geprüfte, Kabelbrücke auf dem Winterwald, die teilweise nicht überfahren werden konnte und durch ihre Höhe und Form eine erhebliche Stolper- und Sturzgefahr darstellt. Auch der Weg quer über den Winterwald war nicht geräumt und stellt somit ein Hindernis und für die Schwächsten der Betroffenen eine erhebliche Gefahr dar. Dieser Weg muss dauerhaft in einer Breite von 1,60 Meter frei geräumt werden.

Für Blinde und Sehbehinderte ist der Mulch darüber hinaus kontraproduktiv, da man sich darauf kaum mit dem Blindenstock orientieren könne. Wer auf Gehhilfen, Rollatoren oder einen Rollstuhl angewiesen ist, könne sich den Besuch des Winterwaldes gleich sparen.

Alle Mängel wurden dem Magistrat umgehend und ausführlich mitgeteilt, und um sofortige Abhilfe gebeten. Hanns-Uwe Theele ergänzt: „Ich werde die Situation vor Ort genau im Blick haben und den Magistrat an seinen Taten messen, wie schnell und umfassend die gravierenden Mängel abgestellt werden. Menschen mit Behinderung müssen das Recht und die Möglichkeit haben, selbstbestimmt und gefahrlos teilhaben zu können. Dies gilt auch für den Weihnachtsmarkt.“ Die Unzufriedenheit der Betroffenen wurde in der Sitzung des Behindertenbeirates sehr deutlich ausgesprochen und die Kontrollfunktion und Sorgfaltspflicht des Ordnungsamtes bemängelt.

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QuelleFotos: Mariana Friedrich
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Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.