„Die Bühne ist das wahre Leben“ – Theaterwerkstatt inszeniert ein Stück im Stück

Zu ihrem 40. Geburtstag hat die Theaterwerkstatt der Wigbertschule Hünfeld das Stück „Wecken Sie Madame nicht auf!“ zweimal aufgeführt – und die Zuschauer mit ihrem Schauspiel vollkommen überzeugt.

Ein Text von Lisa Laibach 

„Legen Sie sich zurück, hier spricht Ihr Kapitän. Sie befinden sich auf einem Flug nach Paris und fliegen 30 Jahre zurück. Wer nicht drei Stunden auf sein Smartphone verzichten kann, geht bitte nach Hause“, spricht eine Stimme aus dem Hintergrund. Und schon befindet sich das Publikum im Paris der damaligen Zeit.

„Let’s Get Loud“ dröhnt aus den Lautsprechern des Kolpinghauses, einige Schauspieler tanzen wild auf der Bühne – eine scheinbar normale Disco-Szene. Doch der Zuschauer wird sofort aus der Szene gerissen, denn der Protagonist, Regisseur Julien Paluche (Paul Kohlmann), läuft durch die Sitzreihen, betritt die Bühne und schreit: „Musik aus!“.

Die Theaterwerkstatt der Wigbertschule präsentierte zu ihrem 40-jährigen Jubiläum ein Stück im Stück. Die Schüler spielen Schauspieler, die sich zu Proben treffen und sich auf ihre Aufführungen vorbereiten – und immer wieder aus ihren Rollen fallen. Sie spielen also Schauspieler, die dann wieder über das Gespielte reden und von dem Regisseur dafür kritisiert werden.

Zurück ins Paris vor 30 Jahren

Das Stück handelt von der Welt der Schauspielerei und davon, dass Regisseur und Theaterdirektor Julien am Theater ein Genie ist, im wahren Leben aber scheitert: Er sieht seine Kinder kaum, ist mit dem Leben außerhalb des Theaters nicht zufrieden, seine Ehe zerbricht und seine Mutter – selbst früher Schauspielerin – hat ihn als Kind wegen ihres Berufes ständig im Stich gelassen.

Die Schüler der Theaterwerkstatt haben ihre Rollen überaus überzeugend gespielt. Ihre Mimik und Gestik war eindrucksvoll, und sie haben große Emotionen gezeigt – wie Juliens Mutter (Theresa Bernhard), die an ihren Haaren über die Bühne gezogen wird, laut schreit, sich voll hingibt und in einer Szene zwischen überschwänglichem Begehren und großem Abstoßen mehrmals wechselt.

Paul Kohlmann zeigte das verworrene Leben und die manchmal komischen Ansichten Juliens und sorgte damit bei den Zuschauern des Öfteren für Lacher. Er zieht sich auf der Bühne aus, schreit laut und ist voll und ganz mit der Rolle des Julien verbunden.

Aber auch die Zerrissenheit des Protagonisten wird deutlich: Als seine Mutter stirbt, vertraut er sich einem engen Mitarbeiter an, betont aber: „Sag nichts den anderen, Tote gehören nicht ins Theater“ – nicht in die glitzernde und glamouröse Welt. Einer der Schauspieler sagt außerdem: „Das hier ist das wahre Leben. Vier Stunden am Tag spielen wir Mensch, aber wenn sich der Vorhang öffnet, dann beginnt das wahre Leben.“ Das zeigt erneut: Die meisten Figuren scheitern im wahren Leben, brillieren aber auf der Theaterbühne – allen voran Protagonist Julien Paluche.

Christine van Endert-Saillet, Gründerin der Theaterwerkstatt, ist extra zur Geburtstagsaufführung nach Hünfeld angereist. „Sie ist schuld daran, dass wir heute die älteste Theater-AG im Kreis Fulda sind“, sagte Schulleiter Markus Bente. Unter großem Applaus verbeugten sich alle – inklusive Endert-Saillet – ein letztes Mal vor den begeisterten Zuschauern.

Mehr zur Geschichte der Theaterwerkstatt liest du in unserem Portrait des AG-Leiters Arnold Pfeifer.

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QuelleFotos: Lisa Laibach
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