Der 9. November 1989, Tag des Mauerfalls. Um an dieses einschneidende Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern, gab’s wie jedes Jahr einen Schul-Projekttag an der Gedenkstätte Point Alpha. Schüler aus Osthessen und Südthüringen waren mit dabei – auch der Abiturjahrgang der Wigbertschule. Das berichteten Zeitzeugen über die deutsch-deutsche Teilung.

Ein Text der Wigbertschule

In verschiedenen Zeitzeugengesprächen wurden den etwa 100 Schülerinnen und Schülern Erlebnisse und Eindrücke aus der Zeit des geteilten Deutschlands aus verschiedenen Perspektiven geschildert und mit Erinnerungsstücken aus dieser Zeit veranschaulicht.

Zeitzeuge William Ebaugh berichtet

Einer dieser Zeitzeugen ist der heute 52-jährige William Ebaugh aus Kalifornien. Mit 19 Jahren kam er als Soldat an die deutsch-deutsche Grenze und verbrachte die folgenden drei Jahre abwechselnd auf dem Beobachtungsstützpunkt Point Alpha direkt an der Grenze und in der Black-Horse-Kaserne in Fulda.

In seinen Erzählungen betont er vor allem die ausgeprägten Unterschiede zwischen Ost und West. Sein Aufenthalt an der „Frontier of freedom“ sei ein tolles Gefühl gewesen, das Gefühl von Freiheit und Unendlichkeit. Doch der Gedanke, dass es auf der anderen Seite ganz anders zugehe, sei bedrückend gewesen. Dabei sei der Soldat von der Freundlichkeit der Deutschen zunehmend überrascht gewesen, sodass sich Freundschaften entwickelten, die bis heute andauern.

Die Zeit dort oben auf Point Alpha sei allerdings nur sehr langsam vergangen. Abgesehen von Beobachtung und Bewachung habe man viel Freizeit gehabt, die genutzt wurde, um mit den Kameraden Karten zu spielen. Der Kontakt zu deutschen Frauen aus der Umgebung sei dabei auch nicht zu kurz gekommen. So habe er seine erste Frau, ein „deutsches Fräulein“ kennengelernt, mit der er später eine Familie gegründet hat.

In der Freizeit habe William viel Spaß am „aufregenden Leben, in dem es immer noch Vieles zu entdecken gab“, gehabt. Vor allem das öffentliche Leben und die Volksfeste, wie das Fuldaer Schützenfest, hatten es ihm schon damals angetan. Die Menschen, aber vor allem die Sprache, seien zwar eine Herausforderung gewesen, jedoch eine Herausforderung, die seine Neugier weckte und sein Heimweh vertrieb.

Nachdem er etliche Jahre in den Fuldaer Gummiwerken gearbeitet hatte, ist er nun Frührentner und pflegt den Kontakt zu seinen früheren Kameraden. „Wir waren immer füreinander da und deshalb ist es schön, dass wir noch heute in Kontakt stehen.“

Heute bezeichnet er Deutschland als seine Heimat – auch wenn er keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Nach Amerika zurückzugehen sei für ihn nicht mehr in Frage gekommen.

Insgesamt habe ihm die Zeit auf dem Stützpunkt gut gefallen. William erinnert sich auch heute noch gerne zurück. „Wenn man jung ist, denkt man, man ist unsterblich“, gibt er mit einem Schmunzeln zu.

Wie Zeitzeugin Antje Reuter die DDR-Propaganda erlebte

Die Zeitzeugin Antje Reuter, die 1969 in Leipzig geboren wurde und ihre ersten Lebensjahre dort verbrachte, berichtete mit einer einzigartig fesselnden Präsenz von ihrer Kindheit und Jugend bis hin zur persönlich erlebten Grenzöffnung im Jahre 1989 aus der Sicht einer DDR-Bürgerin. Durch verschiedene Mitbringsel und Erinnerungsstücke von damals verdeutlichte sie den uneingeschränkten Zugriff des Staates auf das Leben seiner Bürger.

„Frei denken, aber nicht frei sprechen“, dies war laut Reuters Aussage die widersprüchliche Devise. Sie unterstreicht die Bedeutung von Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit durch ihre Erzählung, wie sie an einer Karriere als Leichtathletin aufgrund einer Verwandtschaft in der Bundesrepublik gehindert worden sei.

Mit Hilfe von historischen Ausgaben der Bild-Zeitung und des Spiegels veranschaulichte sie die DDR-Propaganda, die die Menschen beeinflussen und gar manipulieren sollte. Antje Reuters persönliches Schlüsselerlebnis sei die Aufforderung ihrer Klassenlehrerin gewesen, in die SED einzutreten. Mit den Worten „Jetzt reicht’s!“ habe sie sich nicht nur gegen ihre Lehrerin erhoben, sondern gegen die Ideologie des Sozialismus.

„Eine Mitläuferin, wie so mancher Mitschüler“ hätte sie nie sein wollen. Sie habe vielmehr durch ihre klaren Meinungsäußerungen ein Zeichen für ihre in der DDR aufgewachsen Generation gesetzt.

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