Das Ideal lädt zum 35. Mal zum Poetry-Slam-Abend ein. Wir begleiten Malvina Ewering aus Fulda, die als Newcomerin teilnimmt und zum zweiten Mal vor großem Publikum spricht.

Ein Text von Anna Rockel

Malvina steht neben der Bühne, noch sieht das Publikum sie nicht. Sie ist aufgeregt und hält ihr Textbuch fest in der Hand. Es gibt Halt. „Ein lauter Applaus bitte für Malvina!“ ruft Moderator Jean Ricon und springt von der Bühne. Jetzt geht es los. Malvina atmet tief durch, strafft die Schultern und betritt lächelnd die Bühne.

Das Ideal in Fulda veranstaltet regelmäßig Poetry-Slam-Abende, aber heute Abend gibt es keinen klassischen Slam, sondern eine Poetry-Show. Die Künstler treten nicht gegeneinander an, sondern stellen konkurrenzlos jeder zwei Texte. „Als ich hörte, dass jeder Poet zwei Texte vortragen soll, war ich erstmal total erschrocken. Ich habe nämlich den zweiten Text gar nicht dabei gehabt und musste ihn schnell aus meiner Erinnerung aufschreiben, während die anderen Künstler auf der Bühne standen.“

Der zweite große Auftritt

Malvina war erst zweimal bei solchen Veranstaltungen. Das erste Mal war die Fünfzehnjährige nur Besucher, das zweite Mal ist sie schon aufgetreten und hat den vierten Platz belegt. Heute Abend ist also ihr zweiter großer Auftritt vor Publikum. „Ich bin echt nervös, aber nicht so sehr wie beim ersten Auftritt. Damals musste ich ruhig sprechen, wegen des traurigen Textes, den ich ausgesucht hatte. Und das ist gar nicht so einfach mit zitternder Stimme“, erinnert sich die Fuldaerin. „Am Anfang habe ich einfach nur die Wand hinter dem Publikum angestarrt. Als ich dann aber ruhiger wurde, habe ich auch Blickkontakt mit den Zuhörern aufgenommen.“ Und alles lief super. Nach dem Auftritt gab es viel Lob von anderen Künstlern. Ob das heute wieder so ist?

Malvina war schon immer sehr kreativ und hatte Freude am Schreiben. Sie ist ein großer Fan von Goethe und seinen Werken. Mit ihren 15 Jahren hat sie bereits eigene Lieder verfasst und ganze Bücher geschrieben. Irgendwann hat sie die berühmte Poetin Julia Engelmann im Internet entdeckt und gelang so zum Poetry Slam.

„Den Text, den ich heute vorlese, habe ich übrigens erst heute geschrieben.“

„Mich inspirieren Menschen und ganz alltägliche Situationen. Manchmal habe ich mitten in einem Gespräch eine neue Idee, die ich mir sofort notiere. Oft schreibe ich auch über Dinge, dich mich nerven. Wenn ich eine gute Idee habe, dauert es nur fünf bis zehn Minuten, um einen Text zu schreiben. Den Text, den ich heute vorlese, habe ich übrigens erst heute geschrieben.“ Malvina sammelt all ihre Texte in einem Buch, aus welchem sie auch heute vorträgt. Viele Textstellen kann sie aber auch auswendig. „Das ist wichtig bei einer ironischen Textstelle, denn dann muss man auch passend mit dem Publikum agieren können. Das ist schwierig, wenn man den Text nicht auswendig kann.“

Poetry Slam Ideal

Als wir Malvina nach Vorbildern fragen, sagt sie ganz klar: „Vorbilder kenn ich nicht.“ Sie macht ihr Ding und orientiert sich dabei an niemanden. Bevor die Show losgeht und Malvina zu den anderen Poeten gehen muss, erzählt sie, dass es ihr in keinster Weise ums Gewinnen geht, sondern vielmehr darum, ihre Texte vorzustellen und einen gedanklichen Austausch mit den anderen Künstlern zu haben.

Malvinas Mutter sitzt heute auch im Publikum: „Ich bin total begeistert und stolz auf meine Tochter. Malvina zeigt mir immer ihre Texte und hört sich meine Kritik an. Ich bin dann auch ehrlich und sage ihr, wenn ich etwas für verbesserungsfähig halte.“

Tipps für die Newcomerin

Der Moderator Jean Ricon ist selbst Poetry Slammer und hat für Newcomer immer gute Tipps parat: „Das Wichtigste ist, dass du ehrlich zu dir selber bist. Du solltest dich auf keinen Fall verstellen und krampfhaft versuchen genial zu sein. Sei einfach du selbst, sei Mensch! Dann entsteht auch eine Verbindung zum Publikum.“ Wie es ist, das Gefühl auf der Bühne erst kennenzulernen, das können die sechs anderen Poeten, die heute mit Malvina auf der Bühne stehen, gut nachempfinden. Sie nehmen die einzige Fuldaerin in der Runde – sie kommen aus Berlin, Marburg, Essen,  Bad Homburg und Oberursel – sofort offen auf.

Wenn sie gerade nicht dran ist, lauscht Malvina den anderen Slamern gespannt. Die Themen der Texte sehr unterschiedlich. Traurig und bewegend ist ein Text von Kaddy Pechout, in welchem sie beschreibt, wie die Gefühle der Angehörigen sind, die einem geliebten Menschen beim Sterben zusehen müssen und ihn auf dem letzten Weg begleiten. Juston Buße erzählt von Depressionen und Tiefpunkten des eigenen Lebens und berührt damit das Publikum. Amüsant, frech und trotzdem tiefgründig ist der Text  von Jakob Kielgaß über die richtige Damenunterwäsche und auch Julia Szymik bringt das Publikum zum Lachen, als sie darüber spricht was sie auf die Frage „Was denkst du gerade?“ ehrlich antworten würde. Kerstin Hermann schreibt einen herzerwärmenden Brief an ihre beste Freundin, und Zwergriese rechnet mit Gott ab.

Ein gelungener Abend

Malvinas erster Text ist polit-kritisch und kommt beim Publikum sehr gut an. Während sie auf der Bühne steht, scheint ihre Nervosität wie weggeblasen. Sie sieht das Publikum direkt an und zeigt sehr deutlich ihre Emotionen. In der zweiten Runde trägt Malvina einen Text vor, der von der engen Beziehung zu ihrem Vater handelt. „Zwischen uns hast du eine Spur gelegt, die mir in größter Einsamkeit hilft, wieder zu dir zu kommen.“ Der sehr persönliche Text wird mit viel Applaus belohnt. „Ich war die ganze Zeit super aufgeregt!“, sagt Malvina nach dem Auftritt. „Aber an sich hat der Abend wirklich sehr viel Spaß gemacht!“

Alle Bilder des Abends findest du in unserer Bildergalerie.

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QuelleFotos: Mariana Friedrich
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Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.