Wer hat es sich nicht schon immer mal gewünscht, einmal durch Wände schauen zu können? Einmal sehen, was die Nachbarn treiben, wie fremde Wohnungen aussehen und wie andere Menschen so leben. Die Zwölftklässler der Lohelandschule bieten diesen Einblick mit ihrem neuen Theaterstück „Bin nebenan“.

Ein Text von Daniel Frevel

Diesem Traum kommt man beim aktuellen Klassenspiel der Waldorfschule Loheland etwas näher. In ihrem Stück „Bin Nebenan“ erhält der Zuschauer nämlich einen Einblick in 12 Wohnungen und eben auch in 12 Leben der Charaktere. Da ist die gescheiterte Kunststudentin, die mit Psychosen und der Stimme ihrer toten Mutter zu kämpfen hat. Und der erfolgreiche Bänker. Und der minderbemittelte Putenschlachter. „Die Autorin Ingrid Lausund hat es in diesem Stück geschafft, durch die verschiedenen Einblicke, Komik und Tragik wunderbar zu verknüpfen und das mit einem unglaubliche Tiefgang“, erklärt Theaterleiter und Regisseur Hans-Otto Fentrop.

Neben wirklich lustigen Passagen merkt der Zuschauer nämlich schnell selbst, dass gewisse Aspekte der dargestellten Charaktere auch auf ihn selbst zutreffen. Da bekommt man dann plötzlich von einem sehr durchschnittlichen Kunden bei IKEA den Spiegel vorgehalten, indem er erzählt, dass alles um ihn herum durch Datenanalysen schon genau weiß, was er mag und was nicht, und sein Leben so schon vorbestimmt ist. Eine Filterblase im Alltag, sozusagen.

Ein ungewöhnlicher Einblick

Jede Szene ist an sich ein Monolog, den die Schüler jedoch theatralisch aufbereitet haben. So stehen meist mehrere agierende Personen auf der Bühne und hauchen der Szene Leben ein. „Ich finde es ein wenig schade, dass nicht mehr Interaktion zwischen den Schauspielern stattfindet“, meint Verena Waider, die Aische, eine türkische Reinigungskraft verkörpert. „Es sind eben immer noch Monologe. Für den Zuschauer ist aber genau das vermutlich sehr spannend.“

Das Klassenspiel ist eine feste Institution in Waldorfschulen. Einmal in der achten und noch einmal in der zwölften Klasse, wagt sich jeder Waldorfschüler auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Während es in der achten Klasse um erste Schauspielerfahrungen, Selbstvertrauen und ein eigenes Theatererlebnis geht, müssen die Zwölftklässler weitaus selbstständiger und komplexer arbeiten. „Wir haben das Stück immer wieder von vorne bis hinten durchgearbeitet, was eine ungewöhnliche Technik ist, in unserem Fall aber geholfen hat“, erzählt Josephina Engel. „So habe ich einen sehr lebendigen Eindruck des Stücks und dessen Spannungsbogens erhalten“ . Für diese Erfahrung müssen drei Wochen regulärer Unterricht ausfallen, was aber keiner der Beteiligten schlimm findet: „Natürlich müssen wir den Stoff aufholen, aber diese drei Wochen sind ein echter Motivationsschub dafür.“ findet Engel.

Wer also Lust auf einen komischen, tragischen und reflektierten Theaterabend hat, sollte sich „Bin nebenan“ nicht entgehen lassen

Aufführungen: 16., 17. und 18. März jeweils 20 Uhr
Franziskusbau Loheland
Eintritt frei, Spenden erbeten