Man wird bespuckt, beleidigt, angegriffen. „Bullenschweine“, „Nazis“, „Ohne Uniform und Knüppel seid ihr nichts“. Dazu kommt der enorme psychische Druck und die körperliche Belastung. Trotzdem sagen viele Jugendliche ganz bewusst: Ja, ich will zur Polizei! 

3. April 2017. Ein 22-Jähriger Mann aus Großenlüder stirbt auf der B 254 bei Bimbach. Mit seinem Golf fährt er in den Gegenverkehr, rast frontal in einen LKW. Jede Hilfe kommt zu spät. Ein Polizist muss immer damit rechnen, jeden Moment zu einem – im schlimmsten Fall – tödlichen Unfall gerufen zu werden. „Dass hier ein Mensch schwerverletzt wurde oder ums Leben gekommen ist, kann man nicht einfach ausblenden, darf aber auch seine Arbeit nicht aus dem Blick verlieren“, erklärt Janosch Christoph. Der 25-Jährige stammt aus dem Vogelsbergkreis. Nach seinem Studium zum Polizeikommissar – das ist Vorraussetzung, um in Hessen überhaupt Polizist zu werden – landete Janosch bei der Bereitschaftspolizei in Lich bei Gießen. Danach war er in Alsfeld im Einsatz.

Ein Job wie der eines Detektivs aus einem Krimi

In Alsfeld arbeitet Janosch oft verdeckt. Er ist in zivil unterwegs, observiert Verdächtige. Wie ein Detektiv aus einem Krimi sitzt er in Cafés, läuft durch die Fußgängerzone, beob- achtet Zielpersonen und Gebäude. „Liegt ein Durchsuchungsbeschluss vor, bringe ich zum Beispiel in Erfahrung, wer dort alles lebt, ob es Hunde im Haus gibt.“ Leicht sei ihm das anfangs nicht gefallen. In seiner Uniform strahlt er Respekt aus. Er ist es gewohnt, gesehen zu werden. Doch in zivil darf er nicht auffallen, muss quasi unsichtbar sein. „Das ist jeden Tag wieder eine Herausforderung.“ Die meiste Zeit geht er Hinweisen aus der Bevölkerung oder aus anderen Verfahren nach. Nur so kann er Straftaten aufklären. Oft geht es um illegale Drogen.

Ein Kindheitstraum, der wahr wurde

Janosch wollte schon immer zur Polizei. Es war sein Kindheitstraum. Mit 13 Jahren zeigte ihm ein Bekannter bei der Frankfurter Mordkommission das Präsidium. „Ich war unheimlich beeindruckt“, schwärmt er von diesem Erlebnis. Damals wusste er noch nicht, was auf ihn zukommt. Heute berichtet er ganz nüchtern von Einsätzen während Demos oder in Fußballstadien, fast so, als sei das alles nichts Besonderes. Janosch sitzt aufrecht, redet ruhig und überlegt. Er erinnert sich an die Kundgebung zum 1. Mai 2016 in Berlin, seine erste Demonstration: „Ganze 17 Stunden war ich an diesem Tag auf den Beinen. Die Stimmung war aufgeheizt, richtete sich gegen uns und gegen die rechten Demonstranten.“

„Bullenschweine, ohne Knüppel und Uniform seid ihr nichts“

Der junge Polizist sah sich mit Vorurteilen konfrontiert. „Ihr seid doch alle rechts. Warum beschützt ihr die falsche Seite?“ Für Janosch und seine Kollegen ist klar, dass die Polizei unparteiisch ist: „Die Vorwürfe sind alle an den Haaren herbeigezogen und völlig abwegig.“ Sie prallen an ihm ab, genauso wie die Beleidigungen. „Bullenschweine, ohne Knüppel und Uniform seid ihr nichts; ACAB (All cops are bastards).“ Trotz der scheinbar brenzligen Lage: Ausschreitungen gab es keine.

Polizeigewalt in Stuttgart

Doch nicht immer bleibt es friedlich. Ein krasses Beispiel ist der brutale Polizeieinsatz am 30. September 2010 in Stuttgart. Bürger protestierten gegen den neuen unterirdischen Bahnhof. Die Beamten setzten Wasserwerfer ein, verletzten Demonstranten. Ein älterer Mann wurde blind, sein Bild ging um die Welt. In Stuttgart ist dieser Tag seither als „Schwarzer Donnerstag“ bekannt. Solche Ereignisse brennen sich ins Gedächtnis, sorgen für ein negatives Image der Polizei. Die Beamten stehen unter Druck, sowohl psychisch als auch körperlich. „Unsere Ausrüstung bei der Bereitschaftspolizei wiegt 15 Kilo. Bei 25, 30 Grad Celsius in voller Montur im Einsatz zu sein, ist deshalb verdammt hart“, macht Janosch klar.

Neben einem dicken feuerfesten Overall trägt der Bereitschafspolizist eine Schutzweste und die Körperschutzausstattung. Das verlangt einem viel ab. Dennoch muss er in jeder Situation professionell arbeiten, darf die Fassung nicht verlieren. In der Theorie ist das überhaupt kein Thema. Psychologie ist Teil seines Studiums. „Ich muss mich in mein Gegenüber hineinversetzen, transparent machen, was ich tue und warum.“ Man kann natürlich auch arrogant und von oben herab auftreten, klar. „Doch dann eskaliert die Situation. Gewalt ist die Folge.“ Dann wird es auch für die Polizisten gefährlich. Der Fall vom 24. Dezember 2015 in Herborn zeigt das auf tragische Weise. Der 28-jährige Patrick S. wird am Herborner Bahnhof beim Schwarzfahren erwischt. Einen von zwei alarmierten Polizisten bringt er darauf in mit einem Messer um.

Grund für Eskalationen sei auch die zunehmende Verrohung der Gesellschaft, gibt eine 38-jährige Polizistin, die anonym bleiben möchte, zu bedenken. Seit 1996 arbeitet sie bei der Polizei, bis 2001 in Hessen, davon zwei Jahre in Alsfeld, seitdem in Nordrhein-Westfalen. „Über die Jahre hinweg ist das Gewaltpotenzial der Menschen gestiegen. Es wird einem immer weniger Respekt entgegengebracht. Wenn dich ein Zehnjähriger anspuckt, fragst du dich im ersten Moment, ob du das gerade geträumt hast.“ Unterschiede zwischen Hessen und NRW sieht sie keine.

Der faule Polizist

Oft wird Polizisten, wie vielen anderen Beamten auch, vorgeworfen, faul zu sein. Janosch widerlegt das mit Blick auf sein Stundenkonto: „Ich arbeite 42 Stunden die Woche. Es gab Zeiten, da hatte ich mehr als 100 Überstunden.“ Eine kleine Anfrage der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag an Innenminister Peter Beuth Ende 2016 ergab: Im Landkreis Fulda hat die Polizei bis zum 31. August 2016 rund 37 500 Überstunden angehäuft – 184 pro Polizisten. In den Ländern fehlten laut der Gewerkschaft der Polizei 2016 rund 9000 Polizisten.

Janosch relativiert: „Die Personalausstattung ist nicht optimal, aber ich finde, wir sind auf einem guten Weg.“ Bei all den Schattenseiten hat der Beruf auch Positives. Der 25-Jährige schätzt den Umgang mit anderen, freut sich jedes Mal, wenn er Menschen helfen kann. Das bestätigt ihn in seiner Entscheidung, Polizist geworden zu sein. „Selbst der kleinste Wildunfall ist für viele eine Katastrophe – für mich Alltag. Manche Leute weinen, sind aufgewühlt. Die tröste und beruhige ich.“ In solchen Situationen wird Janosch klar: „Das, was ich mache, hat einen Sinn und ist wichtig. Da stehe ich voll dahinter.“

Sofia Nowak, 21-jährige Polizeikommissar-Anwärterin aus Fulda

Sofia Nowak, 21-jährige Polizeikommissar-Anwärterin aus Fulda, schätzt vor allem die Vielfältigkeit des Berufs. „Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man morgens zum Dienst erscheint.“ Jeder Tag sei anders und überraschend. Dazu kämen die vielen Möglichkeiten, sich zu spezialisieren. Man kann Taucher, Hundeführer, Hubschrauberpilot, Polizeireiter werden, bei der Bereitschaftspolizei oder der Kripo arbeiten. In welchem Bereich sie arbeiten möchte? Diese Frage stelle sie sich noch nicht. Noch studiert sie an der Polizeiakademie Hessen im fünften Semester. Im Frühjahr 2018 wird sie fertig und anschließend für drei Jahre im Rhein-Main-Gebiet arbeiten. Was danach kommt, weiß sie noch nicht. „Erst mal will ich mich auf mein Studium konzentrieren.“

Was du als Polizist verdienst

Mit dem Bachelor in der Tasche hat Sofia einen sicheren Arbeitsplatz – auch ein Grund, warum sie zur Polizei wollte. Als Beamtin auf Lebenszeit wird sie nicht arbeitslos, braucht sich keine Gedanken über die Jobsuche zu machen. Mit 2351,71 Euro Brutto Einstiegsgehalt nach dem Studium ist sie auch alles andere als schlecht bezahlt. Dazu kommen 30 Tage Urlaub im Jahr. Klar, in der freien Wirtschaft verdient man oft mehr. Attraktiv wird der Beruf aber auch durch die vielen Aufstiegsmöglichkeiten. Im gehobenen Dienst kann man sich bis zum Ersten Polizeihauptkommissar hocharbeiten. Hier wird man nach Besoldungsgruppe A13 bezahlt. Einstiegsgehalt: 3647,64 Euro. Wer dann noch einen Master an den Bachelor hängt, kann es bis zum Leitenden Polizeidirektor mit einem Endgehalt von 6514,96 Euro bringen. Dafür muss man derzeit aber einen guten Bachelorabschluss machen und einen Eignungstest bestehen.

Der Job bietet finanzielle Sicherheit. Dafür wird den Beamten aber einiges abverlangt. Janosch und Sofia sind sich sicher: „Ich würde jederzeit wieder zur Polizei gehen.“

Dieser Text erschien zuerst in Ausgabe 62 von move36 Ende Juni 2017.

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