In der kurzen Liobastraße laufen derzeit zwei der größten Bauprojekte in der Stadt: Im unteren Teil errichtet das Siedlungswerk 42 Wohnungen. Im oberen Abschnitt plant das Kolpingwerk ein deutschlandweit einmaliges Projekt: ein Campus – exklusiv für Azubis aus der Region. 

Ein Text von Sebastian Kircher

„Viele Betriebe in der Region haben ein großes Problem: Sie finden nicht genug Auszubildende. Auf einen Schulabgänger kommen zwei freie Ausbildungsstellen“, sagt Steffen Kempa, Geschäftsführer des Kolpingwerks, Diözesanverband Fulda. Landkreis, IHK, Kreishandwerkerschaft und Kolpingwerk wollen das Problem anpacken.

„Ein Faktor, der viele junge Leute an die Hochschulen lockt, ist der studentische Lebensstil: Partys, Treffen mit Gleichaltrigen, Austausch mit Gleichgesinnten. Das wirkt oft attraktiver als eine Azubi-Arbeitswoche mit verhältnismäßig geringem Gehalt“, so Kempa. Die Vision, die das Kolpingwerk hat: einen Ort zu schaffen, der die Ausbildung cool macht. Damit war „pings“, der „Azubi-Kampus“, geboren.

Pädagogen zur Unterstützung

Auf dem Areal, das auch die drei Gebäude an der Leipziger Straße einschließt, sollen künftig 150 Azubis wohnen. In der Mitte der Wohngebäude wird es eine Freifläche geben – ähnlich wie ein Hochschul-Campus. „Unser Projekt soll weit mehr bieten als nur ein Dach über dem Kopf“, sagt Steffen Kempa. Die Lehrlinge sollen in der Liobastraße wohnen, Party machen, Sport treiben, sich mit Freunden treffen – und natürlich auch lernen für ihre Arbeit.

Ein zweiter Faktor, der das Projekt einzigartig macht: Auf dem „Kampus“ werden bis zu 30 Sozialpädagogen des Kolpingswerks den Azubis zur Seite stehen. „Die Ausbildung beginnt bei manchen mit 15, 16 Jahren. Da leben die Jugendlichen das erste Mal fern vom Hotel Mama und wissen oft nicht, wie man wäscht oder kocht“, führt Kempa aus. Die Betreuer sollen darüber hinaus praktische Tipps geben, etwa zu Altersvorsorge, Steuererklärung oder Versicherungen. Kempa will dort ein junges Team zusammenstellen, „damit die Pädagogen nah an der Lebensrealität der Jugendlichen sind“.

Nicht auf Profit aus

Die Jobeinsteiger sollen sich hier wohlfühlen. „Die Räume werden modern eingerichtet, jeder Gemeinschaftsraum hat ein eigenes Thema“, erklärt der Geschäftsführer. Bezahlbarer Wohnraum für Lehrlinge fehle im Raum Fulda. Die weiten Wege vom Dorf zur Arbeitsstelle seien ein häufiger Grund für den Abbruch der Ausbildung. Dies gebe es mit „pings“ nicht: „Wir sind hier mitten in der Stadt, der Schlossgarten ist direkt nebenan und der Bahnhof nur zehn Minten entfernt.“ Für die Einzelapartments – zwischen 20 und 23 Quadratmeter groß – sollen nicht mehr als 200 Euro anfallen. Der Rest wird durch die Berufsausbildungsbeihilfe vom Arbeitsamt oder dem Arbeitgeber getragen.

„Bei der Ausbildungslage in der Region Fulda müssen Unternehmen potenziellen Lehrlingen etwas bieten. Mit dem ‚Kampus‘ haben sie ein starkes Argument“, erklärt Kempa. Zudem will das Kolpingwerk Konferenzräume in den Gebäuden vermieten, um die Zimmer zu finanzieren. „Als katholischer Sozialverband sind wir nicht auf  Gewinnmaximierung aus. Wir kommen da mit plus minus null raus – denn Jugendwohnen gehört zu den ureigensten Aufgaben des Kolpingswerks“, sagt der Geschäftsführer. Der „Kampus“ werde dann übrigens für jeden Auszubildenden der Region offen sein – nicht nur für die, die dort wohnen.

Ein Vorzeige-Projekt

Der Landkreis hat das Gelände für 25 Jahre an Kolping vermietet und investiert für den Um- und Neubau 8,9 Millionen Euro. Hinzu kommen Kosten für die Umgestaltung der drei Häuser an der Leipziger Straße. Dort  befinden sich zur Zeit noch Einrichtungen des Kreises, etwa die Jugendgerichtshilfe und die Adoptionsvermittlungsstelle. Hier soll einmal die Kolping-Verwaltung einziehen, die dafür den Standort in Kohlhaus aufgeben wird.

Was bereits feststeht: Zum Ausbildungsjahr 2018 sollen die ersten 75 Azubis einziehen, im Sommer 2019 soll alles fertig sein. „Das Projekt ist einzigartig. Kolpingwerke aus ganz Deutschland werden gespannt nach Fulda schauen“, ist Steffen Kempa überzeugt, der den „Kampus“ eine Win-Win-Situation nennt: „Wenn die Azubis zufrieden sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Ausbildung abbrechen. Und Eltern können beruhigt sein, dass ihre Kinder in einem sicheren Umfeld wohnen.“

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