Stadt vergibt ein Promotionsstipendium zur Aufarbeitung der NS-Zeit in Fulda

Dr. Franz Danzebrink

Die Dr. Danzebrink-Straße kennen die meisten Fuldaer, nicht zuletzt seit den Diskussionen vor zwei Jahren, ob die Straße weiter den Namen des Oberbürgermeisters tragen soll, der Fulda während der NS-Zeit vorstand. Um die Arbeit der Stadtverwaltung und eben auch von Dr. Franz Danzebrink während dieser Zeit aufzuarbeiten, hat der Magistrat nun ein Promotionsstipendium vergeben. 

Stipendiat ist Alexander Cramer, der als Student der Geschichte und Politikwissenschaft in Marburg Schüler von Prof. Eckard Conze ist. Prof Conze ist einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Funktion als Sprecher der vom Bundesaußenministerium eingesetzten Historikerkommission bekannt geworden, welche die NS-Vergangenheit des Ministeriums untersucht hat. Prof. Conze betreut überdies zur Zeit die Studie eines Schülers über die Tätigkeit des Tübinger Oberbürgermeisters Gmelin in der NS-Zeit und ist daher auch mit Blick auf die kommunale Dimension bestens in das Thema eingearbeitet. Prof. Conze hat sich bereiterklärt, eine Fuldaer Studie wissenschaftlich zu begleiten.

Auch der Stipendiat Cramer selbst verfügt bereits über Expertise in der Materie: Im Auftrag der Stadt Marburg fertigte er 2014/2015 zusammen mit einer Koautorin eine Studie zur Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus in Marburg für den Zeitraum von 1929-1949. Das Promotionsstipendium ist zunächst auf zwei Jahre befristetet und ist mit 1200 Euro monatlich + 100 Euro Kostenpauschale für Archivreisen etc. dotiert. Es kann auf drei Jahre verlängert werden.

Archivarbeit in Berlin, Wiesbaden und Marburg

Forschungsschwerpunkt ist nicht nur die Person Danzebrink in den Jahren 1930 bis 1945, sondern das gesamte Verwaltungshandeln der Stadt Fulda in dieser Zeit. Dazu sollen alle noch verfügbaren Akten und Dokumente aus der Stadtverwaltung sowie aus einschlägigen Archiven in Berlin, Wiesbaden und Marburg herangezogen werden. „Es ist durch Zeugenaussagen bekannt, dass viele belastende Dokumente unmittelbar vor dem Einmarsch der Amerikaner vernichtet wurden“, betont Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, „jedoch ist gut möglich, dass sich beispielsweise in Personalakten, Unterlagen der Bauaufsicht oder in Einsatzbüchern der Feuerwehr wertvolle Hinweise enthalten haben, die eine Einschätzung des Verwaltungshandels insgesamt und des damaligen Oberbürgermeisters im Besonderen ermöglichen.“

Der Leiter des städtischen Kulturamts und des Stadtarchivs, Dr. Thomas Heiler, spricht mit Blick auf das Vorhaben von einer „anspruchsvollen Arbeit“, da es bei einer solchen Promotionsarbeit ja auch darum gehe, den Einzelfall in einen größeren historischen Zusammenhang zu stellen und auch möglicherweise vergleichbare Fälle von (Ober-)Bürgermeistern zu beleuchten, die in der Weimarer Zeit gewählt wurden und während der gesamten NS-Zeit im Amt blieben. Ein solch umfassender Ansatz und eine entsprechende Quellenauswertung sei der im ersten Schritt vom Magistrat eingesetzten ehrenamtlichen Historikerkommission nicht möglich gewesen, so Dr. Heiler. Trotz der umfassenden Aufgabenstellung rechnet die Stadt damit, dass nach zwei Jahren bereits erste substanzielle Ergebnisse der im Rahmen des Stipendiums vergebenen Forschungsarbeit vorliegen werden.

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