Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden: Künftig muss neben männlich und weiblich ein dritter Geschlechtseintrag im Geburtenregister möglich sein. Alternativ könnte der Gesetzgeber ganz auf einen Geschlechtseintrag verzichten. Bis Ende 2018 muss der Gesetzgeber die Neuregelung umsetzen.

Ein Text von Mariana Friedrich mit Material von dpa

Wer bist du? Die Frage können die meisten von uns schnell beantworten. Ich bin eine Frau oder ein Mann, so und so alt, komme da und da her, mache das und das beruflich, habe die und die Hobbys. Das Spiegelbild da, ja, das bin ich. Dass das nicht für jeden so einfach ist, zeigen drei junge Leute in der Titelgeschichte unserer aktuellen move36-Ausgabe. Sie erzählen uns davon, wie es ist, trans* zu sein. Trans* steht für transsexuell, transgender, transidentitär – Begriffe, die meinen, dass sich eine Person nicht mit dem Geschlecht, mit dem sie geboren wurde, identifiziert. Als Frau geborene, die sich als Mann identifizieren, als Mann geborene, die sich weiblich identifizieren.

Und dann gibt es auch Menschen, die sich in keiner der beiden Geschlechtsangaben wiederfinden. Als intersexuell oder divers bezeichnen sie sich oft selbst. Doch in offiziellen Dokumenten mussten sie bisher eine Zuordnung wählen. Bis jetzt.

Persönlichkeitsrecht muss geachtet werden

Denn am Mittwoch entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dass es gegen das Grundgesetz verstößt, ja, dass es diskriminierend ist, dass Personen, die sich dauerhaft weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen, sich für eine der Zuordnungen entscheiden müssen.

Anlass für die Entscheidung war die Klage der als Frau geführten Intersexuellen Vanja. Vanja die forderte, als inter/divers im Geburtenregister geführt zu werden. Vanja verfügt über einen atypischen Chromosomensatz und ist daher zwischen den Geschlechtern geboren. Nach Schätzungen gibt es rund 80 000 intersexuelle Menschen in Deutschland. Seit 2013 besteht die gesetzliche Möglichkeit, die Eintragung im Geburtenregister offen zu lassen, wenn das Geschlecht eines Neugeborenen nicht eindeutig ist.

Der Deutsche Ethikrat hatte empfohlen, neben männlich und weiblich die Geschlechtseintragung „anderes“ zuzulassen. Zu der jetzt entschiedenen Verfassungsbeschwerde hatten nach Angaben des Gerichts unter anderem die Bundesärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, die Kirchen, die Bundesvereinigung Trans* und die Landesregierung des Freistaats Thüringen Stellung genommen. Sie sprachen sich überwiegend für eine dritte Eintragungsmöglichkeit aus.

Die Verfassungsrichter sehen in der bestehenden Regelung Verstöße gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Artikel 2 in Verbindung mit Artikel 1 des Grundgesetzes) und gegen das Verbot der Benachteiligung wegen des Geschlechts (Artikel 3 des Grundgesetzes).

Ansprechpartner

Die Deutsche Gesellschaft Transidentität und Intersexualität e. V. hilft bei Fragen gern weiter, vermittelt Kontakt zur nächsten Beratungsstelle und unterstützt Betroffene auf dem Weg der Geschlechtsangleichung.

Der Trans-Ident e.V. versammelt Selbsthilfegruppen zum Thema Transsexualität vorwiegend im Süden Deutschlands unter seinem Dach. Die Frankfurter Gruppe findest du hier.

Wenn du selbst eine Gruppe in Fulda gründen möchtest, helfen die Bundesgeschäftsstelle des Trans-Ident e.V. und das Selbsthilfebüro Osthessen in Fulda gern weiter.

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QuelleFoto: Steffen Peters/dpa
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Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.