„Das Opfer lief weinend auf die Menschen zu und flehte verzweifelt um Hilfe … keiner blieb stehen!“ – Das ist keine Szene aus einem schlechten Film, das ist in Fulda passiert. Auf dem Bahnhof. Ein junger Mann wird von zwei anderen attackiert. Jenny hat es beobachtet, die Polizei gerufen und ist schockiert über die fehlende Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen.

Es ist Freitag, 15. November 2014. Tugce Albayrak geht dazwischen, als in einem McDonald’s in Offenbach zwei Teenager angegriffen werden. Der Streit mit dem Angreifer endet in Handgreiflichkeiten, bei denen Tugce so schwer verletzt wird, dass sie wenig später stirbt. Die junge Frau wird für viele zum Symbol der Zivilcourage, landauf landab solidarisieren sich Menschen mit ihr, weil sie anderen selbstlos geholfen hat. Der Täter stand vor Gericht, wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und soll nun nach Serbien abgeschoben werden.

Doch auch mehr als zwei Jahre später ist Zivilcourage und Hilfsbereitschaft nicht für alle Menschen selbstverständlich. Aufgebracht postete eine junge Fuldaerin am Sonntag in die Facebookgruppe „Fulda – Meine Stadt“, was sie gerade am Bahnhof erlebt hat.

Jenny ist 25 und kommt aus Fulda. „Der Mann hat jeden Vorbeilaufenden um Hilfe gebeten, gesagt, dass er überfallen wurde und auf seinen Kopf gezeigt, wo man deutlich die Verletzung sah“, sagt sie. Die gerufenen Rettungskräfte hätten ihn versorgt, die flüchtigen Täter seien gestellt worden. Das Opfer kam mit einer Gehirnerschütterung davon, aber der schlechte Nachgeschmack dieses Erlebnisses bleibt. „Letztendlich ist es einfach nur traurig, wie ignorant und emotional abgestumpft der Mensch heutzutage ist… In Grund und Boden sollte man sich schämen!“, schreibt Jenny.

Ein Jahr Gefängnisstrafe

„Die Form der Hilfsbereitschaft ist hier noch besser als in den meisten Ballungsgebieten“, sagt Martin Schäfer, Sprecher der Polizeidirektion Fulda. Doch das Aber folgt auf dem Fuß: „Aber auch hier spüren wir, dass die Bereitschaft zu helfen, sinkt. Das kann aus Angst sein, der Situation nicht gewachsen zu sein oder sich selbst in Gefahr zu bringen. Oft ist es aber auch leider Gleichgültigkeit. Und das ist ein Zeitgeist, vor dem auch unsere Region nicht verschont bleibt.“

Dabei ist Hilfsbereitschaft nicht einfach nur ein feiner Zug, Hilfsbereitschaft ist eine Pflicht, die sogar gesetzlich vorgeschrieben ist. §323c Strafgesetzbuch stellt unterlassene Hilfeleistung unter Strafe. Bis zu einem Jahr Gefängnis drohen. „Dabei steht natürlich die eigene Sicherheit im Vordergrund, niemand muss sich in Gefahr bringen. Aber es ist durchaus zumutbar, kurz anzuhalten und Hilfe zu rufen“, sagt Martin Schäfer. Der Fall vom Bahnhof liege nun bei der Bundespolizei, die zuständig ist. Dass die Kollegen auf Jenny und ihren Partner ablehnend wirkten, könne er sich nicht erklären. „Dass Polizisten auch mal keine Personalien von Zeugen aufnehmen, kann nur sein, wenn für sie der Fall schon klar ist und alle nötigen Informationen vorliegen.“ Im entsprechenden Fall hätten sich Täter und Opfer wohl auch gekannt. Dass Menschen bei ausländisch aussehenden Opfern weniger bereit sind zu helfen, glaubt der Polizist allerdings nicht. „Ich glaube, im Ernstfall achten Leute weniger darauf, welcher Nationalität ein um Hilfe Rufender angehört. Das ist nicht ausschlaggebend. Und sollte es für jemanden doch den Ausschlag geben, sollte derjenige dringend mal seine geistige Haltung überprüfen.“

Subjektives Sicherheitsgefühl vs. Zahlen

Dass immer mehr Menschen auch aus Angst, selbst in Gefahr zu geraten, nicht eingreifen, könne, so sagt Schäfer, auch an dem wachsenden Gefühl der Unsicherheit liegen. „Das subjektive Sicherheitsgefühl wird in Teilen auch dadurch beeinflusst, dass immer intensiver über einzelne Gewalttaten berichtet wird. Man meint, es würde viel mehr passieren, weil das Thema immer in den Medien ist. Tatsächlich hatten wir in Fulda in den vergangenen Jahren aber sinkende Zahlen.“ Seit 2012 hat sich die Anzahl der im Landkreis Fulda registrierten Straftaten von damals 11.002 Delikten auf 9140 im Jahr 2015 verringert. Die Statistik für 2016 wird in den kommenden Wochen erscheinen.

Zivilcourage zeigen – so einfach ist es

– Kleine Schritte statt Heldentaten
– Unterstützung organisieren
– Öffentlichkeit herstellen – Passanten auf die Situation aufmerksam machen
– Initiative ergreifen und einen Notruf absetzen
– Umstehende zum Handeln motivieren
– Opferperspektive einnehmen, sich die Frage stellen: „Was würde mir jetzt helfen?“

Ein Kommentar

Schämen sollte man sich, damit hat Jenny vollkommen Recht. Wir lesen in den Medien jeden Tag von neuen Schrecken, die unsere Welt heimsuchen. Attentate, Krieg, Mord – obwohl sich zum Glück laut einer Umfrage von Infratest Dimap 73 Prozent der Deutschen sicher fühlen, ist das Thema Sicherheit omnipräsent. Insgeheim hoffen wir, dass es uns nie trifft. Aber wie sicher wir uns fühlen, wie sicher es in unserem Land ist, hängt zu einem Teil auch von uns selbst ab. Denn wenn wir nicht mehr bereit sind, einander zu helfen, wenn wir uns einander immer mehr entfremden, werden wir uns auch immer bedroht fühlen. Der Mensch fürchtet bekanntlich das Fremde am meisten.

Und dagegen können wir selbst etwas tun, indem wir mit offenen Augen durch die Welt gehen, lieber einmal zu viel die Polizei um Hilfe anrufen als zu wenig, lieber einmal zu viel anderen die Hilfe anbieten. Ob es dabei um Flüchtlinge geht, die aus Krieg und Verfolgung in unser Land fliehen, oder dem Rentner, dem man im Bus den Platz anbietet. Hilfsbereitschaft und Offenheit sind die Grundlage eines Zusammenlebens, das auch Sicherheit vermittelt. Hass und Angst können nur Angst und Hass sähen. Und wer das nicht will, sollte bei sich anfangen.

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QuelleFoto: Jonathan Stutz/fotolia.com
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Buchstabendompteurin im Dienste der move36-Redaktion mit einem besonderen Blick auf gesellschaftliche Brennpunkte der Region.