Die Kirche hat ein dickes Problem. Immer weniger katholischen Jugendlichen ist der Glaube an Gott wichtig. Das hat Shell in seiner aktuellen Jugendstudie herausgefunden. Kein Wunder, dass die Mitgliederzahlen zurückgehen. Einer, der der Kirche den Rücken gekehrt hat, ist Richard Fischer, 28-jähriger Informatiker aus Haimbach und Protagonist aus der Titelstory der Dezember-/Januarausgabe von move36. Warum er sich zum Kirchenaustritt entschlossen hat.

Glaubst du?

Ja ich glaube, dass es eine höhere Macht gibt. Das liegt aber auch sicher daran, dass ich katholisch erzogen wurde. Dass wir hier auf der Erde sind und dann einfach am Ende des Lebens wie Laub verwelken, ist ein trauriger Gedanke. Ich glaube aber nicht an die Institution Kirche.

Was verbindest du mit der Kirche?

Mit der Kirche verbinde ich Tradition, sonst nichts. Ich musste die Kommunion und die Firmung machen. Das war fremdbestimmt. Die Firmung machen doch viele nur, weil sie wissen, dass sie viel Geld bekommen und um die Oma glücklich zu machen.

Welchen Stellenwert hatte die Kirche einmal in deinem Leben?

Bei der Kommunion war ich in einem Alter, in dem ich noch richtig geglaubt habe. Es gab ein großes Fest, man stand im Mittelpunkt. Das war schon schön. Als Kind hab ich auch gebetet. Wahr geworden ist keines der Gebete. Die Hausaufgaben waren trotzdem nicht erledigt.

Als die Großeltern noch gelebt haben, hatte Religion einen hohen Stellenwert. Meine Geschwister und ich sind dann mit der Oma in die Kirche gegangen, einfach um mit ihr was zu machen. Ich fand den Pfarrer auch immer sehr überzeugend, als ich jünger war. Mit der Firmung hat sich das dann geändert.

Ich war älter, habe angefangen, zu hinterfragen. Das hängt auch sicher mit der zunehmenden Bildung zusammen. Wenn ich heute eine Predigt höre, kommt mir das vor wie eine Farce. Die glauben zwar, was sie da erzählen, für mich klingt das aber immer nach einer schönen heilen Welt, die es nicht gibt.

Warum bist du ausgetreten?

Die Steuern waren der Hauptgrund. Das verstehen die meisten. Ich zweifle aber auch an der Institution der katholischen Kirche. Den Glauben, den ich habe, kann ich auch im Privaten leben, dafür brauche ich keine Kirche.

Trotzdem hat sich der Moment, in dem ich den Zettel für den Austritt unterschrieben habe, komisch angefühlt. Vielleicht, weil ich so einen Teil Kindheit hinter mir gelassen habe. Dabei bin ich voller Überzeugung ins Bürgerbüro gegangen.

Wie intensiv hast du dich mit dem Kirchenaustritt beschäftigt?

Ausgetreten bin ich schon vergangen Juni. Allerdings hatte ich das schon vor vier Jahren geplant. Da habe ich mich das erste Mal damit beschäftigt, wollte wissen, wie das funktioniert, wo ich mich hinwenden muss. Ich habe mir vorher sehr intensiv Gedanken darüber gemacht. Ich habe mich gefragt, wie wohl die Leute reagieren.

Ich komme aus Haimbach und habe den Eindruck, dass die Menschen dort sehr gläubig sind. Wenn man sich nur vor sich selbst rechtfertigen muss, ist das eine Sache. Aber sich vor der Gesellschaft zu rechtfertigen noch einmal eine andere. Das macht es eigentlich schwer.

Bist du glücklich mit dem Austritt?

Ich habe es nicht bereut und es fühlt sich mit der Zeit immer besser an.

Wie hat deine Familie reagiert?

Meine Mutter ist sehr gläubig, redet auch nie schlecht über die Kirche. Meinen Kirchenaustritt hat sie so hingenommen und gar nicht mal verteufelt, war aber etwas wehmütig. Aber für sie käme der Schritt nicht in Frage. Mein Bruder will jetzt auch austreten, meinte er.

Was kritisierst du an der Kirche?

Mich stört, dass sich die Kirche als das Gute der Welt präsentiert, aber ein Business-Unternehmen ist. Sie predigt Moral, handelt aber unmoralisch. Da muss man nur die Missbrauchsfälle sehen.

Was ist vielleicht gut an der Kirche?

Sie gibt Antworten, die man selbst nicht mehr suchen muss. Man gibt Verantwortung an die Kirche ab. Dennoch ist Kirche nicht mehr zeitgemäß, spiegelt die Gesellschaft nicht wieder. Vielleicht ist das auch ganz gut, gerade weil die Welt sich so schnell wandelt und damit viele Menschen überfordert. Als alter Mensch, der heute noch lebt, ist die Kirche vielleicht die einzige Konstante. Sie hat also ihre Existenzberechtigung.

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