Seit dem zweiten Mai läuft in Fulda die Rolli-Challenge Plus* 2017, bei der man sich für einen Tag in den Alltag unserer sehbehinderten und rollstuhlfahrenden Mitbürger einfühlen kann. Dieses Mal war ich mit Blindenstock und Maske unterwegs – glücklicherweise nicht alleine. Werner Auth ist bereits seit seinem zwölften Lebensjahr sehbehindert und hat mir Fulda auf eine Art und Weise gezeigt, die meinen Blick auf das Blindsein erheblich verändert hat.

Ein Text von Markus Mende

Schon im Vorhinein hatte ich ein bisschen Bammel davor, mich komplett blind durch die Stadt zu bewegen. Vor allem, weil ich mich in Fulda nicht wirklich auskenne. Ich treffe Werner Auth, der auf den ersten Blick nicht so wirkt, als ob er sehbehindert wäre – er möchte nicht, dass man das sofort erkennt. Zu viel Anfeindungen hat er bereits über sich ergehen lassen müssen, sogar als „Mensch zweiter Klasse“ wurde er bezeichnet. „Als Blinder bist du in der Gesellschaft nichts mehr wert“, sagt er. Da muss ich schon heftig schlucken. Genau wegen solcher Kommentare will er Menschen mit seinen Stadtführungen für das Thema Sehbehinderung sensibilisieren.

Ohne Anleitung ist das jedoch schwierig. Deswegen zeigt er mir zuerst ausführlich, wie ich einen Blindenstock benutze. Einfach loslaufen – so geht das nämlich nicht. Dann geht es los – zuerst mit einer Brille, durch die ich die Welt ansatzweise so sehe, wie Werner Auth es tut. Der Tunnelblick, so nennt er es selbst, lässt mich gerade so Formen und Konturen erkennen.

So sah die Brille aus. Lediglich in der Mitte waren ganz kleine Punkte, durch die ich etwas sehen konnte, der Rest war abgedunkelt. Wie in einem Tunnel eben.

Wir laufen die Karlstraße entlang, und ich merke schnell, dass ich im Schatten eigentlich gar nichts sehe. Auch wenn es zu hell ist, erkenne ich Menschen erst, wenn sie unmittelbar vor mir stehen. Ganz blind war ich aber nicht. Doch auch die Herausforderung sollte ich noch meistern müssen. Werner Auth hat dafür extra eine Schlafmaske mitgebracht, durch die ich absolut gar nichts sehe.

Von hier an blind

Jetzt muss ich mich komplett auf den Blindenstock verlassen und meine Umgebung abtasten. Eigentlich sollen mir die Leitsysteme der Stadt dabei helfen, die sind aber in der Realität meist völlig unbrauchbar. Man kann sie einfach nicht gut ertasten – darüber denkt leider kein sehender Architekt nach, findet auch Werner Auth.

Also orientiere ich mich an den Hauswänden rechts von mir. Ich muss mich sehr stark konzentrieren, nicht irgendwo dagegen zu laufen. Trotzdem bleibe ich immer wieder an Blumenkübeln, Ladenschildern oder mit dem Blindenstock im verdammten Fuldaer Pflasterstein hängen. Als wir  eine Straße überqueren wollen, wird mir echt ein bisschen mulmig. Ich kann die Autos ja nicht sehen, und sie nur zu hören, jagt mir eine Heidenangst ein.

Gott sei dank führt mich Werner Auth über die Straße und verrät mir ein paar Tricks. So gibt es unter den Ampeldrückern einen Extraknopf, der die Richtung anzeigt und das „Biep”-Signal auslöst. Auch beim Treppensteigen gibt es einen Kniff: Werner Auth nimmt mich an die Hand und drückt kurz zu, wenn die Treppe beginnt. Die ganzen kleinen Tricks helfen mir auf jeden Fall ungemein!

Der nicht ganz so eigenständige Selbstversuch

Bevor ich mich ganz ohne Hilfe versuche, probiere ich noch andere Brillen aus, die die Erkrankung Grüner Star oder Makuladegeneration simulieren. Doch für den Test ohne Hilfe will ich es ganz blind versuchen und ziehe wieder die Schlafmaske auf. Ich will vom Uniplatz an die Eisdiele am Buttermarkt laufen, ohne Tipps von Werner Auth. Konzentriert bahne ich mir meinen Weg und merke, dass ich ohne Hilfe die Eisdiele wohl niemals erreicht hätte. Immer wieder weist mich mein Begleiter auf Hindernisse hin, bis wir schließlich unser Ziel erreichen. Total geschafft bin ich froh, als ich die Maske wieder abziehen kann.

Fazit

War die Rollstuhl-Challenge nur körperlich anstrengend, brauche ich hier meine gesamte Hirnleistung – und das wirklich die ganze Zeit über. Ich muss mich auf alle anderen Sinne außer das Sehen verlassen. Kein Wunder, dass mein Kopf danach Matsch ist. Ich bin aufmerksamer geworden – mittlerweile teste ich bei den Leitsystemen mit dem Fuß, ob man sie auch ertasten kann.

Seitdem ich selbst fast vor eines gelaufen wäre, sehe ich außerdem überall Hindernisse, bei denen ich mir denke „Oh, ein Blinder könnte hier Probleme bekommen”. Diese Bushaltestelle zum Beispiel ist gemeingefährlich. Mit dem Blindenstock ertastet man die höhergelegene Glasscheibe nämlich erst, wenn es schon zu spät ist.

Werner Auth fragt mich am Ende: „Wenn du wählen müsstest, wärst du lieber blind oder im Rollstuhl?” „Rollstuhl!” antworte ich, wie aus der Pistole geschossen. Nicht, dass es Rollstuhlfahrer einfacher hätten, aber die Konzentration aufrecht zu erhalten, ist wirklich sehr fordernd.

Von den Anfeindungen habe ich nichts mitbekommen. Das lag aber daran, dass ich – wie beim Rollstuhl fahren – nur an der Oberfläche gekratzt habe und ich leider zu einfach als „nicht-blind” zu identifizieren war.

Wie es ist, einen Tag im Rollstuhl zu verbringen, hat Markus ebenfalls im Rahmen der Rolli-Challenge getestet.

Die Rolli-Challenge ist eine Aktion der Interessengemeinschaft barrierefreies Fulda e.V. (IGbFD). Rollstühle können während der Aktion, also noch bis zum 2. Juni montags bis samstags ab 9 Uhr im Sanitätshaus Keil (Robert-Kircher-Straße 12) ausgeliehen werden. Wenn ihr in der Gruppe einen Selbsttest machen wollt, meldet euch vorher unter (0661) 250 630 an.

Wenn du auch eine Führung mit Blindenstock und Maske bzw. Simulationsbrille machen möchtest, kannst du dich bei Herrn Auth von der IGbFD unter (0157) 38839080 anmelden.

Die Interessengemeinschaft ist eine von vielen Gruppen hier in der Region, in der Menschen sich gegenseitig helfen, sich selbst zu helfen. In unserer Themenwelt „Wir müssen reden!“ stellen wir solche Gruppen vor und zeigen, das Selbsthilfe uns alle angeht.

Einen Überblick aller Selbsthilfegruppen in Osthessen bietet die Broschüre Selbsthilfegruppen Osthessen.

Wenn du Fragen oder Anregungen hast, freuen wir uns, wenn du uns anschreibst.

Eine weitere Möglichkeit, sich dem Thema Inklusion anzunähern, ist der zweite Inklusiver Sport-Info-Tag an der Hochschule Fulda am kommenden Mittwoch, 24. Mai. Von 12 bis 15 Uhr können Besucherinnen und Besucher mit Hilfe der Interessengemeinschaft barrierefreies Fulda (IGbFD) an zahlreichen Mitmachstationen erfahren, was es heißt, den Alltag mit  einem Handicap zu bewältigen und bei der Podiumsdiskussion unter anderem mit der Paralympics-Siegerin Manuela Schmermund zum Thema „Sport als Möglichkeit, Inklusion zu leben?“ diskutieren.

Ab 18 Uhr diskutieren Expertinnen und Experten im Café Chaos die Frage, ob Sport eine Möglichkeit ist, um Inklusion zu leben. Auch dazu sind alle Interessierten herzlich eingeladen. Für Gehörlose wird die Veranstaltung in Gebärdensprache übersetzt.

Auf dem Podium diskutieren:

  • William Sonnenberg: Dipl. Sportwissenschaftler, Referent für Sport & Inklusion des Landessportbundes Hessen, Landeslehrwart des Hessischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes
  •  Manuela Schmermund: Fünffache Paralympics-Teilnehmerin, Paralympics-Siegerin 2004 im Luftgewehr, kooptiertes Präsidiumsmitglied im Deutschen Behindertensportverband e.V., Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
  • Michaela Lengsfeld: Geschäftsführerin antonius Netzwerk
  • Waltraud Born: stellvertretende Vorsitzende des Sportkreis Fulda Hünfeld

Darüber hinaus werden Vertreterinnen und Vertreter aus Sportverbänden, Politik und dem Bereich Fortbildung vor Ort sein.

Auf einen Blick:
Zweiter Inklusiver Sport-Info-Tag
Mittwoch, 24. Mai 2017
12 bis 15 Uhr: Mitmachstationen auf dem Vorplatz der Mensa
18 bis 20 Uhr: Moderierte Podiumsdiskussion im Café Chaos, Gebäude 46 (E)
Der Eintritt zur Podiumsdiskussion ist kostenfrei.

Über den Hochschulsport

Der Fuldaer Hochschulsport engagiert sich intensiv in den Bereichen Behindertensport und Inklusion. Zusammen mit dem TSV Hilders hat er im Januar 2014 eine bundesweit anerkannte inklusive Sportgruppe etabliert. Die dabei gesammelten Erfahrungen wurden Inhalte von Publikationen, Schulungen und Lehraufträgen. Der Fuldaer Hochschulsport schult bundesweit Hochschulsport-Übungsleiterinnen und Übungsleiter im Inklusionssportbereich. In den Jahren 2014, 2015 und 2016 gewann er das Bildungsranking der bundesweiten Hochschulsporteinrichtungen mit weniger als 15.000 Studierenden. Der Fuldaer Hochschulsport kooperiert mit Vereinen im Behinderten-/Inklusionssportbereich, etwa der Rehasportabteilung des TSV Hilders 1919 e.V., der Rollstuhlrugbyabteilung des VfL Lauterbach und dem Sportkreis Fulda Hünfeld. Seit diesem Jahr besteht zudem ein Kooperationsvertrag mit dem Hessischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband (HBRS). „Der Hochschulsport könnte als regionale Schnittstelle fungieren und in der Region Osthessen zwischen Inklusionsforschung und dem organisierten Sport ‚vermitteln‘, sowie inklusive Bewegungs-, Sport-, Gesundheits- und Freizeitchancen in der Region Fulda mit optimieren“, sagt Dr. Jan Ries, der Leiter des Fuldaer Hochschulsports.

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