Warst du schon mal im antonius Landencafé am Severiberg? Ein Inklusionsbetrieb für Menschen mit Handicap. Nein? Unser Volontär Daniel bisher auch noch nicht. Einen Nachmittag hat er das Treiben im Café beobachtet.

Ich schlendere durch das frühere Handwerkerviertel in Fuldas Innenstadt. Malerische, verwinkelte Gässchen. Alte, aber gut erhaltene Fachwerkhäuser. Mein Ziel: das antonius LadenCafé – ein Ort, wo Menschen mit Handicap arbeiten. Er ist etwas versteckt am Severiberg. Warum war ich noch nie hier, frage ich mich, als ich das Eckchen gefunden habe. Auf einer Mauer, auf einem kleinen Tisch, auf Baumklötzen liegen selbstgemachte Adventskränze. Wie durch einen Torbogen schreitet man zwischen der gotischen Severikirche und einem Fachwerkhaus mit gemauertem, rötlichen Sockel über die gartenähnliche Terrasse in das Café. Kleine Sträucher und Büsche und ein paar eigens gezimmerte Vogelhäuschen umranden Tische und Stühle.

Ich bestelle meinen Kaffee bei Kim. Sie ist 16 und macht hier ein Jahrespraktikum. „Es ist einfach lockerer hier als in anderen Cafés, man hat mehr Spaß, und Fehler sind nicht so schlimm“, erzählt sie. Neben den Betreuern bedienen, kochen, flechten, hobeln und stricken 20 Menschen unterschiedlichen Alters mit Handicap im LadenCafé. Kaum ein Stuhl gleicht dem anderen. Ich sitze auf einem hellbraunen Stuhl, den einer der Jugendlichen selbst geflochten hat. Fast alles hier ist selbstgemacht. Holztablette für den Kaffee, Keramiktassen, grüne und rote Dekokissen. Und natürlich das Essen.

Das Café ist fast leer. Eine ältere Dame lächelt mich an. Zwei Mädels, die eine Ausbildung im sozialen Bereich machen, durchblättern die Fuldaer Zeitung. Sie nehmen an der Azubi-Aktion des Blattes teil, klärt mich Café-Chef Christian Bayer auf. „Zwischen Herbst und Weihnachten ist immer etwas weniger los“, erzählt er. Während ich mit Christian rede, kommen zwei Mädchen im Teenageralter mit Handicap zu uns, eine erzählt grinsend von ihrem Lieblingsfilm, den sie wie so viele andere Mädels schon etliche Male verschlungen hat: Titanic. Wir müssen ebenfalls grinsen.

Ein Ort, wo Inklusion funktioniert

Über die Terrasse führt mich Christian in den Laden des Cafés. Vier Frauen flechten Adventskränze oder stricken Mützen. Sie lassen sich nicht beirren. Der Raum ist voll von Deko aus Holz, Keramik und Textilien.

Doch das war noch nicht alles vom antonius LadenCafé. Christian und ich gehen über die Außentreppe nach oben in den Werkraum. Er hat ungefähr die Größe von zwei Garagen. Drei Jungs und ein Mädchen mit Handicap tüfteln konzentriert. Einer flicht einen Stuhl. Das Mädchen zeigt mir stolz ihre gestrickte Schneeflocke. Die Vier sind ausgelassen, sie arbeiten gerne hier – das spürt man. Ein Ort, wo Inklusion funktioniert, denke ich. Schön!

Wir gehen wieder runter. Im Café ist Leben eingekehrt. In einer Ecke kreiert ein junger Typ einen weiteren Stuhl. Die zwei Azubis durchforsten noch die Zeitung. Und an der Theke lassen sich drei Damen über ein selbstgeschreinertes Holzgestell zum Kaffee kochen beraten, bei dem das kochende Wasser direkt durch den Filter in die Tasse läuft. Mmh! Frischer Kaffeeduft.

Man bekommt hier seinen Kaffee, der uns morgens Leben einflößt, wie in jedem anderen Café. Und doch ist es ganz anders. Überhetzte Menschen, die entnervt auf ihren Kaffee warten, den sie dann beim Auto fahren genießen, trifft man hier nicht. Der familiäre Umgang der Mitarbeiter, die Menschen mit Handicap, die in ihrer Arbeit aufgehen, die idyllische Kulisse verlocken mich dazu, mein Büro nach hier zu verlegen. Leider nicht möglich.

Bevor ich mich verabschiede, drückt mir Christian noch lächelnd vier Gutscheine in die Hand – „damit du wiederkommst“, sagt er. Wäre nicht nötig gewesen. Ich komme auf jeden Fall wieder. Vermutlich schon bald – wenn die nächsten Geburtstage anstehen und ich ein nettes Geschenk brauche.

Diese Reportage entstand im Rahmen der Volontärsausbildung der Parzeller Nachwuchsakademie. 

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