23 Zivilschutzanlagen gab es in Berlin zur Zeit des Kalten Krieges für den Fall eines atomaren dritten Weltkrieges. Im Mai haben die Volontäre von move36 und der Fuldaer Zeitung die Berliner Unterwelten besichtigt. Sie geben einen Eindruck davon, wie real die Bedrohung durch die Blockkonfrontation war. Eine Reportage von Daniel Beise.

Donnerstag, 18. Mai. 18 Uhr in Berlin. Wir Volontäre von move36, der Fuldaer Zeitung und unsere beiden Betreuer brüten in der Hitze, warten vor einem unscheinbaren, quadratischen Betonklotz mit vergitterter Tür. Da kommen unsere beiden Guides, die uns die Berliner Unterwelten offenbaren wollen. Bevor wir in die kilometerlangen, unterirdischen Schächte hinabsteigen, weist uns Thomas Sieron, einer der beiden Kenner, auf die rechteckigen Betonpfeiler hin, die überall in der Mitte der Straße etwa zwei Meter aus dem Boden ragen. Belüftungsschächte für die Schutzbunker. Der 41-Jährige hat in Berlin Geschichte studiert. Seit zwei Jahren führt er Interessierte durch die Unterwelten. „Die Geschichte Berlins ist einfach interessant“, sagt er.

Mit jeder Stufe nach unten sinkt auch die Temperatur. Pulli raus. Wir befinden uns in einer der 23 Zivilschutzanlagen, die teils aus dem Zweiten Weltkrieg reaktiviert, teils in den 70er und 80er Jahren für den Fall eines atomaren dritten Weltkriegs erbaut wurden. Helme, Gasmasken, Erste-Hilfe-Taschen und einen großen Plan der Berliner Bunker sehen wir im ersten, garagengroßen Ausstellungsraum. Thomas‘ Stimme hallt. Der Historiker ist in seinem Element. Ich habe auch Geschichte studiert, er steckt mich an mit seiner Begeisterung. Souverän und anschaulich bringt er uns die Spannungen des Kalten Krieges näher.

Was braucht man neben Wasser zum Überleben?

Spannungen zwischen Ost und West, die genau hier in Berlin am intensivsten waren, verdinglicht in Form dieser Bunker. Geschichte zum Anfassen, Sehen und Hören. Ein dumpfes, tiefes Geräusch nähert sich. Eine U-Bahn rattert in einem benachbarten Schacht vorbei. Im nächsten Raum muss ich schmunzeln: Vier Toiletten illustrieren deren Entwicklung vom einfach Blecheimer aus dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Plastiktoilette mit Tüte. „Das ist übrigens eine 1200-Liter-Capri-Sonne“, beschreibt Thomas grinsend das große Behältnis daneben. Es sieht wirklich aus wie ein überdimensioniertes Plastik-Trinkpäckchen, das Wasser darin hätte für drei bis vier Tage für rund 1300 Personen gereicht.

„Aber was braucht es denn neben Wasser und einem stillen Örtchen, um die Grundbedürfnisse abzudecken?“, fragt der Historiker. Keine Antwort. Eine weitere U-Bahn brummt vorbei. Da klingelt es: Luft zum Atmen natürlich. Die Belüftungsanlage bis zu den Abluftschächten auf der Straße sei das komplizierteste System im Bunker. Und wenn der Strom mal ausgefallen wäre? Meine Kollegen Lisa und Lukas versuchen sich an der Kurbelanlage, mit der die Menschen in diesem Ernstfall Strom selbst hätten produzieren können. Sie kommen schnell aus der Puste. Spätestens nach fünf Minuten hätte man wechseln müssen, meint Thomas. „Aber in 48 Stunden im Bunker hat man ja eh nicht viel zu tun“, witzelt er.

Wir gehen weiter durch verzweigte Gänge und Räume, ein Abschnitt ist dunkel. Schwarzlicht-Leuchtstreifen an den Wänden führen uns. Wir betreten einen Ausstellungsraum mit Sitzreihen. Direkt über mir hängt ein Modell der „Little Boy“, jener Atombombe, die der US-Bomber „Enola Gay“ am 6. August 1945 auf die japanische Stadt Hiroshima geworfen hat. Drei Meter lang und vier Tonnen schwer. Über 70.000 Menschen waren sofort tot. Ungeheuerlich – ein Schauer fährt mir den Rücken runter, während Thomas erzählt. Neben den Gräueltaten der Nazis ein unmenschlicher Kriegsakt, eine sinnlose Machtdemonstration, die man mindestens hinterfragen sollte. Wie es damals bereits führende US-Militärs wie Dwight D. Eisenhower oder Douglas MacArthur getan haben.

„Spätestens seit Ende der 60er Jahre war klar: Die Menschheit kann sich selbst auslöschen“, betont Thomas. „Buchen Sie eine Reise nach Europa, solange es Europa noch gibt“ – fordert mich eine Werbung der US-Tourismusbranche von 1981 auf, die an der Wand ausgestellt ist. Eine bizarre Assoziation zu den heutigen, beunruhigenden Entwicklungen weckt sie in mir.

„Vegetarier zu sein, hätte geheißen, nichts zu essen“

Ein paar Gänge weiter, durch eine Tür und wir stehen auf einer Treppe zur U-Bahnstation. Plötzlich sind wir wieder in der Gegenwart. Wir fahren bis zur Pankstraße, zum größeren Bunker, der Schutz für 14 Tage geboten hätte. „Schon die Haltestelle ist Schutzraum“, erklärt Thomas. Am Bahnsteig ist heute wenig los, eine U-Bahn kommt. Ein- und Ausstieg. Beide Ausgänge der Haltestelle hätten mit riesigen Stahlbetontoren hermetisch abgeriegelt werden können. Sie könnten heute noch Schutz bieten. Durch zwei dicke Schleusentore, die ein Eindringen von uranverseuchter Luft verhindert hätten, dringen wir tiefer in diese viertgrößte Zivilschutzanlage Berlins, die knapp 3400 Menschen aufgenommen hätte. Wir sind in der Küche. Zwei Töpfe – fast einen Meter hoch – stehen auf großen Kochplatten. Auf dem Speiseplan: Linseneintopf mit Würstchen aus der Dose. „Vegetarier zu sein, hätte geheißen, nichts zu essen“, so Thomas. Die Küche ist auf Funktionalität, auf das Nötigste getrimmt. Eine Kernseife und ein Küchenhandtuch für zwei Wochen hätten wohl kaum Hygiene nach heutigen Standards gewährleistet.

Unsere letzte Station: einer der Schlafräume. Beklemmend. Auf engstem Raum hätten hier 80 Menschen auf vier Feldbett-Ebenen geschlafen. „Mintgrün ist die beruhigendste Farbe, die Psychologen ausmachen konnten“, erklärt Thomas die Wandfarbe. Ohne Beschäftigung, auf engstem Raum mit vielen Menschen zusammengepfercht zu sein, lässt die menschliche Psyche schneller durchdrehen als man denkt. Schwer vorstellbar, wenn man sowas selbst nicht erlebt hat.

Der Kalte Krieg hat viele Gemüter erhitzt – ein spannendes und gleichsam finsteres Stück Geschichte, aus der ich heute als Besucher der Berliner Unterwelten schnell wieder ans Tageslicht auftauche. Als wir die Bunker an anderer Stelle wieder verlassen, denk ich: Zum Glück mussten diese Anlagen nie für den Ernstfall herhalten.

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QuelleFotos: Daniel Beise
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