Es ist ein Albtraum, der viele Menschen noch erwischen wird. David Sieveking hat seine unheilbar kranke Mutter beim Sterben begleitet. Es ist die traurigste Zeit seines Lebens gewesen – dennoch macht sie Mut.

„Sie haben nicht mehr lange zu leben.“ Die Vorstellung an diesen Satz, gesprochen vom eigenen Arzt, weckt unweigerlich den Gedanken an das Sterben. Dabei liegt, trotz solch einer schlimmen Diagnose, noch ein Teil des Lebens vor dem Betroffenen.

Der Regisseur David Sieveking hat diese Erfahrung gemacht – als Angehöriger. Seine Mutter litt unter Demenz. Sieveking pflegte sie während der letzten Wochen ihres Lebens daheim und hat darüber einen Film gedreht. „Vergiss mein nicht“ heißt er.

„Lebensabendbrot“ im Museumscafé

Die in Fulda ansässige Deutsche PalliativStiftung zeigte den Film zum Auftakt ihrer Reihe „Lebensabendbrot“ im Museumscafé. Auch Regisseur Sieveking ist anwesend gewesen. Er schilderte move36 die Zeit mit seiner sterbenden Mutter. Die traurigste Zeit seines Lebens – gespickt mit vielen heiteren Momenten.

Was ist das „Lebensabendbrot“

„Lebensabendbrot“ ist eine Reihe, die die Deutsche PalliativStiftung am 16. Mai 2016 im Museumscafé in Fulda gestartet hat. „Wir zeigen dort schöne, aufgedrehte, lustig Filme, die sich mit dem Tod beschäftigen“, sagt Elke Hohmann, Geschäftsführerin der Stiftung.

Zum Start zeigte die Stiftung den Film „Vergiss mein nicht“ von David Sieveking. Sämtliche 120 Tickets gingen über die Theke.

Warum nennt sich die Reihe „Lebensabendbrot“? Zum einem wegen der Thematik der Filme. Zum anderen, weil die Besucher an diesen Abenden gemeinsam ein paar Stullen essen und sich vor, während oder nach der Filmvorführung untereinander austauchen können.

Während dieser Zeit hat Sieveking vieles gelernt.

„Wir mussten irgendwann umschalten, erkennen, dass es eine unheilbare Krankheit ist.“

„Es ging nicht mehr darum, eine Super-Therapie oder -Pille zu finden. Es ging darum, das Beste aus der Zeit zu machen.“

„Es hat etwas mit Würde zu tun, anzuerkennen, dass ein Mensch nicht mehr normal isst. Unter Umständen ist die Verweigerung etwas zu essen der letzte Ausdruck eines Willens.“

Regisseur David Sieveking
Regisseur David Sieveking

„Wollen Sie Ihre Mutter verhungern lassen?“

Die Entscheidung, die Mutter daheim zu pflegen, wurde Sieveking und seinem Vater nicht leicht gemacht. Ärzte beschrieben ihnen Horrorszenarien oder wussten wenig über Palliativversorgung, also dem Lindern von Leiden unheilbar kranker Menschen.

„Mich hat erstaunt und schockiert, wie wenig die Mediziner in dem Krankenhaus, in dem meine Mutter zuletzt gelandet ist, über Palliativmedizin und über das Sterben wussten.“

„Als wir uns gegen eine Magensonde entschieden hatten, fragte uns der Oberarzt, ob wir meine Mutter verhungern lassen wollten. Unter vier Augen sagte er meinem Onkel jedoch, dass er sich wie wir entschieden hätte.“

„Wir haben unsere Mutter irgendwann nach Hause genommen und gesagt, da darf sie sterben, und wir sorgen dafür, dass es ihr dabei gut geht.“

„Das Verrückte war, dass die Ärzte gesagt haben: ‚Nehmen Sie sie mit, aber sie wird dort in ein paar Tagen sterben, wenn Sie nichts machen‘. Sie hat dann noch knapp drei Wochen gelebt.“

„Wir haben durchgeatmet, als meine Mutter zuhause gewesen ist und wir eigentlich nichts mehr gemacht haben. Das hat meiner Mutter total gut getan.“

Was ist Palliativversorgung?

Bei Palliativversorgung geht es darum, das Leben unheilbar kranker Menschen lebenswert zu erhalten. Sie sollen so weit wie möglich am Leben teilhaben können. Das geht zum einen mit Hilfe von schmerzlindernden Medikamenten. Aber auch durch Maßnahmen wie Massagen.

Sieveking erlebte eine intensive Zeit daheim mit seiner Mutter. Seine Erfahrungen können Menschen, die in eine ähnliche Situation geraten, Ängste nehmen. Die Dramatik komplett wegwischen können sie jedoch nicht.

„Es war die traurigste Zeit unseres Lebens. Es gab aber auch heitere und ausgelassene Momente. Mehr als früher. Wir haben viel zusammen gelacht. Ich glaube, man muss zulassen, dass es auch lustig und schön sein kann, um das Schwere zu schultern.“

„Meine Mutter ist noch einmal richtig aufgeblüht. Sie war viel klarer als in den Monaten zuvor. Ich glaube, das lag auch daran, dass wir keinen Stress gemacht haben. Sie musste nichts mehr machen.“

„Zwischen meinen Eltern hat sich tatsächlich noch einmal eine Romanze entwickelt. Vorher haben sie nie Händchen gehalten oder gekuschelt. Es ist eine intellektuelle Beziehung gewesen.“

„Ich möchte aber nichts schönreden. Es ist wahnsinnig anstrengend und schwierig, einen pflegebedürftigen Menschen am Lebensende zu begleiten. Es ist natürlich ein Albtraum.“

„Man kann sich in den Albtraum hineinsteigern. Man sollte aber offen für die guten Seiten sein. Das hat uns wahnsinnig geholfen.“

„Ich kannte sie schlecht“

Während der knapp drei Wochen hat Regisseur David Sieveking seine Mutter neu kennengelernt. Und er hat erkannt, was er all die Jahre versäumt hat.

„Zum einen hatte sich meine Mutter durch die Demenz verändert. Es gab da einen anderen Menschen, dem ich begegnen musste. Das war nicht nur traurig, das war auch schön. Sie hat eine neue Art von Emotionalität und Intimität eingefordert.“

„Es war aber auch traurig zu erkennen, dass ich sie eigentlich recht schlecht kannte und sehr wenig von ihr wusste.“

„Man lebt in seiner Blase und denkt, die Eltern leben ja ewig.“

„Als Kind denkt man sehr egozentrisch. Die Mutter kommt erst auf den Plan, wenn man selbst auftaucht. Dabei hat sie ein Leben vor der Geburt und parallel zum eigenen Aufwachsen.“

„Von meiner Mutter konnte ich aus erster Hand nicht mehr viel erfahren. Sie hatte vieles schon vergessen. Ich musste recherchieren, habe mich mit alten Weggefährten getroffen. Da habe ich erst Respekt für die Person, die sie neben der Funktion als Mutter gewesen ist, gewonnen.“

„Es hat mich begeistert, was sie in ihrem Leben alles gemacht hat.“

Von links: Museumscafé-Geschäftsführer Felix Wessling, DPS-Geschäftsführerin Elke Hohmann und Regisseur David Sieveking

Sieveking ist an dieser traurig-heiteren Zeit gewachsen. Er nimmt Lehren aus ihr mit. Für sich und andere Betroffene.

„Selbst wenn etwas so Schlimmes bei mir passiert, ist das nicht sofort das Ende des Lebens. Es muss kein absoluter Horrortrip sein.“

„Es ist gut, offen dafür zu sein, dass Demenz nicht nur ein Bergab ist.“

„Das Annehmen der Situation und ein entspannter Umgang hat zu großen Verbesserungen geführt. Viel mehr als die Hoffnung auf Ärzte, Therapien und Medikamente.“

„Ich kann aber nicht generell etwas sagen. Es kann auch unmöglich sein, die Situation in eine positive Bahn zu lenken.“

Der Demenz dankbar

David Sievekings Mutter starb schließlich, als er für einige Stunden nicht anwesend gewesen ist. Er hatte sich eine kurze Auszeit genommen, sich um ein paar Sachen gekümmert.

Wie die vergangenen Wochen im Leben der Mutter des Regisseurs war auch die Trauerfeier nicht nur von Trauer durchzogen. Sievekings Vater fand Worte, die verdeutlichen, wie viel Leben im Sterben stecken kann:

„Ich bin der Demenz dankbar dafür, dass ich die Liebe noch einmal entdecken konnte.“

Selbsthilfegruppe für Demenzangehörige

Demenzangehörigengruppe Fulda
Treffen jeden 3. Donnerstag im Monat
17.30-19.00 Uhr
Heilig-Geist Seniorenzentrum, Gambettagasse1, Fulda
Martin Kersting
0661/6006-692
martin.kersting@lk-fulda.de

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QuelleFotos: Sascha-Pascal Schimmel, "Vergiss mein nicht" der Film
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Seit August 2016: Redakteur bei move36-Reportage // Oktober 2014 bis September 2016: Redakteur bei fuldaerzeitung.de // April 2013 bis September 2014: Volontär bei Focus Online // Master of Arts Journalismus (Johannes Gutenberg Universität Mainz) // Diplom-Volkswirt (Julius Maximilians Universität Würzburg)